

Deutschland
Rapunzel
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Rapunzel
Am Rand einer kleinen Stadt lebten ein Mann und seine Frau. Sie liebten einander sehr und wünschten sich schon lange ein Kind.
Hinter ihrem Haus stand eine hohe Steinmauer. Dahinter lag ein wundersamer Garten voller Rosen, silbriger Minze, duftender Kräuter und zartem Rapunzel.
Der Garten gehörte einer Zauberin, die alle Frau Gothel nannten. Man erzählte, sie kenne die Sprache der Pflanzen und könne sich vom Wind Nachrichten aus jedem Winkel des Waldes bringen lassen. Niemand betrat ihren Garten ohne Erlaubnis.
Eines Tages sah die Frau vom Fenster aus das frische Rapunzelgrün. Sie wünschte sich so sehr etwas davon, dass ihr Mann sich Sorgen machte.
„Ich werde die Besitzerin fragen, ob sie uns etwas gibt“, sagte er.
Doch am Abend wartete er nicht auf eine Antwort. Er kletterte über die Mauer und pflückte einige Blätter.
Am nächsten Tag tat er es erneut.
Dieses Mal stand plötzlich Frau Gothel zwischen den Büschen.
„Wer hat dir erlaubt, etwas zu nehmen, das dir nicht gehört?“, fragte sie streng.
Der Mann schämte sich und erzählte ehrlich von seiner Frau.
„Man bittet mit Worten“, sagte die Zauberin, „und schleicht nicht heimlich in fremde Gärten. Aber ich sehe, dass du nichts Böses wolltest.“
Sie erlaubte ihm, etwas Rapunzel mitzunehmen.
Dafür verlangte sie jedoch ein merkwürdiges Versprechen: Wenn in der Familie ein Kind geboren würde, wollte sie ihm selbst die Geheimnisse der Kräuter und die alten Lieder beibringen.
Der verängstigte Mann stimmte zu, ohne lange nachzudenken.
Bald bekam das Paar eine Tochter.
Sie nannten sie Rapunzel.
Frau Gothel hielt an ihrer Forderung fest und nahm das Kind zu sich. Sie sorgte für Rapunzel, brachte ihr Lesen, Singen und die Namen der Pflanzen bei.
Doch mit den Jahren verwandelte sich Fürsorge immer mehr in eine Tür, die von außen verschlossen war.
Als Rapunzel älter wurde, brachte Frau Gothel sie in einen hohen Turm mitten im Wald.
Drinnen war er gemütlich. Aber es gab keine Tür und keine Treppe, nur weit oben ein rundes Fenster.
Rapunzel hatte ungewöhnlich langes goldenes Haar.
Wenn Frau Gothel kam, stellte sie sich unter den Turm und rief:
„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“
Rapunzel löste ihre lange Flechte und ließ sie vorsichtig aus dem Fenster hinab. So konnte Frau Gothel hinaufsteigen.
Rapunzel hatte Bücher, Blumen, Stickgarn und eine kleine Laute.
Am liebsten sang sie.
Ihre Stimme zog über die Baumwipfel wie ein heller Faden.
Eines Tages ritt ein junger Prinz durch den Wald und hörte das Lied.
Er hielt an und lauschte lange.
Am nächsten Tag kam er wieder.
Dann noch einmal.
Schließlich sah er Frau Gothel und hörte ihren Ruf.
Nachdem die Zauberin fort war, wartete er bis zum Abend und rief etwas unsicher:
„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“
Rapunzel blickte überrascht hinaus.
„Wer bist du?“
„Ein Reisender, der dein Lied gehört hat. Wenn du mich nicht sehen willst, gehe ich wieder.“
Das beruhigte sie.
„Bleib unten. Wir können auch so reden.“
Das taten sie.
Der Prinz kam mehrmals. Ihre Gespräche wurden immer länger. Er erzählte von Städten, Flüssen, Märkten und vom Meer, das Rapunzel noch nie gesehen hatte. Sie erzählte von Pflanzen, Sternen und Waldvögeln und sang für ihn.
Schließlich sagte Rapunzel:
„Ich möchte die Welt nicht nur durch ein Fenster sehen.“
„Dann finden wir einen sicheren Weg aus dem Turm“, sagte der Prinz. „Aber nur, wenn du das wirklich willst.“
Er brachte nach und nach feste Seidenbänder. Rapunzel knüpfte daraus eine lange Leiter und versteckte sie unter einer Bank.
Eines Tages entdeckte Frau Gothel einen Faden.
„Was ist das?“
Rapunzel beschloss, nicht zu lügen.
„Ich möchte den Turm verlassen. Ich bin dir dankbar für alles, was du mir beigebracht hast, aber ich will nicht mein ganzes Leben unter einem verschlossenen Himmel verbringen.“
Frau Gothel wurde wütend.
Sie hatte Angst, den Menschen zu verlieren, den sie so lange als ihren Besitz betrachtet hatte.
„Die Welt ist gefährlich!“, rief sie.
„Aber der Turm kann nicht meine ganze Welt sein“, antwortete Rapunzel ruhig.
Im Zorn schnitt die Zauberin Rapunzels lange Flechte ab.
Doch Haare sind keine Flügel.
Rapunzel verlor weder ihren Mut noch ihre Stimme.
Frau Gothel brachte sie in eine abgelegene Waldhütte und befahl ihr, dort über ihre angebliche Undankbarkeit nachzudenken.
Am selben Abend kam der Prinz zum Turm.
Frau Gothel ließ die abgeschnittene Flechte hinab, und er stieg hinauf, in dem Glauben, Rapunzel zu sehen.
„Sie ist nicht mehr hier“, sagte die Zauberin. „Vergiss sie.“
Der Prinz erschrak und beeilte sich hinunter. Auf halber Höhe riss die Flechte aus Frau Gothels Händen.
Er fiel nicht tief, denn er konnte sich an einer Efeuranke festhalten. Trotzdem stürzte er in einen dichten Busch und verletzte sich an den Augen durch die Zweige. Einige Zeit konnte er kaum sehen.
Er wanderte vorsichtig durch den Wald, fragte nach Rapunzel und ließ sich von freundlichen Menschen helfen.
Rapunzel lebte unterdessen in der Hütte keineswegs untätig. Sie lernte, selbst Feuer zu machen, essbare Kräuter zu sammeln und Wege im Wald zu erkennen.
Vor allem dachte sie darüber nach, wohin sie als Nächstes gehen wollte.
Eines Morgens hörte sie in der Ferne eine vertraute Stimme.
Der Prinz rief ihren Namen.
Rapunzel lief hinaus.
„Ich bin hier!“
Als er ihre Stimme hörte, ging er auf sie zu. Rapunzel führte ihn sicher zur Hütte und versorgte seine verletzten Augen mit Kräuterwasser, wie Frau Gothel es ihr einst beigebracht hatte.
Langsam heilten seine Augen.
„Du hast mich gerettet“, sagte er.
Rapunzel schüttelte den Kopf.
„Wir haben einander gefunden. Das ist etwas anderes.“
Gemeinsam kehrten sie in das Königreich zurück.
Rapunzel traf auch ihre Eltern wieder. Sie waren älter geworden und hatten jeden Tag bereut, damals aus Angst ein Versprechen gegeben zu haben, das über das Leben ihres Kindes entschied.
„Wir hätten für dich sprechen müssen“, sagte ihre Mutter.
„Jetzt kann ich selbst sprechen“, antwortete Rapunzel.
Später kam sogar Frau Gothel in die Stadt.
Sie blieb vor dem Tor stehen, als hätte sie plötzlich vergessen, wie man anklopft.
Rapunzel ging zu ihr.
„Du hast mir vieles beigebracht“, sagte sie. „Dafür bin ich dankbar. Aber Liebe ist kein Turm. Wer jemanden liebt, muss ihm erlauben zu gehen.“
Frau Gothel antwortete lange nicht.
Dann gab sie Rapunzel ein kleines Säckchen mit Samen aus ihrem Garten.
„Vielleicht kannst du sie irgendwo pflanzen, wo keine Mauer drum herum steht.“
Rapunzel tat genau das.
Neben ihrem neuen Zuhause entstand ein großer Garten voller Kräuter und Blumen. Das Tor stand offen.
Sie sang weiterhin.
Doch nun zog ihre Stimme nicht mehr aus einem verschlossenen Turm über den Wald.
Sie sang dort, wo sie selbst sein wollte.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
