

Tschechien
Ratter-ratter und Kling-kling
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Tschechien
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 12 Min.

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Ratter-ratter und Kling-kling
Am Fuß grüner Berge lebte ein armer Mann mit seiner Tochter Lenka.
Das Mädchen war lebhaft, geduldig und fleißig.
Es konnte Wasser holen, den Garten jäten und Garn spinnen.
Wenn die Arbeit getan war, sang Lenka gern am Fenster.
Einige Jahre später heiratete ihr Vater erneut.
Seine neue Frau hatte ebenfalls eine Tochter namens Dorla, ungefähr in Lenkas Alter.
Am Anfang versuchten alle, friedlich miteinander zu leben.
Doch Dorlas Mutter lobte ihre eigene Tochter ständig und verglich die beiden Mädchen.
„Sieh nur, wie geschickt Dorla ist“, sagte sie zum Vater, selbst wenn Lenka den größten Teil der Arbeit erledigt hatte.
Wenn Lenka drei volle Spulen Garn brachte und Dorla nur eine, legte die Stiefmutter Lenkas Arbeit unauffällig beiseite und erzählte später eine ganz andere Geschichte.
Lenka wollte keinen Streit.
Sie schwieg und arbeitete weiter.
Eines Abends kamen die beiden Mädchen vom gemeinsamen Spinnen in einem Nachbarhaus nach Hause.
Dorla hatte den größten Teil des Abends geredet und gespielt.
Lenka hatte eine ganze Spindel voll schönen Garns geschafft.
Auf dem Weg lag ein breiter Graben.
Dorla sprang zuerst hinüber und streckte die Hand aus.
„Gib mir die Spindel. Dann lässt du sie beim Springen nicht fallen.“
Lenka vertraute ihr und gab sie ihr.
Kaum waren sie zu Hause, lief Dorla zu ihrer Mutter.
„Sieh, wie viel ich gesponnen habe!“
„Und Lenka?“
„Sie hat nur herumgesessen und sich amüsiert.“
Lenka wollte widersprechen.
Doch die Stiefmutter sagte bereits ärgerlich zum Vater:
„Ich habe es dir doch gesagt. Deine Tochter gibt sich überhaupt keine Mühe.“
Der Vater sah, dass Lenka etwas sagen wollte.
Doch statt zuzuhören, winkte er müde ab.
Das war ungerecht.
Später bereute er sein Schweigen sehr.
Am nächsten Morgen sagte die Stiefmutter:
„Lenka soll einige Tage allein in der alten Waldhütte bei den Bergen verbringen. Dort lernt sie Selbstständigkeit.“
Dem Vater gefiel der Vorschlag nicht.
Doch statt klar Nein zu sagen, brachte er seine Tochter tatsächlich zu der alten Hütte, die früher Waldarbeitern gehört hatte.
„In drei Tagen komme ich zurück“, versprach er. „Es gibt ein Dach, einen Ofen und eine Quelle in der Nähe.“
Die Stiefmutter hatte Lenka einen Sack mit angeblichen Vorräten mitgegeben.
Nachdem der Vater gegangen war, öffnete das Mädchen den Sack.
Darin lagen trockenes Stroh, einige Steine und eine Handvoll Asche.
Lenka setzte sich auf die Bank.
„Das ist also mein Abendessen“, sagte sie traurig.
Sie war verletzt und ein wenig ängstlich.
Doch nach einer Weile wischte sie sich die Tränen ab.
„Zuerst suche ich Wasser. Dann sehe ich weiter.“
Da klopfte es an der Tür.
Vor der Hütte stand ein kleiner alter Wanderer mit einem sehr langen grauen Bart.
„Guten Abend, Kind.“
„Guten Abend, Großvater. Kommt herein. Draußen ist es kalt.“
„Hättest du etwas Wasser für mich? Und vielleicht einen kleinen Bissen zu essen?“
Lenka wurde verlegen.
„Ich würde gern teilen. Aber gerade habe ich entdeckt, dass ich selbst nichts Essbares habe. Wasser finden wir trotzdem.“
Der Alte lächelte.
„Sieh einmal hinter die Hütte.“
Lenka ging hinaus.
Zwischen den Steinen sprudelte eine klare Quelle.
Daneben stand ein kleiner Holzeimer.
Sie holte Wasser, brachte es hinein und half dem alten Mann beim Waschen.
„Schade, dass ich nichts zu essen anbieten kann.“
„Sieh noch einmal in deinen Sack“, sagte der Gast.
Lenka öffnete ihn.
Die Asche war verschwunden.
Stattdessen lag Mehl darin.
Das Stroh hatte sich in duftende getrocknete Pilze verwandelt.
Die Steine waren zu runden Broten geworden.
„Wie ist das möglich?“
Der alte Mann zwinkerte nur.
Lenka machte Feuer, kochte Pilzsuppe und stellte Brot auf den Tisch.
„Esst, Großvater. Es reicht für uns beide.“
Nach dem Abendessen überließ sie ihrem Gast das kleine Zimmer mit dem Holzbett und schlief selbst auf der Küchenbank.
Mitten in der Nacht hörte Lenka leises Klopfen.
Klopf, klopf, klopf.
Sie wachte auf.
Der alte Wanderer war verschwunden.
Stattdessen stand bei der Tür ein winziger Mann, kaum so hoch wie ihr Knie.
Sein Bart war so lang, dass er fast den Boden berührte.
Feierlich sagte er:
„Klein bin ich von Gestalt,
mein Bart reicht fast zum Boden.
Wer Güte gern verschenkt,
dem kehrt sie wieder hundertfach.“
Lenka setzte sich erstaunt auf.
„Seid Ihr derselbe Wanderer?“
„Ja. Man nennt mich Langbart. Ich wollte sehen, ob du auch das Wenige teilst, das du hast.“
Er stellte einen kleinen Beutel auf den Tisch.
Kling-kling.
Lenka schaute hinein.
Darin lagen Goldmünzen.
„Das ist viel zu viel!“
„Dann nimm nur so viel, wie du wirklich brauchst. Den Rest verwenden wir für gute Dinge.“
Lenka dachte nach.
Sie nahm nur einen Teil.
„Mein Vater soll das Dach zu Hause reparieren, Saatgut für den Frühling kaufen und nicht mehr wegen der Schulden sorgen müssen.“
Langbart nickte zufrieden.
„Eine gute Entscheidung.“
Er klatschte in die Hände.
Die alte Waldhütte wurde plötzlich gemütlich.
Im Ofen knisterte Feuer.
Auf dem Bett lag eine warme Decke.
Auf den Regalen standen Getreide, Äpfel und Töpfe mit Honig.
„Drei Tage gehen schnell vorbei“, sagte der Zwerg und verschwand.
Als Lenkas Vater sie abholen kam, erwartete er eine kalte Hütte und ein verängstigtes Kind.
Stattdessen empfing seine Tochter ihn mit einer Schüssel heißen Brei.
„Vater, komm herein.“
Er war so erleichtert, dass er lange nichts sagen konnte.
Lenka erzählte von Langbart und zeigte ihm den Beutel.
Der Vater senkte den Kopf.
„Verzeih mir. Ich hätte dir zuhören und nicht bei etwas mitmachen dürfen, das unfair war.“
Lenka umarmte ihn.
„Wichtig ist, dass du von jetzt an zuhörst.“
Sie machten sich auf den Heimweg.
Bei jedem Schritt klangen die Münzen leise im Beutel.
Kling-kling vorne.
Kling-kling hinten.
Am Tor lag der alte Hund.
Als er seinen Herrn sah, bellte er in einem so regelmäßigen Rhythmus, als sage er:
„Wau-wau! Der Herr kommt heim!
Kling-kling vorne,
Kling-kling hinten!“
Die Stiefmutter hörte es und lief hinaus.
„Was klingelt denn da?“
Der Vater öffnete den Beutel.
Gold glänzte in der Sonne.
Dorla riss die Augen auf.
„Ich will auch in diese Hütte!“
Ihre Mutter war sofort begeistert.
„Natürlich! Wenn Lenka mit Gold zurückkommt, bringt Dorla doppelt so viel!“
Der Vater runzelte die Stirn.
„Das ist kein Markt für Zauberei. Aber wenn Dorla wirklich einige Tage selbstständig leben möchte, kann sie hin. Und diesmal bekommt sie ordentliches Essen mit.“
Am nächsten Morgen machte Dorla sich auf den Weg.
Sie hatte warme Kleidung, Brot, Käse, Äpfel und einen Topf Brei.
„Ihr werdet sehen. Ich bringe einen ganzen Sack Gold zurück.“
Am Abend klopfte der alte Wanderer mit dem langen Bart.
„Guten Abend, Kind. Gibst du mir etwas Wasser und ein Stück Brot?“
Dorla drückte ihren Korb an sich.
„Ich habe gerade genug für mich. Such dir selbst Wasser.“
„Vielleicht wenigstens einen Apfel?“
„Nein.“
Der Alte sagte nichts und ging.
In der Nacht klopfte es wieder.
Klopf, klopf, klopf.
Dorla sprang auf.
Vor ihr stand Langbart.
„Wo ist mein Gold?“, fragte sie sofort.
Der Zwerg hob die Augenbrauen.
„Dein Gold?“
„Natürlich. Lenka hat doch auch welches bekommen.“
Langbart stellte einen Beutel auf den Tisch.
„Bitte.“
Dorla griff danach.
Ratter-ratter.
Sie öffnete ihn.
Darin lagen gewöhnliche runde Steine.
„Das ist kein Gold!“
„Richtig“, sagte der Zwerg. „Ein Geschenk bestellt man nicht wie einen Kuchen beim Bäcker. Man bekommt es nicht dafür, dass man etwas verlangt. Manchmal bekommt man es dafür, dass man selbst bereit war zu geben.“
„Nimm deine Steine wieder!“
„Behalte sie ruhig. Sie rattern sehr gut und erinnern an unsere Unterhaltung.“
Langbart verschwand.
Dorla legte sich ärgerlich hin.
Doch der Wind bewegte die Äste.
Sie klopften gegen das Dach.
Und die Steine im Beutel rollten immer wieder gegeneinander.
Ratter-ratter.
Ratter-ratter.
Dorla konnte nicht schlafen.
Sie dachte an den alten Mann, den sie nicht einmal hatte hereinkommen lassen.
An Lenkas Spindel, die sie für ihre eigene ausgegeben hatte.
An all die Male, in denen sie zugelassen hatte, dass ihre Mutter die Schwester ungerecht behandelte.
Kurz vor Morgen setzte Dorla sich auf.
„Diese Steine reden offenbar ehrlicher als ich.“
Als der Vater kam, verlangte Dorla keinen Korb für Gold.
Sie trug ihren Beutel selbst.
Ratter-ratter vorne.
Ratter-ratter hinten.
Der alte Hund hörte sie schon von weitem.
„Wau-wau! Dorla kommt heim!
Ratter-ratter vorne,
Ratter-ratter hinten!“
Die Mutter lief mit einem großen Korb zum Tor.
„Gib das Gold her!“
Dorla schüttete die Steine hinein.
Ratter-ratter-rums!
Die Mutter starrte sie an.
Doch Dorla sagte:
„Mutter, es ist gerecht. Lenka bekam Hilfe nicht, weil sie besser ist als ich, sondern weil sie sogar ihr Weniges geteilt hat. Ich wollte nicht einmal teilen, obwohl ich genug hatte.“
Dann wandte sie sich an Lenka.
„Und die Spindel damals war deine Arbeit. Ich habe sie genommen und gelogen. Verzeih mir.“
Lenka schwieg einige Sekunden.
Dann nickte sie.
„Ich verzeihe dir. Aber beim nächsten Mal spinnst du deine eigene Spindel.“
Dorla lachte.
„Abgemacht.“
Von da an veränderte sich im Haus einiges.
Der Vater schwieg nicht mehr, wenn er Ungerechtigkeit sah.
Die Stiefmutter lernte allmählich, die Mädchen nicht ständig miteinander zu vergleichen.
Und Dorla wurde zwar nicht über Nacht ein völlig anderer Mensch, aber sie fragte immer öfter:
„Soll ich dir helfen?“
Lenkas Gold wurde für das Dach, Saatgut und warme Kleidung verwendet.
Einen Teil legte sie für Menschen zurück, denen es schlecht ging.
Dorla behielt den Beutel mit Steinen.
Wenn sie später wieder einmal fremdes Lob für sich beanspruchen oder das größte Stück Kuchen nehmen wollte, schüttelte sie ihn leicht.
Ratter-ratter.
Und vom Regal, wo Lenka einige Münzen für gute Zwecke aufbewahrte, antwortete es leise:
Kling-kling.
So erinnerte man sich in diesem Haus lange daran:
Güte kann unterschiedlich klingen.
Manchmal klingt sie wie Münzen.
Manchmal wie ein leises Danke.
Und manchmal einfach wie ein Mensch, der endlich die Wahrheit sagt.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
