

Serbien
Das Handwerk, das niemand kennt
Lernen, Verwandlung, Schlauheit, Ausdauer
- Land
- Serbien
- Alter
- 7–11 Jahre

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Das Handwerk, das niemand kennt
Es lebten einmal in einem kleinen serbischen Dorf ein armer Mann, seine Frau und ihr einziger Sohn. Die Eltern arbeiteten von morgens bis nachts und wünschten sich, dass ihr Sohn fleißig und klug werden würde.
Der junge Mann war tatsächlich schlau, hatte aber eine Schwäche: Manchmal wünschte er sich zuerst etwas und dachte erst danach nach.
Eines Tages hörte er die Leute über die Königstochter sprechen. Die gebildete Prinzessin liebte Rätsel, Bücher und ungewöhnliche Handwerke.
„Ich möchte sie kennenlernen“, erklärte der junge Mann.
Seine Mutter hätte beinahe den Apfelkorb fallen lassen.
„Man kann jeden kennenlernen, wenn derjenige es selbst möchte. Aber man kann nicht einfach zum König gehen und seine Tochter verlangen wie einen Sack Weizen.“
Der junge Mann wurde rot. Er begriff, dass er unüberlegt gesprochen hatte.
„Dann gehe ich selbst ins Schloss und bitte nur darum, mit ihr reden zu dürfen.“
Der König hörte ihm ohne Zorn zu.
„Das ist nicht meine Entscheidung“, sagte er. „Frag die Prinzessin.“
Die Prinzessin kam in den Saal und betrachtete den jungen Mann aufmerksam.
„Du sagst, du würdest bis ans Ende der Welt reisen, um mich kennenzulernen?“
„Ja.“
„Dann bring mir kein Gold und besiege niemanden im Kampf. Erlerne ein Handwerk, das niemand kennt. Und wenn du zurückkommst, zeig mir, was es dich gelehrt hat.“
Der junge Mann war ratlos.
„Ein Handwerk, das niemand kennt? Wer soll es mir dann beibringen?“
Die Prinzessin lächelte.
„Das ist schon das erste Rätsel.“
Am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg.
Er zog von Dorf zu Dorf und fragte Schmiede, Töpfer, Zimmerleute, Musiker und Hirten. Jeder kannte sein eigenes Handwerk, aber alle lachten:
„Wenn es niemand kennt, wie sollen wir es dann kennen?“
Nach vielen Tagen setzte sich der junge Mann im Wald auf einen umgestürzten Baum und seufzte tief.
Eine alte Wanderin kam vorbei.
„Warum bist du traurig?“
„Ich suche jemanden, der mir ein Handwerk beibringt, das niemand kennt.“
Die Alte kniff die Augen zusammen.
„Geh geradeaus durch diesen Wald. Du wirst ein Schloss sehen. Dort wohnen vier Riesen. Sie wissen mehr, als sie sagen. Aber hör genau zu und verwechsle Mut nicht mit Leichtsinn.“
Der junge Mann bedankte sich und ging weiter.
Das Schloss stand zwischen Kiefern. Am Tor empfingen ihn vier Riesen.
„Willst du das unbekannte Handwerk lernen?“, donnerte der erste.
„Ja.“
„Dann wohnst du drei Tage hier. Jeden Tag gibt es ein Zimmer, das du nicht betreten darfst. Wenn du hineingehst, musst du eine Prüfung bestehen. Wenn du nicht hineingehst, erfährst du nichts. Du hast die Wahl.“
Der junge Mann dachte: „Das nenne ich Unterricht!“
Am nächsten Morgen gingen die Riesen in den Wald und sagten:
„Geh nicht in das erste Zimmer.“
Natürlich betrachtete der junge Mann die Tür lange. Dann erinnerte er sich an den Rat der Wanderin: Hör genau zu.
„Sie haben nicht gesagt, dass die Tür gefährlich ist. Sie haben gesagt, dass dahinter eine Prüfung wartet.“
Er ging hinein.
Im Zimmer stand ein goldener Esel an einer goldenen Futterkrippe.
„Wenn du keine Angst vor dem Lernen hast“, sagte der Esel, „nimm mein Zaumzeug. Es ruft herbei, was beim Reisen hilft. Aber denk daran: Es gehorcht deiner Absicht, nicht deiner Gier.“
Der junge Mann nahm das Zaumzeug.
Als die Riesen zurückkamen, fragte der erste:
„Warst du drin?“
Der junge Mann wollte lügen, überlegte es sich aber anders.
„Ja.“
„Dann hast du die erste Prüfung bestanden“, sagte der Riese. „Du hast die Wahrheit nicht versteckt.“
Am zweiten Tag verboten sie ihm das zweite Zimmer.
Dort sah der junge Mann ein Mädchen in einem goldenen Kleid. Es gab ihm einen kleinen Schlüssel.
„Er öffnet keine Türen, sondern gibt demjenigen, der ihn hält, die Möglichkeit, seine Gestalt zu verändern. Doch jede Verwandlung muss damit enden, dass du wieder du selbst wirst.“
Am Abend fragten die Riesen wieder:
„Warst du drin?“
„Ja.“
„Gut. Die zweite Lehre lautet: Schäm dich nicht dafür, dass du lernst.“
Am dritten Tag war hinter der Tür nichts Schreckliches. Dort hingen Spiegel. In jedem sah sich der junge Mann anders: als Pferd, Falke, Hase, Fisch und sogar als kleines Samenkorn.
Mitten im Zimmer lag ein eisernes Kettchen.
„Nimm es“, sagte eine Stimme aus den Spiegeln. „Es hilft dir, eine Verwandlung mit der nächsten zu verbinden. Aber vergiss das Wichtigste nicht: Wahre Meisterschaft bedeutet nicht, zu jedem Beliebigen werden zu können. Sie bedeutet, dich selbst nicht zu verlieren.“
Als die Riesen zurückkehrten, sagten sie:
„Du hast das Handwerk gelernt, das niemand kennt, denn es ist jedes Mal anders. Einer sieht darin Zauberei, ein anderer Aufmerksamkeit, ein dritter die Fähigkeit, sich zu verändern. Nun geh und entscheide, was es aus dir machen wird.“
Der junge Mann kehrte nach Hause zurück.
Sein Vater und seine Mutter freuten sich so sehr, dass sie ihn lange nicht aus ihren Armen ließen.
„Zeig uns, was du gelernt hast“, bat der Vater.
Der junge Mann berührte den Schlüssel und wurde zu einem wunderschönen Pferd. Dann wieder zum Menschen. Er schlug mit dem Zaumzeug auf die Erde, und neben ihm erschien ein schnelles braunes Pferd. Er berührte mit dem Kettchen das Gras, und ein Hase lief darüber, gefolgt von einem munteren Windhund. Einen Augenblick später lösten sich alle Zaubergestalten auf.
„Damit kann man die halbe Welt täuschen!“, rief der Vater.
Der junge Mann dachte nach.
„Oder ehrlich Geld verdienen.“
Auf dem Jahrmarkt gaben sie eine wundersame Vorstellung. Der junge Mann verwandelte sich in einen Falken, einen Fisch in einem durchsichtigen Bottich, ein weißes Pferd und wieder in sich selbst. Die Leute bezahlten ein paar Münzen für das Schauspiel, und die Kinder baten, die Verwandlungen noch einmal sehen zu dürfen.
Die Nachricht gelangte ins Schloss.
Der König und die Prinzessin luden den jungen Mann ein, im Hof aufzutreten. Die Prinzessin schaute aufmerksam zu.
„Du hast wirklich ein seltsames Handwerk gefunden“, sagte sie. „Aber ich möchte mehr als schöne Kunststücke sehen. Was wirst du tun, wenn du jemanden triffst, der diese Zauberkunst besser beherrscht als du?“
Als hätte sie auf diese Worte gewartet, erschien am Tor dieselbe alte Wanderin, die ihm einst den Weg zu den Riesen gezeigt hatte.
„Endlich“, sagte sie. „Ich habe gewartet, bis du gelernt hast. Ich mag keine Konkurrenten.“
Sie berührte die Erde und wurde zu einem Habicht.
Der junge Mann verwandelte sich in eine Taube.
Der Habicht stürzte hinter ihr her. Die Taube wurde zum Hasen, der Habicht zum Windhund. Der Hase verwandelte sich in einen Fisch im Schlossteich, der Windhund in einen Otter. Der Fisch sprang als Falke aus dem Wasser, und der Otter wurde zu einem Adlerweibchen.
Über dem Garten wirbelte ein wahrhaft zauberhafter Wettstreit.
Schließlich wurde der junge Mann zu einem Blumenstrauß und fiel direkt in die Hände der Prinzessin.
Die Alte wurde wieder zum Menschen.
„Gib mir wenigstens eine Blume!“
Die Prinzessin schüttelte den Kopf.
„Die Blumen sind von selbst zu mir geflogen. Ich gebe sie niemandem, der es verlangt.“
Da zerfiel der Strauß in Hunderte Hirsekörner. Die Alte wurde zur Henne und stürzte sich darauf, um sie aufzupicken.
Doch der junge Mann verwandelte sich nicht in ein Raubtier, um ihr weh zu tun. Er wurde zum Fuchs, lief im Kreis um die Körner und bellte laut.
Die Henne sprang zurück. Der Zauber zerfiel wie trockenes Laub, und die Alte wurde wieder zur Wanderin.
„Du hättest mich mit Gewalt besiegen können“, sagte sie schwer atmend.
„Wozu?“, antwortete der junge Mann. „Ich musste dich nur aufhalten.“
Die Alte sah ihn lange an. Dann lächelte sie.
„Dann haben dir die Riesen mehr beigebracht als einst mir. Ich konnte meine Gestalt verändern, aber ich habe nicht gelernt, mich selbst zu verändern.“
Sie drehte sich um und verließ das Schloss. Man erzählt, dass sie danach keine Schüler mehr verfolgte, sondern diejenigen unterrichtete, die freiwillig zu ihr kamen.
Die Prinzessin trat zu dem jungen Mann.
„Jetzt sehe ich, was dich das Handwerk gelehrt hat. Nicht bloß Zauberei.“
„Was denn?“
„Du bist weniger ungeduldig geworden. Früher wolltest du sofort eine Antwort. Jetzt kannst du nachdenken, die Wahrheit zugeben und einen Streit ohne Rache beenden.“
Der junge Mann lachte.
„Dann war die schwierigste Verwandlung also weder die in ein Pferd noch die in einen Falken.“
„Genau so ist es.“
Sie feierten nicht gleich Hochzeit. Zuerst unterhielten sie sich lange, spazierten durch die Stadt, lernten die Familie des anderen kennen und stritten über Bücher und Reisen. Erst als beide wussten, dass sie zusammen sein wollten, beschlossen sie selbst, ihr Leben miteinander zu teilen.
Der junge Mann führte sein seltsames Handwerk weiter aus. Doch niemals benutzte er es, um zu betrügen oder jemandem etwas wegzunehmen.
Wenn jemand ihn fragte:
„Wie heißt deine Kunst?“
Dann antwortete er:
„Es ist das Handwerk, das niemand bis ins Letzte kennt. Denn das Schwierigste daran ist, jeden Tag zu lernen, ein wenig besser zu werden, als man gestern war.“
