

China
Rum Bacha und Baki
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- China
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

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Rum Bacha und Baki
Im Land Rum lebte ein König namens Bacha. Er war klug, tatkräftig und konnte ein großes Reich regieren, doch eine unangenehme Gewohnheit hatte er: Er gab nur sehr ungern zu, dass er sich irren konnte.
Seine Frau, die Königin, hatte ebenfalls einen starken Charakter. Sie sagte, was sie dachte, und stimmte nicht bloß zu, um jemandem zu gefallen. Anfangs war Bacha sogar stolz auf ihren Verstand. Später wurden ihre Gespräche jedoch immer häufiger zu Streitgesprächen.
Eines Abends saßen sie am offenen Fenster. Im Garten ertönte plötzlich ein scharfes Bellen.
„Hörst du?“, sagte Bacha. „Das ist ein Tiger.“
Die Königin lauschte.
„Nein. Das ist ein Fuchs.“
„Ein Tiger“, beharrte der König.
„Ein Fuchs“, wiederholte sie ruhig.
Sie stritten so lange, bis Bacha wütend wurde.
„Morgen soll der Rat entscheiden! Wer sich geirrt hat, verlässt für eine Zeit den Palast.“
Am nächsten Morgen versammelten sich die Ratgeber im großen Saal. Sie befragten Hirten, Gärtner und Menschen aus der Umgebung. Alle sagten dasselbe: Tiger kamen fast nie bis zum Palast, Füchse hörte man dagegen nachts häufig.
Die Ratgeber wussten genau, dass die Königin recht hatte. Einige fürchteten sich jedoch davor, den König zu verärgern.
„Wir sagen, er habe recht“, flüsterte der älteste Ratgeber. „Dann haben wir Ruhe.“
So verkündete der Rat eine falsche Entscheidung.
Die Königin stritt nicht weiter. Sie sah ihren Mann nur traurig an.
„Die Wahrheit ändert sich nicht dadurch, dass viele Menschen Angst haben, sie auszusprechen.“
Nach den Bedingungen ihres Streites musste sie den Palast verlassen. Man setzte sie auf ein breites, stabiles Holzfloß und ließ es den großen Fluss hinabtreiben. Der Tag war ruhig und das Floß sicher, doch die Reise blieb lang und einsam.
Der Fluss trug sie durch Felder, an Felsen und hohen Gräsern vorbei, bis das Floß in einem fernen Land ans Ufer gelangte.
Die Königin stieg aus und folgte einem schmalen Pfad. Nach langer Wanderung erreichte sie eine Lichtung, auf der ein weißbärtiger alter Mann am Feuer saß.
„Guten Tag“, sagte sie. „Habt Ihr vielleicht etwas zu essen? Ich habe lange nichts gegessen.“
„Natürlich“, antwortete der Alte. „Setz dich und wärme dich.“
Er teilte alles, was er hatte. Nachdem die Königin sich erholt hatte, sagte er:
„Ich lebe schon lange hier und kenne manche Geheimnisse. Dein Weg war schwer, doch vor dir liegen nicht nur Schwierigkeiten. Geh auf diesem Pfad bis zum kleinen Hügel. Dort beginnt ein neuer Abschnitt deines Lebens. Du wirst einen Sohn bekommen. Nenne ihn Baki. Er wird ein ungewöhnliches Kind sein und eines Tages helfen, Gerechtigkeit wiederherzustellen.“
Die Königin dankte ihm und ging weiter.
So geschah es. Bald bekam sie einen Sohn, den sie Baki nannte. Die alte Erzählung beschreibt ihn als wundersames Kind: Er lernte ungewöhnlich schnell sprechen, laufen und Dinge verstehen, über die andere jahrelang nachdachten.
Mutter und Sohn erreichten ein Nachbarreich. Dort begegneten ihnen drei Königssöhne, die von einem Ausritt zurückkehrten. Als sie erfuhren, dass die Reisenden kein Zuhause hatten, brachten sie beide zu ihrem Vater.
Der dortige König empfing die Königin von Rum mit Respekt und ließ Baki gemeinsam mit seinen Söhnen lernen.
Die Jahre vergingen. Baki wurde stark, aufmerksam und mutig. Er ritt gut, schoss mit dem Bogen, kannte die Wege und ließ keinen Gefährten in Not allein.
Eines Tages ritten die vier jungen Männer in die Berge. Plötzlich erschien vor ihnen eine schneeweiße Hirschkuh. Sie war so schön, dass alle ihr unwillkürlich folgten.
Sie stieg immer höher. Die Pferde der drei Prinzen wurden müde, und die jungen Männer kehrten um. Nur Baki ritt weiter.
Schließlich lief die Hirschkuh zu einer steilen Felswand, berührte sie mit der Schnauze, und der Stein öffnete sich lautlos.
Baki hielt sein Pferd an.
„Was für eine Tür“, flüsterte er.
Die Hirschkuh trat hinein. An der Schwelle verschwand das weiße Fell, und vor Baki stand ein junges Mädchen.
„Hab keine Angst“, sagte sie. „Ich bin ein Mensch. Durch einen Zauber kann ich die Gestalt einer Hirschkuh annehmen.“
Baki folgte ihr. Im Inneren des Felsens lag ein riesiger Saal mit durchsichtigen Säulen, die wie Eis in der Sonne schimmerten.
Das Mädchen erklärte:
„Hier lebt ein mächtiger Oger. Er hält mich in dieser Höhle fest. Ich kann draußen eine andere Gestalt annehmen, aber ich kann mich ohne Hilfe nicht endgültig befreien.“
„Dann helfe ich dir“, sagte Baki.
„Zuerst müssen wir diese Nacht überstehen. Der Oger kommt bald zurück.“
Sie öffnete einen Hohlraum in einer der gläsernen Säulen, und Baki versteckte sich darin.
Bald öffnete sich die Steintür. Der Riese kam herein. Nach dem Essen nahm er ein Saiteninstrument und begann zu spielen. Da geschah etwas Seltsames: Die durchsichtigen Säulen wiegten sich eine nach der anderen im Takt der Musik.
Alle außer der Säule, in der Baki verborgen war.
Der Oger runzelte die Stirn.
„Warum tanzt diese Säule nicht?“
Er wollte sie schon untersuchen, doch das Mädchen sagte schnell:
„Das ist die wichtigste Säule. Wahrscheinlich meint sie, sie müsse würdevoll stehen bleiben.“
Der Riese glaubte ihr und ließ die Säule in Ruhe.
Bei Tagesanbruch ging er fort. Das Mädchen ließ Baki heraus.
„Seine Macht steckt nicht in ihm selbst“, erklärte sie. „Hinter diesem Felsen liegt ein zweiter. Tritt dreimal dagegen und sage: ‚Großer Rabe, öffne die Tür.‘ Drinnen sitzt ein grüner Papagei auf einem roten Stein. Tu dem Vogel nichts. Nimm ihm nur den kleinen goldenen Ring vom Fuß. In diesem Ring liegt die Macht des Ogers über den Zauber.“
Baki tat genau, was sie ihm gesagt hatte.
Nach dem dritten Ruf öffnete sich der Fels. Auf einem roten Stein saß ein grüner Papagei, und an seinem Fuß glänzte tatsächlich ein feiner goldener Ring.
„Fürchte dich nicht“, sagte Baki leise.
Vorsichtig nahm er den Ring ab.
Im selben Augenblick rollte ein Dröhnen durch die Berge. Der Zauber des Ogers zerfiel wie altes Eis im Frühling. Die Steintüren öffneten sich, und der Riese verlor seine magische Macht. Er floh weit in die Berge und kehrte nie zurück.
Das Mädchen war frei.
„Du hast mich gerettet“, sagte sie.
„Wir haben uns gemeinsam gerettet“, antwortete Baki. „Ohne dich hätte ich den Zauber nie gefunden.“
Sie kehrten in die Hauptstadt zurück.
Dort erfuhr Baki eine beunruhigende Nachricht. Der König, der einst seine Mutter aufgenommen hatte, wollte sie nun zwingen, seine Frau zu werden, obwohl sie klar gesagt hatte, dass sie das nicht wollte und in Rum bereits einen Ehemann hatte.
Baki wurde zornig, doch das Mädchen aus der Höhle hielt ihn zurück.
„Kraft braucht man nicht nur zum Kämpfen“, sagte sie. „Manchmal ist der Stärkere derjenige, der die Unwahrheit dazu bringt, sich vor allen selbst zu zeigen.“
Sie brachte Baki einen der Zauber des Ogers bei.
Baki ging zum Palast und verwandelte sich in eine große glänzende Kaurimuschel. Ein Diener fand sie im Hof.
„Was für eine schöne Muschel!“, rief er.
„Allerdings“, antwortete die Muschel.
Der Diener sprang erschrocken zurück.
„Du kannst sprechen?“
„Und noch mehr. Ich weiß einiges über Baki und seine Mutter.“
Die Nachricht erreichte sofort den König. Er ließ die seltsame Muschel in den Thronsaal bringen.
„Was weißt du?“, fragte er.
„Ich weiß“, antwortete die Muschel, „dass man etwas nicht gut nennen darf, wenn ein anderer Mensch nicht damit einverstanden ist. Und ich weiß, dass Baki zurückgekehrt ist.“
Der König wurde rot.
„Ich lasse mich doch nicht von einem Stück Muschel belehren!“
Er befahl, sie mit einem Hammer zu zerschlagen.
Kaum berührte der Hammer die Muschel, zerfiel sie in unzählige leuchtende Stücke. Jedes verwandelte sich in einen bewaffneten Wächter, und mitten unter ihnen erschien Baki.
Die Hofleute wichen zurück.
„Wir sind nicht zum Kämpfen gekommen“, sagte Baki. „Wir sind gekommen, um laut auszusprechen, was hier längst alle wissen. Meine Mutter hat das Recht, selbst über ihr Leben zu entscheiden.“
Der König sah zu seinen Ratgebern. Diesmal wollte keiner aus Angst lügen.
„Das ist wahr“, sagte einer.
„Es ist wahr“, bestätigte ein zweiter.
Der König erkannte, dass er das Vertrauen der Menschen verloren hatte. Er gab seinen Plan auf, überließ die Regierung einem älteren Rat und zog in eine entfernte Residenz, damit die Königin und ihr Sohn frei leben konnten.
Baki wollte nicht mit Gewalt herrschen. Er erklärte sich nur bereit, dem Land zu helfen, solange die Menschen selbst ihn als Herrscher wollten. Bald wählten sie ihn zum König.
Das Mädchen, das er aus der Höhle befreit hatte, wurde seine engste Freundin. Später beschlossen beide zu heiraten. Im Palast sprach niemand mehr von einer Ehe als Belohnung oder Befehl. Es war ihre gemeinsame Entscheidung.
Die Königin kehrte schließlich ins Land Rum zurück.
König Bacha erwartete sie am Ufer desselben Flusses. In den Jahren ihrer Trennung hatte er oft über ihren alten Streit nachgedacht.
„Es war ein Fuchs“, sagte er schon aus der Ferne.
Die Königin lächelte.
„Ich weiß.“
„Ich weiß es jetzt auch“, antwortete Bacha. „Und noch etwas: König zu sein bedeutet nicht, immer recht zu haben.“
Von da an stritten sie seltener. Und wenn sie unterschiedlicher Meinung waren, riefen sie keinen Rat mehr, der einen Sieger bestimmen sollte. Sie setzten sich nebeneinander und hörten einander zu.
Seit jener Zeit, so erzählt man, gab es im Land Rum ein Sprichwort:
„Wer Angst hat, die Wahrheit zu sagen, macht einen Fehler mächtiger. Wer zuhören kann, macht sich selbst stärker.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
