

Deutschland
Rumpelstilzchen
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Rumpelstilzchen
Bei einem großen Wald stand eine alte Mühle. Tag und Nacht drehte das Wasser ihr Rad. In dem kleinen Haus daneben lebte der Müller mit seiner Tochter.
Das Mädchen war klug, fleißig und geschickt.
Ihr Vater hatte jedoch eine Schwäche: Er prahlte gern.
Eines Tages ritt der König an der Mühle vorbei. Der Müller wollte ihn unbedingt beeindrucken und sagte:
„Meine Tochter ist so geschickt, dass sie sogar Stroh zu Gold spinnen kann!“
Seine Tochter ließ beinahe den Mehlkorb fallen.
„Vater, warum hast du das gesagt? Ich kann doch kein Stroh in Gold verwandeln.“
Doch die Worte waren bereits ausgesprochen.
Der König liebte Schätze über alles.
Er ließ das Mädchen in den Palast bringen und zeigte ihr ein Zimmer voller Stroh. In der Mitte stand ein Spinnrad.
„Wenn dein Vater die Wahrheit gesagt hat, soll hier bis zum Morgen Goldgarn liegen. Sonst muss vor dem ganzen Hof klargestellt werden, dass er mich getäuscht hat.“
Die Tür schloss sich.
Das Mädchen saß allein beim Spinnrad und weinte.
„Ich kann Flachs spinnen, ich kann Wolle spinnen. Aber wer kann denn Stroh spinnen?“
Da klingelte etwas in der Ecke.
Vor ihr stand ein kleines Männchen mit einer seltsamen Mütze.
Es verbeugte sich so tief, dass seine Nase beinahe den Boden berührte.
„Guten Abend. Warum bist du traurig?“
Das Mädchen erzählte von der Prahlerei ihres Vaters, dem König und dem Stroh.
Das Männchen kniff die Augen zusammen.
„Ich kann helfen. Was gibst du mir dafür?“
Das Mädchen nahm eine kleine Halskette ab, ein Andenken an ihre Mutter.
„Das ist alles, was ich habe.“
„Abgemacht.“
Das Männchen setzte sich ans Spinnrad.
Ratter-ratter, kling-kling.
Strohhalm um Strohhalm verschwand zwischen seinen Fingern. Auf der Spule entstand feiner goldener Faden.
Bis zum Morgen war alles Stroh zu Goldgarn geworden.
Der König staunte.
Doch statt das Mädchen gehen zu lassen, wollte er noch mehr Gold.
Am nächsten Abend brachte er sie in einen doppelt so großen Raum.
„Auch das soll bis zum Morgen gesponnen sein.“
Wieder erschien das Männchen.
„Was gibst du mir diesmal?“
Das Mädchen reichte ihm ihren Ring.
„Mehr habe ich nicht.“
Am Morgen glänzte wieder Goldgarn von Wand zu Wand.
Nun wurde der König erst recht gierig.
Für die dritte Nacht füllte er den größten Saal des Palastes mit Stroh.
„Wenn auch das zu Gold wird, erkläre ich dich zur geschicktesten Frau des Reiches und mache dich zu meiner Königin.“
Als die Tür sich schloss, sah das Mädchen auf die Strohberge.
Die Halskette war fort.
Der Ring war fort.
Was konnte sie noch anbieten?
Zum dritten Mal erschien das kleine Männchen.
„Was gibst du mir?“
„Ich habe nichts mehr.“
Es dachte nach.
„Dann versprich mir: Wenn du eines Tages ein Kind bekommst, gibst du es mir.“
Das Mädchen erschrak.
„Ein Kind?“
„Vielleicht wirst du nie Königin. Vielleicht bekommst du nie Kinder. Es ist nur ein Versprechen über eine ferne Zukunft.“
Das Mädchen war verängstigt, allein und sah keinen Ausweg.
Sie stimmte zu.
Am Morgen war auch der letzte Strohhalm zu Gold geworden.
Der König hielt sein Wort. Später heiratete er die junge Frau.
Sie wurde eine gute Königin. Die Menschen liebten sie nicht wegen des Goldes, sondern weil sie ihnen zuhörte, einfache Familien nicht vergaß und niemals mit Fähigkeiten prahlte, die sie nicht besaß.
Einige Zeit später bekam sie ein Kind.
Sie war so glücklich, dass sie die seltsame Vereinbarung fast vergessen hatte.
Doch eines Abends hörte sie bei der Wiege ein vertrautes Klingeln.
Das kleine Männchen stand da.
„Ich bin gekommen, um zu holen, was du mir versprochen hast.“
Die Königin nahm ihr Kind fest in den Arm.
„Verlange Gold. Verlange Edelsteine. Verlange einen Palast. Aber mein Kind gebe ich dir nicht.“
Das Männchen schüttelte den Kopf.
„Gold brauche ich nicht. Aber ich sehe, wie sehr du dein Kind liebst. Gut. Du bekommst eine Chance. Du hast drei Tage. Wenn du meinen Namen errätst, verschwindet unsere Vereinbarung, als hätte es sie nie gegeben.“
Die Königin begann sofort zu suchen.
Sie schrieb alle Namen auf, die sie seit ihrer Kindheit gehört hatte. Dann fragte sie Diener, Reisende, Händler, Musiker und Hirten nach seltenen Namen aus anderen Dörfern.
Am ersten Abend kam das Männchen.
„Nun? Wie heiße ich?“
„Hans?“
„Nein.“
„Berthold?“
„Nein.“
„Kaspar?“
„Auch nicht.“
Es lächelte und verschwand.
Am zweiten Tag suchte die Königin noch gründlicher.
Am Abend probierte sie:
„Eckart?“
„Nein.“
„Leopold?“
„Nein.“
„Tilman?“
„Neeeein!“, sang das Männchen. „Noch ein Tag.“
Am dritten Morgen verlor die Königin fast die Hoffnung.
Da kam einer ihrer Boten staubbedeckt von einer langen Reise zurück.
„Majestät, in den Dörfern fand ich keinen neuen Namen. Aber gestern Abend verirrte ich mich im Wald. Zwischen alten Tannen sah ich ein kleines Haus. Davor brannte ein Feuer. Ein seltsamer Mann tanzte darum und sang.“
„Was sang er?“, fragte die Königin schnell.
Der Bote räusperte sich.
„Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind.
Ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!“
Die Königin lachte vor Erleichterung.
Am Abend erschien das Männchen selbstsicher wie nie.
„Nun, Königin? Wie heiße ich?“
Sie ließ sich Zeit.
„Vielleicht Hans?“
„Nein.“
„Vielleicht Fritz?“
„Nein!“
„Oder vielleicht... Rumpelstilzchen?“
Das Männchen erstarrte.
Seine Augen wurden rund, die Mütze rutschte zur Seite.
„Wer hat dir das gesagt?“
„Dein eigenes fröhliches Lied“, antwortete die Königin. „Mein Bote hat dich im Wald gehört.“
Rumpelstilzchen stampfte ärgerlich mit dem Fuß.
Doch diesmal geschah nichts Schreckliches.
Es seufzte, rückte die Mütze zurecht und sagte:
„Abgemacht ist abgemacht. Du hast meinen Namen herausgefunden.“
Es schnippte mit den Fingern. Ein goldener Funke leuchtete in der Luft.
„Du schuldest mir nichts mehr.“
Die Königin fragte:
„Warum waren dir fremde Versprechen überhaupt so wichtig?“
Rumpelstilzchen dachte nach.
„Vielleicht, weil ich zu gern bei Handel und Abmachungen gewinnen wollte.“
„Dann finde ein Spiel, in dem niemand das Liebste verlieren muss.“
Rumpelstilzchen schnaubte.
„Vielleicht mache ich das.“
Und verschwand.
Von diesem Tag an galt im Palast eine einfache Regel:
Niemand darf zu einem Versprechen gezwungen werden, wenn er Angst hat oder verzweifelt ist.
Der Müller lernte endlich, nur mit Dingen zu prahlen, die wirklich wahr waren.
Und wenn jemand nachts am alten Wald ein leises Spinnrad und eine fröhliche Stimme hörte, sagte man:
„Das ist bestimmt Rumpelstilzchen. Hoffentlich diesmal ohne gefährliche Verträge.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
