

Kanada
Sankt Nikolaus und die Kinder
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Kanada
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

Märchen anhören
Sankt Nikolaus und die Kinder
Tief in einem kanadischen Wald, wo die Kiefern im Winter weiße Schneemützen tragen und die Wege über Nacht wieder zugeschneit werden, lebten die Zwillinge Pierre und Estelle.
Sie wohnten mit ihrer alten Großmutter in einer kleinen Holzhütte.
Im Frühling hatte die Familie einen schweren Verlust erlebt. Seitdem war die Großmutter der wichtigste Mensch im Leben der beiden Kinder.
Sie besaßen nicht viel, aber sie hielten zusammen.
Im Sommer fingen sie Fische im Bach, sammelten Beeren und halfen der Großmutter beim Trocknen von Kräutern.
Doch in diesem Jahr kam der Winter früh.
Der Fluss fror zu. Die Beeren waren längst verschwunden. Die Vorräte wurden knapp.
Eines Morgens wurde die Großmutter krank.
Sie versuchte zu lächeln, damit die Kinder sich nicht sorgten. Pierre und Estelle sahen trotzdem, dass sie Wärme, Ruhe und eine gute heiße Mahlzeit brauchte.
„Wir müssen ihr eine kräftige Brühe kochen“, sagte Pierre.
„Und etwas Frisches finden“, sagte Estelle. „Gemeinsam schaffen wir das.“
Die Kinder wickelten sich in warme Schals, nahmen einen Korb und gingen den Waldweg zum nächsten Ort.
Der Schnee knirschte unter ihren Füßen.
Zuerst war der Weg leicht.
Später wurde es kälter, und der Wind trieb feine Eiskristalle in ihre Gesichter.
Am Nachmittag sahen sie unter hohen Fichten eine kleine Hütte, die fast nur aus Ästen zu bestehen schien.
Vor der Tür saß ein grauhaariger Mann und schnitzte Pfeifen aus Weidenzweigen.
Er klopfte vorsichtig auf die Rinde, zog sie als Röhre ab, schnitt ein kleines Loch hinein, und schon entstand eine dünne Pfeife.
„Guten Tag“, sagte Pierre.
„Guten Tag, ihr Reisenden“, lächelte der Alte. Seine Augen waren hell und freundlich. „Wohin gehen zwei Kinder bei dieser Kälte so weit?“
Estelle erzählte von ihrer Großmutter.
Der Mann legte sein Messer beiseite.
„Eine gute Sache hat euch auf den Weg gebracht. Essen kann ich euch leider keines geben. Aber an der großen Weggabelung steht ein Laden. Dort findet ihr bestimmt etwas für eine Brühe.“
Dann wurde sein Gesicht ernst.
„Seid jedoch vorsichtig. Der Besitzer hat Reisende schon öfter betrogen. Bleibt nicht länger dort als nötig.“
Die Kinder wurden unsicher.
Da nahm der Mann zwei gerade fertige Weidenpfeifen.
„Diese mache ich für das Winterfest des heiligen Nikolaus“, sagte er. „Eine alte Geschichte sagt: Wenn ein Kind in echte Not gerät und mit gutem Herzen um Hilfe ruft, verliert sich seine Stimme nicht im Winterwald. Nehmt jeder eine Pfeife. Wenn ihr Gefahr spürt, pfeift einmal und sucht einen sicheren Ort.“
„Und Sankt Nikolaus hört uns?“, fragte Estelle leise.
Der Alte lächelte.
„Gute Bitten haben eine merkwürdige Fähigkeit, den Menschen zu finden, der helfen kann.“
Die Kinder bedankten sich und gingen weiter.
Sie fragten an mehreren Häusern nach Lebensmitteln. Niemand hatte das, was sie brauchten.
Die Sonne stand schon tief, als zwischen den Bäumen warmes Licht erschien.
Dort lag der Laden an der Weggabelung.
Der Besitzer begrüßte sie freundlich, doch seine Freundlichkeit wirkte zu schnell und zu glatt.
„Zwei Kinder ganz allein im Wald? Kommt herein. Wärmt euch auf.“
Pierre und Estelle erzählten nur, dass sie etwas für ihre Großmutter suchten.
Der Mann stellte Fleisch, Wurzeln und Brot zusammen.
Dann nannte er einen Preis, der viel höher war, als die Kinder erwartet hatten.
Pierre zählte ihre Münzen.
„Das reicht nicht.“
„Dann könnt ihr euren Korb hierlassen“, sagte der Mann. „Oder eure warmen Mäntel.“
Estelle erinnerte sich an die Warnung des Alten.
„Nein, danke. Wir gehen.“
Der Ladenbesitzer trat vor die Tür.
„Bei diesem Wetter? Es wird dunkel.“
Seine Stimme klang plötzlich nicht mehr freundlich.
Pierre fasste Estelles Hand.
Sie gingen rückwärts auf den Weg.
Der Mann folgte ihnen ein Stück.
„Kommt zurück. Ich habe doch gesagt, dass ich euch helfe.“
Estelle zog die Weidenpfeife aus der Tasche.
Ein heller Ton schnitt durch die kalte Luft.
Der Ladenbesitzer blieb stehen.
Weit entfernt antwortete etwas.
Nicht wie Magie.
Wie ein Hund.
Dann noch einer.
Kurz darauf kamen zwei Schlittenfahrer um die Biegung. Sie transportierten Holz zum Ort und hatten den Pfiff gehört.
„Alles in Ordnung?“, fragte einer.
Die Kinder erzählten, was passiert war.
Der Mann aus dem Laden tat sofort so, als sei alles ein Missverständnis.
Doch die Schlittenfahrer kannten seinen Ruf.
„Die Kinder kommen mit uns.“
Sie setzten Pierre und Estelle auf den Schlitten.
Im Dorf erfuhren die Leute von der kranken Großmutter.
Eine Frau brachte Fleisch für die Suppe.
Ein Bäcker gab Brot.
Jemand anderes legte Kartoffeln, Zwiebeln und getrocknete Kräuter in den Korb.
„Aber wir können das nicht alles bezahlen“, sagte Pierre.
„Heute nicht“, antwortete die Bäckerin. „Eines Tages helft ihr jemand anderem. Dann ist es bezahlt.“
Die Schlittenfahrer brachten die Kinder bis zur Hütte.
Großmutter war erleichtert, sie zu sehen.
Sie kochten gemeinsam eine kräftige Suppe.
Am nächsten Morgen ging es ihr bereits besser.
Die beiden Weidenpfeifen hängten Pierre und Estelle neben die Tür.
Nicht als Zauberspielzeug.
Sondern als Erinnerung:
Wenn man Angst hat, soll man nicht schweigen.
Man soll um Hilfe rufen, zusammenbleiben und daran denken, dass irgendwo vielleicht jemand zuhört.
Und in jedem Winter, wenn der erste Schnee den Wald bedeckte, erinnerten sich die Zwillinge an diese Nacht.
Dann stellten sie ein kleines Päckchen mit Essen vor die Tür, für jemanden, der es vielleicht nötiger brauchte.
Denn das beste Geschenk des heiligen Nikolaus, sagte ihre Großmutter, ist nicht unbedingt das, was man im Stiefel findet.
Es ist die Güte, die man gelernt hat weiterzugeben.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
