

Deutschland
Schneeweißchen und Rosenrot
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Schneeweißchen und Rosenrot
Am Rand eines Waldes stand ein kleines Haus. Vor der Tür wuchsen zwei Rosensträucher. Einer trug im Sommer weiße Blüten, der andere rote.
In dem Haus lebte eine Mutter mit ihren zwei Töchtern. Das ruhigere Mädchen hieß Schneeweißchen, das lebhaftere Rosenrot.
Die Schwestern waren sehr verschieden.
Schneeweißchen las gern am Fenster, half der Mutter und hörte dem Regen auf dem Dach zu.
Rosenrot lief über die Wiesen, sammelte Blumen, kletterte auf niedrige Bäume und entdeckte immer zuerst, wann im Wald die Erdbeeren reif waren.
Doch wohin eine von ihnen auch ging, die andere war meist in der Nähe.
„Was ich habe, teile ich mit dir“, sagte Schneeweißchen oft.
„Und ich mit dir“, antwortete Rosenrot.
Im Sommer wanderten sie durch den Wald. Im Winter saßen sie mit ihrer Mutter am Feuer. Viel Besitz hatten sie nicht, aber ihr Zuhause war sauber, warm und gemütlich.
An einem Winterabend wirbelte ein Schneesturm so dicht vor den Fenstern, dass der Wald hinter einer weißen Wand verschwand.
Da klopfte es an der Tür.
Klopf, klopf, klopf.
„Vielleicht braucht ein Reisender Schutz“, sagte die Mutter. „Rosenrot, öffne bitte.“
Rosenrot zog den Riegel zurück und sprang erschrocken zur Seite.
Vor der Tür stand ein riesiger schwarzer Bär.
Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter.
Rosenrot wollte schon wieder zuschließen, da sprach der Bär mit tiefer, freundlicher Stimme:
„Habt keine Angst. Ich tue euch nichts. Draußen ist es bitterkalt. Darf ich mich nur ein wenig am Feuer wärmen?“
Die Mutter betrachtete ihn aufmerksam.
„Wenn du in Frieden kommst, darfst du eintreten.“
Der Bär legte sich neben den Ofen. Auf seinem Fell schmolzen die Schneeflocken.
„Könnt ihr mir helfen, den Schnee abzuschütteln?“
Zunächst berührten die Mädchen sein Fell sehr vorsichtig. Als sie merkten, dass er freundlich war, lachten sie, weil der Bär beim Kitzeln lustig schnaubte.
Am Morgen dankte er ihnen und ging in den Wald.
Am nächsten Abend kam er wieder.
Und am darauffolgenden ebenfalls.
Bald warteten die Schwestern auf ihn wie auf einen alten Freund.
Der Bär lag beim Feuer, die Mutter las laut vor, Schneeweißchen strich durch sein dichtes Fell, und Rosenrot erzählte sämtliche Neuigkeiten des Tages.
Im Frühling sagte der Bär:
„Nun muss ich weit in den Wald. Wenn der Boden auftaut, verlässt ein gieriger Zwerg seine Höhle und sucht nach verborgenen Schätzen. Ich muss verhindern, dass er Dinge an sich nimmt, die ihm nicht gehören.“
„Kommst du zurück?“, fragte Schneeweißchen.
„Wenn die Zeit dafür da ist.“
Der Bär ging hinaus.
An einem Haken bei der Tür blieb ein kleines Büschel schwarzes Fell hängen. Darunter glaubten die Mädchen für einen Moment etwas Goldenes zu sehen.
Der Sommer kam.
Eines Tages sammelten die Schwestern Reisig und hörten ärgerliches Schimpfen.
Bei einem umgestürzten Baum hüpfte ein kleiner Zwerg mit einem sehr langen weißen Bart. Der Bart war zwischen zwei Holzstücken eingeklemmt.
„Was steht ihr herum? Helft mir!“, rief er.
Die Mädchen versuchten, den Bart zu befreien, doch er saß fest.
„Nicht ziehen! Das ist der schönste Bart im ganzen Wald!“
Schneeweißchen nahm eine kleine Schere und schnitt nur ein paar Haare ab, die in der Spalte feststeckten.
Der Zwerg war frei.
„Ihr habt meinen herrlichen Bart verdorben!“, schimpfte er.
Dann schnappte er einen Sack mit Goldmünzen, der hinter dem Baum lag, und verschwand, ohne sich zu bedanken.
„Ein merkwürdiger Herr“, sagte Rosenrot.
Einige Tage später trafen sie ihn am Bach.
Diesmal war sein Bart in einer Angelschnur verwickelt, und ein großer Fisch zog daran in Richtung Wasser.
Wieder halfen die Schwestern.
„Schon wieder fasst ihr meinen Bart an!“, schimpfte der Zwerg, obwohl er ohne sie längst im Bach gesessen hätte.
Unter einem Stein holte er einen Sack mit Perlen hervor und eilte davon.
Zum dritten Mal begegneten sie ihm auf einer Lichtung.
Vor ihm lagen Edelsteine, die blau, grün und rosa im Sonnenlicht schimmerten.
„Wie schön“, sagte Rosenrot.
„Nicht hinschauen! Die gehören mir!“
Der Zwerg begann hastig, die Steine in einen Sack zu schaufeln.
Da erklang aus dem Wald eine vertraute Stimme:
„Eigentlich gehören sie dir nicht.“
Der schwarze Bär trat auf die Lichtung.
Der Zwerg wurde blass.
„Oh, verehrter Herr Bär! Ich... bewache die Schätze nur.“
„Du hast sie vor vielen Jahren gestohlen“, sagte der Bär. „Und wegen dieser Schätze hast du mich verzaubert. Gib alles zurück und geh.“
„Niemals!“
Der Zwerg hob den schweren Sack und wollte fliehen.
Nach drei Schritten setzte er sich erschöpft auf den Boden.
Rosenrot musste lachen.
„Kann es sein, dass Gier auch Gewicht hat?“
Der Zwerg schnaubte.
Schließlich begriff er, dass er Gold, Perlen und Edelsteine nicht alle zugleich forttragen konnte.
Er warf die Säcke hin.
„Nehmt sie! Ich finde schon andere Schätze!“
Dann rannte er davon, so schnell seine kurzen Beine ihn trugen.
Als der letzte Sack auf den Boden fiel, leuchtete es golden um den Bären.
Das schwarze Fell schien sich im Licht aufzulösen.
Vor den Schwestern stand ein junger Mann in einem einfachen Reisemantel.
„Unser Bär!“, rief Rosenrot.
Er lächelte.
„Früher war ich ein Prinz aus dem Nachbarland. Der Zwerg hatte königliche Schätze gestohlen und mich verzaubert, damit ich sie nicht zurückholen konnte. Der Zauber sollte so lange dauern, bis er freiwillig auf seine Beute verzichtete.“
„Darum haben wir unter deinem Fell das goldene Licht gesehen“, erinnerte sich Schneeweißchen.
„Genau.“
Gemeinsam brachten sie die Schätze in die Stadt, wo alte Verzeichnisse über ihre Besitzer aufbewahrt wurden.
Ein Teil des Goldes ging an die Familien zurück. Einen anderen Teil verwendete man, um eine Brücke über den Fluss zu reparieren und Menschen nach einem schweren Winter zu helfen.
Der Prinz vergaß das kleine Haus mit den zwei Rosensträuchern nicht.
Er kam oft zu Besuch.
Nur musste er nun mit einer gewöhnlichen Hand anklopfen statt mit einer großen Bärentatze.
Die Jahre vergingen.
Die Schwestern wurden erwachsen, reisten viel und blieben einander immer nah.
Vor ihrem Haus blühten weiterhin zwei Rosensträucher, einer weiß und einer rot.
Wenn Kinder fragten, warum sie so dicht nebeneinander standen, sagte die Mutter:
„Menschen dürfen so verschieden sein, wie sie wollen. Wichtig ist, füreinander da zu sein, einander zu helfen und sogar denen Gutes zu tun, die vergessen, Danke zu sagen.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
