

Estland
Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Estland
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

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Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge
In Estland lebten ein wohlhabender Bauer und seine Frau.
Sie hatten ein warmes Haus, gute Felder, volle Kornspeicher und einen Garten, in dem die Apfelbäume im Frühling weiß wie Wolken blühten.
Nur eines fehlte ihnen:
Sie wünschten sich sehr Kinder.
Eines Abends war der Mann unterwegs.
Die Frau saß allein am Fenster. Draußen rauschten Birken, im Ofen knackte das Holz, und trotzdem war ihr traurig zumute.
Da raschelte etwas an der Tür.
Sie dachte, es sei eine Katze.
Stattdessen sah sie einen kleinen Waldmann mit grüner Mütze. Er war kaum größer als ein Krug, stand aber so würdevoll da, als spreche er jeden Tag mit Königen.
„Hab keine Angst“, sagte er. „Ich habe deinen Wunsch gehört. Er ist ehrlich. Darum bringe ich gute Nachricht. Ihr werdet drei Söhne bekommen. Jeder von ihnen wird eine besondere Gabe besitzen.“
Er gab der Frau drei dünne rote Fäden.
„Wenn die Kinder geboren werden, leg einen Faden an die Füße des ersten, einen an die Hände des zweiten und den dritten zu den Augen des dritten. Die Fäden erinnern nur daran: Eine Gabe wird erst dann zu echter Stärke, wenn man damit anderen hilft.“
Dann verschwand der Waldmann so leise, als hätte ihn der Abendnebel verschluckt.
Die Zeit verging.
Tatsächlich bekam das Paar drei Söhne.
Sie wuchsen gesund und fröhlich auf und sahen einander sehr ähnlich.
Doch bald zeigte sich, dass ihre Fähigkeiten verschieden waren.
Der erste lief so schnell, dass er ein entlaufenes Pferd einholen konnte.
Man nannte ihn Schnellfuß.
Der zweite konnte fast alles reparieren oder bauen.
Ein kaputtes Schloss?
Er reparierte es.
Ein gerissener Stiefel?
Er nähte ihn.
Ein Tisch?
Er baute ihn gerade und stabil.
Man nannte ihn Flinkhand.
Der dritte sah Dinge, die andere gar nicht bemerkten.
Ein Vogelnest in einer fernen Kiefer.
Eine Hasenspur zwischen Blättern.
Einen winzigen Riss in einem Wagenrad.
Er hieß Scharfauge.
Als die Brüder erwachsen waren, sagten sie zu ihren Eltern:
„Wir möchten die Welt sehen und unsere Fähigkeiten erproben. In drei Jahren kommen wir zurück und erzählen, was wir gelernt haben.“
Der Vater gab ihnen seinen Segen.
Die Mutter sagte:
„Vergesst nicht: Schnelligkeit, Geschick und gute Augen sind wenig wert ohne ein gutes Herz.“
Die Brüder gingen auf drei verschiedenen Wegen fort.
Schnellfuß zog nach Osten.
Eines Tages erreichte er königliche Weiden, wo die Pferdepfleger mit einer großen Herde kaum fertig wurden.
Die schnellsten Pferde liefen ständig davon.
Bis zum Abend mussten sie über Wiesen und Hügel gesucht werden.
„Ich helfe“, sagte Schnellfuß.
Die Pfleger lachten.
„Fünfzig Männer schaffen es kaum, und du willst es allein versuchen?“
Doch kaum öffnete sich das Tor und die Pferde stürmten hinaus, lief Schnellfuß hinterher.
Er jagte und erschreckte sie nicht.
Er tauchte einfach jedes Mal dort auf, wo ein Tier zu weit abbog, und führte es ruhig zur Herde zurück.
Bei Sonnenuntergang waren alle Pferde wieder da.
Der König hörte von dem ungewöhnlichen jungen Mann und stellte ihn ein.
Bald kannte man Schnellfuß weit über die Grenzen des Landes hinaus.
Wenn dringend eine Nachricht gebracht oder ein verlorenes Pferd gefunden werden musste, rief man ihn.
Flinkhand ging nach Süden.
Er arbeitete bei einem Schneider.
Dann einem Schuster.
Dann einem Tischler.
Dann einem Schmied.
Wo andere eine Woche Arbeit sahen, fand er oft einen Weg, sie an einem Tag zu erledigen.
Doch er arbeitete nie so schnell, dass etwas schlecht wurde.
Eines Tages kam er in eine Stadt, in der die Handwerker ein großes königliches Fest vorbereiteten.
Bänke mussten repariert werden.
Zelte genäht.
Pferde beschlagen.
Laternen gebaut.
Türen ausgebessert.
„Gebt mir Material und Helfer. Wir schaffen es.“
Flinkhand teilte die Arbeit so klug auf, dass jeder Handwerker genau das tat, was er am besten konnte.
Er selbst half immer dort, wo es am schwierigsten wurde.
Alles war sogar vor dem Termin fertig.
„Deine Hände sind aus Gold“, sagte der König.
Flinkhand lächelte.
„Nicht die Hände. Es hilft nur sehr, wenn jeder seine Aufgabe kennt und die anderen arbeiten lässt.“
Scharfauge zog nach Westen.
Lange fand er keine Arbeit, bei der sein Talent wirklich gebraucht wurde.
Dann hörte er von einem seltsamen Problem in einem königlichen Garten.
Dort stand ein Baum mit goldenen Äpfeln.
Jede Nacht verschwand einer.
Wachen standen überall.
Niemand sah, wer ihn nahm.
Scharfauge bat darum, eine Nacht im Garten zu verbringen.
Er versteckte sich hoch in einem Nachbarbaum und beobachtete alles.
Bis Mitternacht geschah nichts.
Dann erschien bei einem goldenen Apfel ein kleiner gelber Schmetterling.
„Seltsam“, dachte Scharfauge. „In einer kalten Nacht fliegt kein Schmetterling.“
Er blickte weiter hin.
Als der Mond hinter einer Wolke verschwand, wurde aus dem Schmetterling ein kleiner grauhaariger Mann.
Er griff nach dem Apfel.
Scharfauge pfiff den Wachen.
Der Mann verwandelte sich wieder in einen Schmetterling und wollte fortfliegen.
Doch Scharfauge hatte vorher um den Ast ein leichtes Netz gespannt.
Der Schmetterling verfing sich.
Bei Sonnenaufgang nahm er wieder menschliche Gestalt an.
„Warum hast du die Äpfel gestohlen?“, fragte der König.
Der kleine Mann senkte den Kopf.
„Ich wollte nur beweisen, dass meine Magie stärker ist als eure Wachen.“
Scharfauge sagte:
„Dann beweis jetzt etwas anderes. Zeig, dass du Fehler auch wiedergutmachen kannst. Bring alles zurück.“
Der Zauberer stimmte zu.
Er führte sie zu seinem Versteck.
Alle goldenen Äpfel wurden zurückgebracht.
Danach versprach er, nichts mehr zu stehlen.
Der König ließ ihn gehen und belohnte Scharfauge.
Genau drei Jahre nach ihrem Abschied kehrten die Brüder nach Hause zurück.
Sie brachten Geschenke mit.
Die Eltern freuten sich aber am meisten über ihre Söhne selbst.
Einige Wochen lang ruhten sie sich aus und erzählten von ihren Reisen.
Jeder war natürlich überzeugt, dass seine eigene Geschichte die erstaunlichste war.
Dann kam eine Nachricht aus dem Königreich im Norden.
Der König dort hatte drei Aufgaben ausgerufen.
Wer alle löste, sollte eine große Belohnung erhalten und einen Wunsch äußern dürfen.
Die Königstochter wollte den Sieger ebenfalls kennenlernen.
Sie bestand jedoch auf einer Sache:
„Niemand entscheidet für mich, mit wem ich befreundet bin oder wen ich heirate. Ich werde selbst mit ihm sprechen.“
Schnellfuß sagte:
„Versuchen wir es gemeinsam.“
Scharfauge sah ihn an.
„Gemeinsam? Die Aufgaben sind doch für einen Einzelnen.“
Flinkhand lachte.
„Dann zeigen wir dem König eben, dass ein Mensch nicht alles können muss. Manchmal ist ein gutes Team die größte Stärke.“
Im Norden erfuhren sie die erste Aufgabe.
Eine besonders schnelle Rentierkuh sollte einen ganzen Tag lang frei laufen dürfen und am Abend sicher in den Stall zurückkehren.
„Das ist meine Aufgabe“, sagte Schnellfuß.
Am Morgen schoss das Tier davon.
Schnellfuß lief nebenher.
Er jagte es nicht.
Als die Rentierkuh am Bach anhielt, ließ er sie trinken und strich ihr über den Hals.
„Wir sind keine Gegner. Lauf, solange du möchtest. Am Abend gehen wir heim.“
So geschah es.
Bei Sonnenuntergang kamen beide ruhig in den Hof.
Am zweiten Tag musste ein altes Palasttor geschlossen werden.
Sein verzauberter Riegel packte jeden, der ihn berührte, und ließ ihn bis zum Morgen nicht los.
„Das ist meine Aufgabe“, sagte Flinkhand.
Er untersuchte den Mechanismus.
Dann baute er einen langen Metallgriff mit Holzstücken an den Enden.
So musste er den magischen Riegel nicht mit der Hand anfassen.
Als dieser zuschnappen wollte, erwischte er nur eine leere Eisenmanschette.
„Heute nicht“, sagte Flinkhand.
Das Tor war geschlossen.
Die dritte Aufgabe verlangte Genauigkeit.
Auf einem Hügel stand eine hohe Stange.
Oben lag ein Apfel.
Daneben hing ein kleines Fähnchen.
Aus großer Entfernung sollte der Apfel getroffen werden, ohne Stange oder Fähnchen zu berühren.
„Das ist meine Aufgabe“, sagte Scharfauge.
Er betrachtete lange den Apfel.
Der Wind war schwach, aber wechselhaft.
Scharfauge wartete.
Als die Blätter an den Bäumen stillstanden, spannte er den Bogen.
Die Sehne schnellte.
Der Pfeil flog über das Tal.
Er teilte den Apfel in zwei Hälften.
Die Menschen jubelten.
Der König ließ die Brüder in den Thronsaal kommen.
„Wer von euch hat die drei Aufgaben bestanden?“
Die Brüder sahen einander an.
„Wir alle“, sagte Scharfauge. „Einer lief, einer baute, einer zielte. Wir behaupten nicht, dass einer allein alles getan hat.“
Der König staunte.
Dann lachte er.
„Dann seid ihr auch noch ehrlich. Das ist die vierte Prüfung, die ich gar nicht geplant hatte.“
Jeder durfte einen Wunsch äußern.
Schnellfuß bat um gute Pferde für den Hof seiner Eltern.
Flinkhand bat um eine Werkstatt, in der junge Handwerker kostenlos lernen konnten.
Scharfauge wollte einen neuen öffentlichen Garten für die Kinder der Stadt.
Die Königstochter sprach viel mit den Brüdern.
Mit Scharfauge wurde sie besonders eng befreundet.
Sie mochte, dass er nicht nur weit entfernte Dinge sah, sondern auch die Stimmung der Menschen neben sich bemerkte.
Mit der Zeit beschlossen beide, zusammenzubleiben.
Später heirateten sie aus eigenem Wunsch.
Schnellfuß und Flinkhand kamen oft zu Besuch.
Auch Scharfauge vergaß nie den Weg zum Elternhaus.
Wenn die drei Brüder gemeinsam an einem Tisch saßen, erinnerte sich ihre Mutter an den kleinen Waldmann und seine Worte.
Die Gaben ihrer Söhne waren tatsächlich erst dann zu wirklicher Stärke geworden, als sie anderen dienten.
Und die Brüder wussten inzwischen noch etwas:
Selbst die schnellsten Füße, geschicktesten Hände und schärfsten Augen brauchen manchmal Hilfe.
Allein kann man weit kommen.
Doch die erstaunlichsten Dinge entstehen oft dann, wenn jeder das beiträgt, was er am besten kann.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
