Cover: Simon, der Freund der Schlangen

Armenien

Simon, der Freund der Schlangen

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Armenien
Alter
6–10 Jahre
Dauer
10 Min.
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Simon, der Freund der Schlangen

Am Fuß des Berges Ararat lebte ein junger Hirte namens Simon. Er hütete seine Schafe auf den weiten Hängen, kannte jeden Pfad zwischen den Steinen und konnte am Atem des Windes erkennen, ob es bis zum Abend regnen würde.

Simon hatte keine Angst vor Schlangen. Er wusste, dass sie keinen Streit suchten, solange man sie nicht bedrängte oder in die Enge trieb. Wenn eine Schlange auf dem Weg lag, führte er seine Herde einfach ein Stück zur Seite und sagte:

„Geh du deines Weges, Nachbarin. Wir gehen unseren.“

An einem heißen Tag hörte Simon hinter einem Hügel laute Rufe. Er lief hinüber und sah eine merkwürdige Szene. Auf einem schmalen Weg war eine Gruppe Reisender stehen geblieben, während einige Räuber ihnen den Weg versperrten. Sie schrien, warfen Steine und ließen die Menschen nicht weiterziehen.

Unter den Reisenden befand sich eine junge Frau mit Kindern. Simon wusste nicht, wer sie waren oder woher sie kamen. Er sah nur eines: Sie brauchten Hilfe.

Er stellte sich zwischen sie und die Angreifer, stützte sich fest auf seinen Hirtenstab und sagte:

„Die Straße ist breit genug für alle. Tretet zur Seite und lasst die Leute vorbei.“

Die Räuber lachten nur. Doch Simon wich nicht zurück. Er rief laut nach den Hirten vom benachbarten Hang und blieb so ruhig und entschlossen stehen, dass die Angreifer begriffen, dass hier keine leichte Beute auf sie wartete. Nach einigem Geschrei zogen sie schließlich davon.

Die Reisenden dankten Simon und setzten ihren Weg fort. Beim Abschied sah die junge Frau ihm lange in die Augen, als wollte sie sich das Gesicht ihres Helfers genau einprägen.

Einige Wochen später musste Simon geschäftlich nach Aleppo und machte sich auf den Weg. Eines Mittags setzte er sich an einer Quelle nieder, um sich auszuruhen. Plötzlich schien der Boden unter seinen Füßen leicht zu schwanken, die Luft um ihn herum begann zu klingen, und Simon schloss für einen Augenblick die Augen.

Als er sie wieder öffnete, stand er in einer weiten Höhle, die von goldenem Licht erfüllt war. Seltsame Muster zogen sich über die Felswände, und überall lagen oder krochen Schlangen: große und kleine, dunkle und silberne, gestreifte, goldene und grüne.

Simon blieb wie angewurzelt stehen.

Vor ihm hob eine gewaltige alte Schlange mit einer glänzenden Krone den Kopf.

„Fürchte dich nicht, Simon“, sagte sie mit menschlicher Stimme. „Ich bin der König der Schlangen. Du hast meiner Schwiegertochter und meinen Enkeln geholfen, als sie in Gefahr waren. Deshalb habe ich dich hierher gerufen, um dir zu danken.“

Simon verbeugte sich.

„Ich wusste nicht, wer sie waren“, sagte er. „Ich habe nur gesehen, dass sie Hilfe brauchten.“

„Gerade deshalb ist deine Tat wertvoll“, antwortete der König.

Er ließ Simon Gold und Edelsteine bringen und fügte hinzu:

„Du darfst noch um eine weitere Gabe bitten. Nur um eine. Überlege gut.“

Simon dachte nach. Vor ihm lag mehr Reichtum, als er je gesehen hatte. Was sollte er sich noch wünschen?

Da erinnerte er sich daran, wie oft er Vögel am Himmel, Hunde am Feuer, Pferde, Schafe und sogar winzige Ameisen beobachtet und sich gefragt hatte, worüber sie wohl miteinander sprachen.

„Ich möchte die Sprache der Tiere, der Vögel und aller Lebewesen verstehen können“, sagte er.

Der Schlangenkönig sah ihn aufmerksam an.

„Das ist eine große Gabe, und sie hat eine Bedingung. Du wirst hören und verstehen können, was sie sagen, aber du darfst keinem Menschen weitererzählen, was du durch diese Gabe erfahren hast. Versprich mir, die Geheimnisse anderer zu bewahren.“

„Ich verspreche es“, antwortete Simon.

Der König berührte mit der Schwanzspitze Simons Stirn.

Im selben Augenblick verschwand die Höhle.

Simon saß wieder an der Quelle. Neben ihm lag seine Tasche, und darin befand sich das Gold, das ihm der Schlangenkönig geschenkt hatte.

Als Simon nach Hause kam, merkte er sofort, dass die Gabe wirklich wirkte.

Kaum hatte er den Hof betreten, streckte sich der Hund am Tor und sagte zu einem anderen Hund:

„Endlich ist unser Herr zurück. Ich dachte schon, ich müsste die Hühner allein vor diesem roten Fuchs bewachen.“

Vor Staunen hätte Simon beinahe seine Tasche fallen lassen.

Auf dem Dach stritten Spatzen um einen Brotkrümel. Die Hühner besprachen, wo man sich am besten vor der Hitze verstecken konnte. Der alte Esel murrte darüber, dass das junge Pferd viel zu stolz auf sein neues Zaumzeug sei.

Simon hätte vor Freude laut lachen können.

Er zeigte seiner Frau das Gold und sagte:

„Das ist der Lohn für eine gute Tat auf meiner Reise. Nun müssen wir uns vor dem Winter nicht mehr fürchten.“

Seine Frau freute sich, bemerkte aber bald etwas Seltsames.

Manchmal lächelte Simon plötzlich, obwohl niemand etwas Lustiges gesagt hatte. Manchmal stellte er einen Sack Getreide gerade noch rechtzeitig um, bevor in der Nacht Regen einsetzte. Oder er ließ die Hühner früher hinaus, kurz bevor der Nachbarsjunge mit einer Handvoll Hirse auf den Hof kam.

„Woher weißt du all das?“, fragte sie.

„Ich ahne es eben im richtigen Moment“, antwortete Simon.

Doch je länger sie ihn beobachtete, desto dringender wollte sie die Wahrheit erfahren.

Eines Abends musste Simon lachen, als er hörte, wie der Hahn den Küken mit wichtiger Stimme erklärte, die Sonne gehe jeden Morgen nur deshalb auf, weil er pünktlich krähe.

„Was ist so lustig?“, fragte seine Frau.

„Nichts Wichtiges.“

„Doch, sag es mir. Du verheimlichst mir etwas.“

„Ich kann es nicht erklären.“

„Warum nicht? Vertraust du mir etwa nicht?“

Simon liebte seine Frau und wollte nicht, dass sie glaubte, zwischen ihnen stehe eine Mauer. Unter ihren hartnäckigen Fragen sagte er schließlich unbedacht:

„Gut. Morgen erzähle ich dir alles.“

In dieser Nacht konnte er nicht schlafen.

Im Hof sagte der Hund leise zum Hahn:

„Das ist schlimm. Unser Herr hat versprochen, etwas zu verraten, das er nicht verraten darf. Er glaubt, damit seine Liebe zu beweisen.“

Der Hahn schwieg einen Moment und antwortete dann:

„Merkwürdig. Menschen glauben manchmal, Vertrauen bedeute, alles voneinander wissen zu müssen. Lieben wir die Sonne etwa weniger, nur weil wir nicht wissen, wohin sie nachts geht?“

Der Hund seufzte.

„Aber er hat es schon versprochen.“

„Ein übereiltes Versprechen darf nicht zu einem noch größeren Fehler führen“, sagte der Hahn. „Man muss den Mut haben zu sagen: Ich habe etwas versprochen, das ich gar nicht hätte versprechen dürfen.“

Simon hörte diese Worte und saß lange schweigend in der Dunkelheit.

Am Morgen rief er seine Frau zu sich.

„Ich muss dir etwas Wichtiges sagen“, begann er. „Gestern habe ich versprochen, dir ein Geheimnis zu verraten. Aber das war ein falsches Versprechen. Ich kann es nicht halten.“

Seine Frau runzelte die Stirn.

„Dann vertraust du mir also nicht?“

„Im Gegenteil. Ich vertraue dir so sehr, dass ich dir ehrlich sagen will, was ich nicht sagen kann. Das Gold habe ich auf ehrliche Weise als Dank für meine Hilfe bekommen. Ich habe nichts Unrechtes getan. Aber ich habe vorher ein Wort gegeben, das nicht nur mir gehört. Wenn ich es breche, wäre der Preis zu hoch.“

Sie schwieg.

Simon fuhr fort:

„Du hast das Recht zu fragen. Und ich habe das Recht auf eine Grenze, wenn es um das Geheimnis eines anderen oder um ein gegebenes Wort geht. Liebe sollte keinen gefährlichen Beweis verlangen.“

Seine Frau dachte eine Weile nach und sagte dann leise:

„Ich wollte so sehr alles wissen, dass ich aufgehört habe, dir wirklich zuzuhören. Verzeih mir. Ich werde dich nicht mehr drängen, etwas zu sagen, das du nicht sagen kannst.“

„Und du verzeihst mir“, sagte Simon. „Ich hätte das gleich ruhig erklären sollen, statt ein Versprechen zu geben, das ich nicht halten darf.“

Sie umarmten sich.

Genau in diesem Moment erklang vom Dach die feierliche Stimme des Hahns:

„Kikeriki! Na endlich sind die Menschen auf die Idee gekommen, miteinander zu reden!“

Simon konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Seine Frau sah ihn an, lächelte ebenfalls und sagte:

„Ich werde nicht einmal fragen, was daran so lustig ist.“

Von da an hütete Simon seine ungewöhnliche Gabe sorgfältig. Er benutzte sie nicht, um aus bloßer Neugier heimlich zuzuhören. Wenn sein Wissen helfen konnte, jemanden vor einer Gefahr zu bewahren, handelte er vorsichtig. Hörte er dagegen nur ein kleines fremdes Geheimnis, ließ er es dort, wo es hingehörte.

Auch die Tiere begriffen bald, dass man in Simons Nähe ruhig sprechen konnte. Denn dieser Mann konnte nicht nur zuhören, sondern auch das Gehörte bewahren.

Und man sagt, genau deshalb betrachteten die Schlangen Simon noch lange als ihren Freund.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨