

Australien
Die Elster Gulu und die Waruga
Elster, Tiere, Einfallsreichtum, Streit
- Land
- Australien
- Alter
- 5–9 Jahre

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Die Elster Gulu und die Waruga
Einst lebte im fernen Australien, wo das trockene Gras beim kleinsten Windhauch raschelte und abends große Sterne über der Ebene aufgingen, eine Elster namens Gulu.
Gulu war nicht mehr jung. Sie wusste viel über Samen, Wurzeln, Beeren und die Orte, an denen man nach dem Regen die besten Pflanzen fand. Sie konnte Körner zu Mehl mahlen, kleine Fladen backen und Honig dort entdecken, wo andere vorbeigingen.
Doch Gulu hatte eine schlechte Angewohnheit.
Wenn sie etwas wollte, bat sie nicht immer ehrlich darum.
Manchmal glaubte sie, mit einer List leichter zu bekommen, was sie sich wünschte.
Eines Tages machten einige Familien nahe ihrem Haus halt. Mit den Erwachsenen kamen Kinder, die in der alten Erzählung Waruga genannt werden.
Im Lager wurde es lebhaft und fröhlich.
Die Kinder liefen zwischen den Bäumen umher, legten Steine zu Mustern, stritten darüber, wer die Eidechse zuerst gesehen hatte, und lachten so laut, dass selbst Gulu in einiger Entfernung immer wieder den Kopf zu ihnen drehte.
„Es wäre schön, wenn sie bei mir blieben“, dachte sie.
Doch statt hinzugehen und zu sagen: „Ich bin einsam. Darf ich bei euch sitzen?“, dachte Gulu sich einen listigen Plan aus.
Am nächsten Morgen kam sie mit einem Korb zu den Erwachsenen.
„Ich kenne einen Ort, an dem es jetzt viele gute Wurzeln, Beeren und Honig gibt“, sagte sie. „Wenn ihr gemeinsam hingeht, bringt ihr so viel Essen mit, dass es lange reicht.“
„Und die Kinder?“, fragte eine der Mütter.
„Lasst sie bei mir“, antwortete Gulu sofort. „Ich werde auf sie aufpassen. Ich habe Fladen und Honig. Sie können sich im Schatten ausruhen.“
Die Erwachsenen kannten Gulu schon lange. Sie wohnte in der Nähe, kannte die Gegend und sprach diesmal sehr freundlich.
Sie vereinbarten, nicht weit fortzugehen und bis Mittag zurückzukehren.
Als die Erwachsenen losgingen, um Nahrung zu sammeln, stellte Gulu eine Schüssel mit kleinen Fladen vor die Kinder.
„Esst“, sagte sie. „Und nehmt ein wenig Honig. Er ist süß, aber wenn man zu viel davon isst, beschwert sich der Bauch.“
Die Kinder lachten.
Zuerst war alles gut.
Sie aßen, spielten und baten um Wasser.
Da sagte Gulu:
„Möchtet ihr meinen geheimen Platz sehen? Dort steht ein großer alter Baum, der innen hohl ist. Wie ein richtiges Häuschen.“
Die Kinder wurden neugierig.
„Ist es weit?“
„Nein, ganz nahe“, versicherte Gulu.
Sie führte sie einen Pfad zwischen den Gräsern entlang.
Ein Kind, das aufmerksamste von allen, bemerkte, dass Gulu nicht dorthin ging, wo sie gewöhnlich spazieren gingen.
„Werden die Erwachsenen wissen, wo wir sind?“, fragte es.
„Natürlich“, sagte Gulu schnell.
Doch sie antwortete zu schnell.
Das gefiel dem Kind nicht.
In der Hand hielt es ein paar Körner, die vom Frühstück übrig geblieben waren. Unbemerkt begann es, sie eines nach dem anderen am Pfad fallen zu lassen.
Eines neben einem Stein.
Eines neben einem trockenen Baumstumpf.
Noch eines dort, wo sich der Pfad teilte.
Schließlich brachte Gulu die Kinder zu einem riesigen alten Baum.
Im Stamm befand sich ein großer Hohlraum.
„Geht hinein“, sagte sie. „Hier ist es kühl.“
Die Kinder gingen hinein.
Zunächst gefiel es ihnen tatsächlich. Im Baum roch es nach trockener Rinde, und durch einen Spalt oben drang ein schmaler Lichtstrahl.
Doch plötzlich verschloss Gulu den Eingang mit einer geflochtenen Abdeckung.
„Warum hast du das gemacht?“, fragten die Kinder.
Gulu setzte sich draußen hin.
„Weil ich möchte, dass ihr bei mir bleibt. Schon lange war mein Zuhause nicht mehr so fröhlich.“
„Aber wir wollen zu unseren Familien!“
„Ihr werdet euch daran gewöhnen“, sagte Gulu.
Da begriffen die Kinder: Das war kein Spiel mehr.
Die Kleinsten begannen zu weinen.
Die Älteren versuchten, sie zu beruhigen.
„Schreit nicht alle gleichzeitig“, sagte das aufmerksame Kind. „Überlegen wir lieber, wie man uns finden kann.“
Sie untersuchten den Hohlraum.
Zwischen der Rinde und der geflochtenen Abdeckung war ein schmaler Spalt.
Man konnte die Finger hindurchstecken.
Auf dem Boden lagen trockene Schoten und kleine Steine.
„Wir werden ein Zeichen geben“, beschlossen die Kinder.
Sie begannen, mit einem Stein gegen das Holz zu klopfen.
Tock-tock.
Eine Pause.
Tock-tock-tock.
Und wieder.
Zuerst befahl Gulu ihnen aufzuhören.
Dann dachte sie:
„Sollen sie doch klopfen. Wer wird sie hier hören?“
Doch der Klang im alten Baum trug weit.
Inzwischen kehrten die Erwachsenen ins Lager zurück.
„Kinder!“, riefen sie.
Niemand antwortete.
Auch Gulu war nicht da.
Sofort wurden sie unruhig.
Die Menschen gingen in verschiedene Richtungen und suchten nach Spuren.
Da entdeckte eine der Mütter neben einem Stein ein Korn.
„Seltsam. Solche Samen sind hier nicht gewachsen.“
Ein Stück weiter lag noch eines.
Und dann noch eines.
„Das ist kein Zufall“, sagte sie.
Sie folgten den Körnern.
Der Pfad führte sie zu einem trockenen Baumstumpf, dann zur Weggabelung und von dort in Richtung des alten Baumes.
Da hörten alle:
Tock-tock.
Eine Pause.
Tock-tock-tock.
„Dort!“, rief jemand.
Die Erwachsenen liefen zum Baum.
Gulu sprang auf.
„Ich wollte doch nur …“
„Mach zuerst auf“, sagte eine der Mütter bestimmt.
Gulu schob die Abdeckung beiseite.
Die Kinder liefen heraus.
Manche stürzten sofort in offene Arme. Manche erzählten zornig, was geschehen war. Andere hielten nur schweigend die Hand eines Erwachsenen fest und wollten sie nicht loslassen.
Als sich alle beruhigt hatten, wandten die Menschen sich Gulu zu.
Sie schrien nicht und drohten ihr nicht.
Doch sie sprachen sehr ernst.
„Man hat dir die Kinder anvertraut“, sagten sie. „Vertrauen ist kein Gegenstand, den man sich einfach nehmen kann. Wenn du einsam bist, kannst du es sagen. Wenn du Gesellschaft möchtest, kannst du jemanden einladen. Aber du darfst niemanden einsperren, der gehen möchte.“
Gulu senkte den Kopf.
Jetzt erschien ihr der listige Plan überhaupt nicht mehr klug.
Sie hatte sich ein fröhliches Zuhause gewünscht und stattdessen verängstigte Kinderstimmen und Misstrauen bekommen.
„Ich hatte Angst, dass ihr fortgeht, wenn ich einfach bitte“, sagte sie leise.
„Vielleicht wären wir fortgegangen“, antwortete eine der Frauen. „Aber dann wäre es unsere Entscheidung gewesen. Und morgen hätten wir wiederkommen können.“
Gulu schwieg lange.
Dann brachte sie all den Honig, die Fladen und das Getreide, das sie besaß.
„Das macht nicht ungeschehen, was ich getan habe“, sagte sie. „Aber ich möchte wenigstens einen Teil eures Vertrauens zurückgewinnen.“
Am nächsten Tag blieb Gulu nicht allein.
Sie ging mit allen anderen Nahrung sammeln.
Die Kinder hielten sich näher bei ihren Familien. Doch eines von ihnen, das aufmerksame Kind, das die Körnerspur gelegt hatte, kam zu Gulu.
„Wenn du möchtest, kannst du uns zeigen, wie man diese kleinen Fladen backt“, sagte es. „Nur ohne geheime Häuschen.“
Gulu lächelte traurig.
„Abgemacht.“
Wenn sie sich von da an Gesellschaft wünschte, dachte sie sich keine Listen mehr aus.
Sie kam und fragte.
Manchmal sagten die Menschen Ja.
Manchmal: „Heute nicht.“
Gulu lernte, beide Antworten anzunehmen.
Denn wirkliche Nähe beginnt nicht damit, dass man jemanden bei sich festhält.
Sie beginnt dort, wo man frei kommen, frei gehen und gern wieder zurückkehren kann.
