

Australien
Die Eule Murgu und der Mückenvogel Muningagal
Eule, Vögel, Insekten, Nacht
- Land
- Australien
- Alter
- 5–9 Jahre

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Die Eule Murgu und der Mückenvogel Muningagal
Vor langer, langer Zeit, als der Nachthimmel der Erde näher zu sein schien und die Menschen aufmerksam den Vögeln lauschten, lebte der alte Handwerker Murgu. Bei ihm wohnten seine beiden Frauen, die Muningagal-Schwestern, und seine zwei fast erwachsenen Söhne.
Murgu war geduldig und geschickt. Am liebsten stellte er Bumerangs her. Er wählte gutes Holz, glättete es lange mit Steinwerkzeugen, schliff es, rieb es mit Fett ein und prüfte jede Krümmung. Tag für Tag lagen vor seinem Haus mehr fertige Bumerangs. Schließlich waren es so viele, dass sie vier große Netze füllten.
Seine Söhne gingen inzwischen oft auf die Jagd. Sie waren jung, schnell und flink. Morgens verschwanden sie hinter den Büschen und kamen erst gegen Abend zurück.
Doch sie hatten eine schlechte Gewohnheit. Alles, was sie fanden oder erbeuteten, bereiteten sie noch unterwegs zu und aßen es selbst auf.
Zunächst schwieg ihr Vater. Dann bat er sie eines Tages:
„Söhne, wenn ihr heute Glück habt, bringt mir etwas Fett mit. Ich muss die neuen Bumerangs einreiben.“
„Machen wir!“, antworteten die Jungen fröhlich.
Tatsächlich gaben sie ihrem Vater am Abend, worum er gebeten hatte. Aber sonst brachten sie nichts mit.
Murgu sah sie an und fragte leise:
„Und Essen für zu Hause?“
Die Söhne sahen einander an.
„Wir hatten Hunger und haben unterwegs alles aufgegessen.“
Der Alte sagte nichts. Er rieb nur weiter das Holz ein. Doch ihm wurde schwer ums Herz.
Er dachte daran, wie er seine Söhne als kleine Kinder getragen, den letzten Bissen mit ihnen geteilt und ihnen beigebracht hatte, Spuren zu lesen, Wasser zu finden und auf weiten Wegen nicht verloren zu gehen. Nun waren sie groß und hatten scheinbar vergessen, dass ein Zuhause nicht nur von starken Beinen und geschickten Händen getragen wird, sondern auch davon, dass man füreinander sorgt.
Am nächsten Morgen rief Murgu seine Söhne.
„Die neuen Bumerangs sind fertig. Tragt sie auf die Ebene und probiert sie aus. Schaut, ob sie gut fliegen.“
Die Jungen freuten sich. Sie übten gern mit Bumerangs und trugen die vier Netze rasch auf die offene Ebene.
Der erste Sohn holte aus und warf einen Bumerang.
Der flog hoch hinauf.
Sehr hoch.
Und kam nicht zurück.
„Seltsam“, sagte der Junge.
Der zweite warf seinen.
Auch dieser stieg hinauf, wirbelte als kleiner dunkler Strich vor dem Himmel und verschwand.
Sie warfen den dritten, den vierten, den fünften …
Einer nach dem anderen stiegen die Bumerangs immer höher, als fänden sie einen unsichtbaren Weg bis in den Himmel.
Als der letzte nicht mehr zu sehen war, wurde es ungewöhnlich still über der Ebene.
Dann begann irgendwo in der Ferne der Wind zu brausen.
Zuerst war er ganz leise, als flüsterte jemand im trockenen Gras. Dann wurde seine Stimme tiefer. Staub drehte sich in einer kleinen Spirale. Die Spirale wuchs, hob Blätter empor und wurde zu einem hohen Wirbelsturm.
„Nach Hause!“, rief der ältere Bruder.
Doch der Wirbelsturm kam schon näher.
Die Jungen klammerten sich an einen Baum. Der Wind schüttelte ihn, traf die Brüder aber nicht. Sie liefen zum zweiten Baum. Der Wirbel raste ganz nah vorbei, pfiff durch die Zweige und drehte sich um sie.
Schließlich pressten die Brüder sich an zwei kräftige Mubbu-Bäume.
„Halt dich fest!“, rief einer.
„Ich halte mich fest!“, antwortete der andere.
Da geschah etwas Unglaubliches.
Statt die Bäume umzuwerfen, hob der Wirbelsturm sie vorsichtig samt den Jungen hoch. Die Erde entfernte sich. Die Büsche wurden klein. Die Wege wurden zu feinen Fäden. Schließlich lag die ganze Ebene tief unter ihnen.
Die Jungen bekamen Angst, aber der Wind schleuderte sie nicht herum und tat ihnen nicht weh. Er trug sie immer höher, bis sich vor ihnen das breite, helle Band der Milchstraße erstreckte.
Dort hielt der Wirbelsturm an.
Ringsum leuchteten die verstreuten Bumerangs. Jeder glänzte silbern, als wäre er ein Teil eines großen Himmelsbildes geworden.
Da begriffen die Brüder: Dies war keine Strafe, die ihnen bloß Angst machen sollte. Ihr Vater wollte ihnen zeigen, wie leicht man den Weg nach Hause verliert, wenn man die vergisst, die auf einen warten.
Am Abend wurden die Muningagal-Schwestern unruhig.
„Warum bleiben die Jungen so lange weg?“
Sie gingen sie suchen. Auf der Ebene sahen sie die Spuren eines starken Wirbelsturms, dann die Stellen, an denen die Bäume gestanden hatten. Danach verloren sich die Spuren.
Traurig kehrten die Frauen nach Hause zurück.
Doch als es Nacht wurde, erklang vom Himmel eine vertraute Stimme.
„Mama!“
Die Schwestern liefen aus dem Haus und hoben die Köpfe.
Neben der Milchstraße leuchteten zwei neue Zeichen am Himmel. Daneben zog sich ein seltsamer Weg aus kleinen, hellen Bögen entlang, als hätte jemand Bumerangs am Himmel ausgelegt.
Die Mütter verstanden, wo ihre Söhne waren.
Sie gingen zu Murgu zurück.
„Du wolltest sie lehren, an ihre Familie zu denken“, sagte eine Schwester. „Aber diese Lehre war zu streng.“
„Auch wenn das Herz verletzt ist, darf man den Zorn nicht für sich entscheiden lassen“, fügte die andere hinzu.
Murgu schwieg lange.
Zum ersten Mal sah er nicht nur die Undankbarkeit seiner Söhne, sondern auch seinen eigenen Fehler. Er hatte den Jungen so sehr eine Lehre erteilen wollen, dass er jedes Maß vergessen hatte.
„Ihr habt recht“, sagte er schließlich. „Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Aber von nun an soll meine Stimme alle daran erinnern: Zorn bringt eine Familie nicht näher zusammen.“
Man erzählt, dass Murgu in jener Nacht seine Menschengestalt verlor und zu einem Nachtvogel wurde. In der Dunkelheit hörte man seinen lang gezogenen Ruf:
„Murgu … murgu …“
Seitdem war diese Stimme in der nächtlichen Stille zu hören.
Auch die Muningagal-Schwestern wurden zu Vögeln. An warmen Sommerabenden riefen sie einander zu:
„Muningagal … Muningagal …“
Auf ihren Ruf erschienen Mücken in der Luft und summten ringsum, als antwortete ein winziger Chor auf die Vogelstimmen.
Hoch über der Erde aber blieben die Brüder bei der Milchstraße, neben den verstreuten Himmelsbumerangs.
Und wenn jemand den hellen Weg zwischen den Sternen betrachtete, erinnerten die Älteren die Kinder:
„Siehst du den Himmel? Er ist groß. Aber selbst in einer so großen Welt ist es wichtig, den Weg nach Hause nicht zu vergessen. Zu teilen, was man hat. Für die zu sorgen, die für einen gesorgt haben. Und wenn man zornig ist, erst stehen zu bleiben und nachzudenken, bevor man einen richtigen Wirbelsturm um sich entfesselt.“
