

Philippinen
Suans Glück
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Philippinen
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Suans Glück
Auf den Philippinen lebte eine Frau mit ihrem einzigen Sohn Suan.
Suan war sehr schlau.
Er bemerkte Kleinigkeiten, die andere übersahen.
Er konnte schnell Zusammenhänge erkennen.
Und er liebte Scherze.
Manchmal gingen seine Scherze allerdings etwas zu weit.
Jeden Morgen schickte seine Mutter ihn zum Unterricht.
Der Weg führte an einem großen Baum beim Markt vorbei.
Eines Tages dachte Suan:
„Was wäre, wenn ich heute einfach ein wenig ausruhe?“
Statt zur Schule zu gehen, kletterte er auf den Baum und versteckte sich im Laub.
Von dort sah er den ganzen Markt.
Er beobachtete, wie seine Mutter Reis kaufte.
Dann Fisch.
Dann reife Früchte.
Salz.
Ein kleines Päckchen Gewürze.
Als sie sich auf den Heimweg machte, sprang Suan herunter, nahm einen kürzeren Weg und war vor ihr zu Hause.
Kaum kam sie herein, sagte er feierlich:
„Mutter, ich weiß genau, was du heute gekauft hast.“
Und er nannte alles in der richtigen Reihenfolge.
Seine Mutter staunte.
„Woher weißt du das?“
Suan kniff geheimnisvoll die Augen zusammen.
„Vielleicht kann ich Dinge erraten.“
Beim nächsten Mal machte er dasselbe.
Dann wieder.
Bald war seine Mutter überzeugt, ihr Sohn besitze eine besondere Gabe.
Suan wollte jedes Mal die Wahrheit sagen.
Doch er dachte:
„Morgen.“
Und morgen verschob sich immer wieder.
Eines Tages verschwand im Haus des örtlichen Datu, des Herrschers, ein wertvoller Ring seiner Tochter.
Man suchte überall.
In den Zimmern.
Im Garten.
Im Hof.
In den Vorratskammern.
Nichts.
Der Datu ließ ausrufen:
„Wer hilft, den Ring zu finden, erhält eine großzügige Belohnung.“
Suans Mutter hörte davon.
Sofort dachte sie an ihren Sohn.
„Mein Suan kann doch alles erraten!“
Ohne ihn zu fragen, ging sie zum Haus des Datu.
„Mein Sohn findet den Ring.“
Als Suan davon erfuhr, wurde ihm kalt.
„Mutter! Ich bin doch kein Zauberer!“
„Aber du weißt immer, was ich vom Markt mitbringe.“
Suan seufzte.
Nun musste er die Folgen seines eigenen Scherzes tragen.
Im Palast fragte der Datu:
„Nun, Suan? Findest du den Ring?“
Suan dachte nach.
„Gebt mir einen Abend Zeit. Und lasst mich mit allen sprechen, die an diesem Tag im Haus waren.“
Der Herrscher stimmte zu.
Am Abend standen Diener und Wachen vor Suan.
Er betrachtete jeden aufmerksam.
In Wirklichkeit wusste er überhaupt nicht, wer den Ring genommen hatte.
Darum sagte er nur:
„Der Ring ist nicht von selbst verschwunden. Er ist ganz in der Nähe. Und derjenige, der weiß, wo er ist, versteht das gerade sehr gut.“
Langsam ließ er den Blick über die Menschen gleiten.
Ein Wächter wurde plötzlich blass und sah weg.
Suan bemerkte es.
Er sagte jedoch nichts.
In der Nacht kam der Mann selbst zu ihm.
„Ich habe den Ring genommen“, gestand er. „Es war dumm. Jetzt habe ich Angst.“
„Das Beste, was du tun kannst, ist, ihn zurückzugeben. Ich verspreche dir nicht, dass es keine Folgen gibt. Aber ein ehrliches Geständnis ist besser als noch eine Lüge.“
Der Mann gab ihm den Ring.
Suan wollte ihn zurückgeben, ohne den Schuldigen vor dem ganzen Hof bloßzustellen.
Im Hof lief ein großer Truthahn herum, der gern im Schatten bei den Körben stand.
Suan legte den Ring in ein kleines Säckchen und band es an einen Korb in seiner Nähe.
Am Morgen sagte er zum Datu:
„Seht bei der Stelle nach, an der der Truthahn geschlafen hat.“
Die Diener fanden das Säckchen.
Darin lag der Ring.
Der Datu war begeistert.
„Suan, du bist ein wahrer Seher!“
Suan öffnete bereits den Mund, um zu widersprechen.
Doch der Herrscher ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.
„Wünsch dir eine Belohnung.“
„Ich brauche nichts Besonderes. Derjenige, der den Ring genommen hat, soll den Wert mit seiner Arbeit ersetzen und es nicht noch einmal tun.“
Der Datu staunte, stimmte aber zu.
Auch seine Tochter bedankte sich.
„Mir gefällt, dass du nicht nur an den Ring gedacht hast, sondern auch daran, wie man einen Fehler ohne unnötige Härte korrigiert.“
Sie begannen öfter miteinander zu reden und wurden Freunde.
Doch der Ruf vom „großen Wahrsager“ Suan hatte sich inzwischen verbreitet.
Bald kam ein anderer Datu in den Palast.
„Man sagt, euer Suan weiß alles. Prüfen wir ihn.“
Er legte eine große Orange auf den Tisch.
„Wenn Suan genau sagt, wie viele Kerne darin sind, schenke ich eurer Stadt sieben Boote voller Vorräte. Wenn nicht, erkennen wir einfach an, dass die Geschichten übertrieben waren.“
Suan sah die Orange an.
„Jetzt endet meine ganze berühmte Gabe“, murmelte er.
In der Nacht konnte er nicht schlafen.
Er ging am Hafen spazieren.
Dort lagen die Boote des Gastes.
Aus einem hörte er Stimmen.
„Der Datu wird gewinnen“, lachte jemand. „Wer kann wissen, dass die Orange neun Kerne hat, ohne sie aufzuschneiden?“
Suan blieb stehen.
„Neun.“
Am Morgen versammelten sich alle.
„Nun?“, fragte der Gast.
Suan wartete kurz.
„Neun.“
Die Orange wurde geöffnet.
Tatsächlich: neun Kerne.
Alle klatschten.
Der Gast übergab der Stadt die versprochenen Vorräte.
Suan war verlegen.
Diesmal hatte er nur zufällig die Antwort gehört.
Der zweite Datu gab jedoch nicht auf.
Einige Tage später kam er mit einer kleinen goldenen Kugel.
„Gut, Suan. Sag, was darin liegt.“
Diesmal hörte Suan nichts.
Er ging am Hafen entlang.
Saß im Garten.
Betrachtete die Kugel.
Keine Spur.
Am Morgen war es im Saal ganz still.
„Nun?“
Suan breitete die Hände aus.
„Das ist doch Unsinn! Ich kann nicht wissen, was in einer verschlossenen Kugel steckt.“
Plötzlich rief einer der Leute des Gastes:
„Richtig! Genau so!“
Alle sahen ihn an.
„Was ist richtig?“, fragte Suan.
Der Mann wurde rot.
„Darin liegen kleine Münzen, die wir scherzhaft Unsinnsgeld nennen. Unser Herr selbst hat das gesagt, als er sie versteckt hat.“
Einen Augenblick lang schwieg der Saal.
Dann lachten alle.
Auch Suan.
„Das war nun wirklich nur Glück.“
Der zweite Datu lachte ebenfalls.
„Ich gebe auf. Wenn sogar dein Ich weiß es nicht zufällig zur richtigen Antwort wird, ist es gefährlich, dich zu prüfen.“
Von da an nannten die Leute Suan den glücklichsten Errater des Landes.
Doch Suan beschloss, den alten Scherz endlich zu beenden.
Eines Tages versammelte er seine Mutter, den Datu, dessen Tochter und einige Freunde.
„Ich muss euch etwas sagen. Ich sehe die Zukunft nicht und lese keine Gedanken. Auf dem Markt saß ich nur auf einem Baum und beobachtete meine Mutter. Den Ring fand ich durch Aufmerksamkeit und das Geständnis des Schuldigen. Die neun Kerne hörte ich zufällig. Und die goldene Kugel... das war reines Glück.“
Seine Mutter schlug die Hände zusammen.
„Du warst also die ganze Zeit kein Wahrsager?“
„Nein.“
Der Datu dachte nach.
Dann lächelte er.
„Vielleicht ist das sogar besser. Aufmerksamkeit, Verstand und die Fähigkeit, rechtzeitig die Wahrheit zuzugeben, sind nützlicher als erfundene Magie.“
Seine Tochter lachte.
„Und du hast unglaubliches Glück.“
„Das werde ich nicht bestreiten.“
Später entschieden Suan und die Tochter des Datu selbst, zu heiraten.
Nicht als Belohnung für den Ring.
Nicht wegen seines Rufes.
Sondern weil sie einander gut kannten und zusammenleben wollten.
Suan hörte danach nicht auf zu scherzen.
Er lernte nur, rechtzeitig zu sagen, wo der Scherz endet und die Wahrheit beginnt.
Denn Glück kann einen einmal aus Schwierigkeiten retten.
Verlässlicher sind auf Dauer ein klarer Kopf, aufmerksame Augen und ein ehrliches Wort.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
