Cover: Tom Tit Tot

Vereinigtes Königreich

Tom Tit Tot

Name, Rätsel, Spinnen, Einfallsreichtum

Land
Vereinigtes Königreich
Alter
5–9 Jahre
Audioversion

Märchen anhören

Tom Tit Tot

Einst lebten in einem kleinen englischen Dorf eine Mutter und ihre Tochter. Die Tochter war freundlich und fröhlich. Aber manchmal handelte sie zuerst und dachte erst danach nach.

Eines Morgens buk die Mutter fünf Pasteten. Sie ließ sie allerdings etwas zu lange im Ofen, sodass die Krusten zu hart wurden.

„Stell die Pasteten auf das Regal“, sagte sie zu ihrer Tochter. „Lass sie eine Weile stehen. Später werden sie wieder weich.“

Das Mädchen hörte nur „später werden sie wieder“ und legte sich das auf seine Weise zurecht:

„Wenn sie später sowieso wiederkommen, warum soll ich dann warten?“

Und aß eine Pastete.

Dann die zweite.

Dann fand sie, dass drei Pasteten auf dem Regal irgendwie einsam aussahen, und aß auch die dritte.

Und danach hielten sich die vierte und fünfte ebenfalls nicht mehr lange.

Am Abend sagte die Mutter:

„Bring doch eine Pastete zum Tee.“

Die Tochter ging zum Regal, betrachtete die leeren Teller und kam zurück.

„Sie sind noch nicht wieder da“, sagte sie.

„Wer ist noch nicht wieder da?“

„Die Pasteten.“

Zuerst verstand die Mutter gar nichts. Als sie es begriff, war sie so verblüfft, dass sie nicht einmal böse werden konnte.

Sie setzte sich mit ihrem Spinnrad neben die Tür und begann zu spinnen. Um sich zu beruhigen, sang sie leise vor sich hin:

„Meine Tochter aß fünf Pasteten,

fünf Pasteten an einem Tag …“

Gerade da ritt der König an ihrem Haus vorbei. Er hörte das Lied, verstand aber die Worte nicht.

„Was singt Ihr da?“, fragte er.

Plötzlich war es der Mutter peinlich, einem Fremden – selbst einem König – von den fünf verschwundenen Pasteten zu erzählen. Also änderte sie rasch die Worte:

„Meine Tochter spann fünf Stränge,

fünf Garnstränge an einem Tag!“

Der König hielt sogar sein Pferd an.

„Fünf Stränge an einem Tag? Was für eine Meisterin!“

Nun suchte man am Hof gerade geschickte Spinnerinnen für eine große Arbeit im Winter. Deshalb lud der König das Mädchen zu einer Probe ein.

„Wenn du wirklich so schnell spinnen kannst“, sagte er, „bekommst du einen Monat lang jeden Tag Flachs. Am Abend müssen fünf Garnstränge fertig sein. Schaffst du es, erhältst du einen ehrenvollen Platz unter den Handwerkerinnen im Palast. Schaffst du es nicht, ist das nicht schlimm. Dann kehrst du einfach nach Hause zurück.“

Das Mädchen wurde blass.

Sie konnte nicht bloß keine fünf Stränge am Tag spinnen. Sie konnte kaum einen gleichmäßigen Faden ziehen.

Doch ihre Mutter hatte schon gesagt:

„Natürlich schafft sie das!“

Und so führte man das Mädchen am nächsten Morgen in ein helles Zimmer mit einem Spinnrad, einem Stuhl und einem großen Korb voll Flachs.

„Bis heute Abend fünf Stränge“, erinnerte die Verwalterin des Palastes sie und schloss die Tür.

Das Mädchen sah den Flachs an.

Der Flachs schien sie anzusehen.

Sie setzte sich auf den Stuhl.

„Jetzt sitze ich wirklich in der Patsche“, flüsterte sie.

Da klopfte es leise an die untere Fensterscheibe.

Tock, tock, tock.

Das Mädchen öffnete das Fenster und sah ein seltsames kleines Wesen. Es war nicht größer als ein Korb, trug eine spitze Mütze und hatte einen langen, dünnen Schwanz und sehr lebhafte Augen.

„Warum bist du so traurig?“, fragte das Wesen.

„Warum willst du das wissen?“

„Vielleicht kann ich helfen.“

„Wohl kaum.“

„Erzähl doch erst einmal.“

Das Mädchen seufzte und erzählte alles: von den Pasteten, dem Lied ihrer Mutter, dem König und den fünf Strängen, die sie nicht spinnen konnte.

Das kleine Wesen lächelte.

„Ich kann jeden Morgen den Flachs abholen und jeden Abend fünf fertige Stränge bringen.“

„Und was verlangst du dafür?“

Das Wesen kniff die Augen zusammen.

„Jeden Abend darfst du dreimal meinen Namen erraten. Hast du ihn bis zum Monatsende nicht herausgefunden, hilfst du mir ein ganzes Jahr in meiner Werkstatt im Wald.“

Das Mädchen überlegte. Es gab Tausende Namen auf der Welt, aber sie hatte ja einen ganzen Monat Zeit.

„Abgemacht.“

„Abgemacht“, wiederholte das Wesen und wirbelte so sehr mit seinem Schwänzchen, dass es wie ein kleines Rad aussah.

Am ersten Abend brachte es fünf wunderschöne Garnstränge.

„Na? Wie heiße ich?“

„Bill?“

„Nein.“

„Ned?“

„Nein.“

„Mark?“

„Schon wieder nein!“

Das Wesen lachte und verschwand hinter dem Fenster.

Am nächsten Tag ging es genauso. Morgens holte es den Flachs ab. Abends brachte es die Stränge.

„Jack?“

„Nein.“

„Robin?“

„Nein.“

„Hugh?“

„Nein!“

Das Mädchen begann, eine endlose Liste mit Namen anzulegen. Sie fragte Köche, Stallknechte, Gärtner, Händler auf dem Markt und sogar Kinder, die zum Palasttor kamen.

„Was ist der seltsamste Name, den ihr je gehört habt?“

Man nannte ihr Alfred, Bartholomäus, Crispin, Percival, Nikolaus, Salomon und noch so viele Namen, dass sie ein ganzes Heft damit füllte.

Doch jeden Abend bekam sie dieselbe Antwort:

„Nein. Nein. Und noch einmal nein.“

Tag um Tag verging.

Anfangs kam der kleine Helfer fröhlich. Dann lächelte er immer öfter verschmitzt. Als nur noch zwei Tage bis zum Monatsende blieben, wirbelte er mit seinem Schwänzchen so schnell, als feiere er schon seinen Sieg.

„Na los“, sagte er. „Drei Versuche.“

„Nikodemus?“

„Nein.“

„Samuel?“

„Nein.“

„Methusalem?“

Das Wesen kicherte.

„Nein! Morgen ist der letzte Abend.“

Es verschwand, und das Mädchen blieb ganz niedergeschlagen am Fenster zurück.

An diesem Tag war der König durch den Wald geritten und kehrte auf einem unbekannten Pfad zum Palast zurück. Bei einer alten Kreidegrube hörte er ein seltsames Geräusch:

Surr-rr-rr … trrr-rr-rr …

Als drehe sich irgendwo unten ein kleines Spinnrad mit rasender Geschwindigkeit.

Der König stieg vom Pferd, schlich näher und spähte hinter die Büsche.

Dort saß dasselbe seltsame Wesen. Es spann so schnell, dass das Rad kaum noch zu erkennen war, wirbelte mit seinem Schwanz und sang:

„Nimi-nimi-not,

ich bin Tom Tit Tot!

Nimi-nimi-not,

ich bin Tom Tit Tot!“

Der König hörte zu, lächelte und ritt weiter.

Am Abend kam er in das Zimmer, in dem das Mädchen die fertigen Garnstränge aufstapelte.

„Heute habe ich etwas Erstaunliches gesehen“, sagte er. „Im Wald saß ein kleiner Spinner und sang ein lustiges Lied.“

„Was für eins?“, fragte das Mädchen rasch.

Der König wiederholte:

„Nimi-nimi-not, ich bin Tom Tit Tot.“

Fast wäre das Mädchen vom Stuhl aufgesprungen. Doch sie beherrschte sich rechtzeitig.

„Wirklich lustig“, sagte sie so ruhig wie möglich.

Der letzte Abend kam.

Tock, tock, tock!

Das Fenster ging auf, und das kleine Wesen sprang herein. Diesmal strahlte es vor Zuversicht.

„Die letzten drei Versuche!“, rief es. „Na, wie heiße ich?“

Das Mädchen tat, als sei es furchtbar aufgeregt.

„Vielleicht … Salomon?“

„Nein!“

Das Schwänzchen drehte sich schneller.

„Dann … Zebedäus?“

„Nei-ei-ein!“

Das Wesen tänzelte schon.

„Ein Versuch bleibt noch! Ein einziger!“

Das Mädchen trat einen Schritt zurück, sah es an und lächelte plötzlich.

„Nimi-nimi-not … Du heißt Tom Tit Tot!“

Im Zimmer wurde es so still, dass man draußen die Blätter rascheln hörte.

Tom Tit Tot erstarrte.

Sein Schwänzchen stand still.

„Wer hat es dir gesagt?“, piepste er.

„Das ist jetzt mein Geheimnis“, antwortete das Mädchen.

Der kleine Spinner stampfte mit dem Fuß auf, schnappte sich sein winziges Spinnrad und sprang durchs Fenster hinaus.

„Nimi-nimi-not! Nächstes Mal singe ich leiser!“

Und verschwand in der Dunkelheit.

Von da an übernahm das Mädchen keine Arbeit mehr, die es nicht beherrschte, bloß weil jemand es gelobt hatte. Und seine Mutter merkte sich für immer: Eine kleine erfundene Geschichte kann zu riesigen Schwierigkeiten führen.

Auch der König hatte etwas gelernt. Er prüfte die Menschen nicht länger mit unmöglichen Aufgaben, sondern fragte, was sie wirklich konnten und was sie lernen wollten.

Das Mädchen lernte schließlich doch noch spinnen. Nicht fünf Stränge am Tag und nicht einmal zwei.

Zuerst nur einen gleichmäßigen Faden.

Dafür mit den eigenen Händen.

Und jedes Mal, wenn das Spinnrad leise zu surren begann:

Surr-rr-rr …

lächelte sie und dachte daran: „Nimi-nimi-not, ich bin Tom Tit Tot!“