Cover: Die Bachstelze Diriri und der Regenbogen

Australien

Die Bachstelze Diriri und der Regenbogen

Vogel, Regenbogen, Farben, Natur

Land
Australien
Alter
4–8 Jahre
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Die Bachstelze Diriri und der Regenbogen

Vor langer Zeit lebte Diriri mit ihren vier kleinen Töchtern auf den weiten Ebenen, wo am Abend der Wind über das Gras streicht und man nachts die fernen Stimmen der Vögel hört.

Ihr Lager lag bei den Bäumen, und tagsüber war es dort fröhlich. Die Mädchen sammelten trockene Zweige, legten Steine zu seltsamen Mustern, stritten darüber, wessen Feder am schönsten war, und dachten sich ständig etwas Neues aus.

Doch nachts war Diriri unruhig.

Sobald es dunkel wurde, klang jedes Rascheln für sie wie fremde Schritte. Berührte ein Ast einen anderen, wurde Diriri aufmerksam. Lief ein kleines Tier durchs Gras, lauschte sie schon.

Dann klang über die stille Erde ihr lang gezogener Ruf:

„Diriri … waya, waya … Diriri …“

Es war, als erinnerte sie sich selbst damit: „Ich bin hier. Ich höre. Ich wache.“

Eines Tages ließ Bibbi sich in der Nähe nieder. Er war ein geschickter Handwerker und zeigte sehr gern, dass er ungewöhnliche Dinge herstellen konnte. Mal schnitzte er ein kunstvolles Muster ins Holz, mal reparierte er etwas Zerbrochenes, mal erfand er ein Gebilde aus Zweigen, über das alle lange staunten.

Als er Diriris nächtliche Stimme gehört hatte, kam er am Morgen zu ihr.

„Warum hast du kaum geschlafen?“, fragte er.

„Ich habe Schritte gehört“, antwortete Diriri. „Und wenn man für vier Kinder verantwortlich ist, hört man lieber einmal zu oft hin, als etwas Wichtiges zu überhören.“

Bibbi nickte.

„Wenn du möchtest, schlage ich mein Lager etwas näher auf. Dann fühlst du dich sicherer.“

„Danke“, sagte Diriri. „Aber ich möchte selbst lernen, nicht vor jedem Geräusch Angst zu haben.“

Ein paar Nächte vergingen. Noch immer rief Diriri manchmal:

„Waya, waya … Diriri …“

Und Bibbi hörte ihre Stimme.

Er wollte ihr helfen, doch noch mehr wollte er sie beeindrucken.

„Ich mache etwas, das noch nie jemand gesehen hat“, dachte er. „Dann weiß Diriri bestimmt, was für ein großer Meister ich bin.“

Lange arbeitete er heimlich. Er sammelte die Farben des Morgentaus, den goldenen Glanz der Sonne, das Blau des fernen Himmels und das Grün der Blätter nach dem Regen. Dazu nahm er das warme Orange des Abends, das Rot des Sonnenuntergangs und einen feinen violetten Streifen, den man manchmal dort sieht, wo der Himmel auf dunkle Wolken trifft.

Dann formte er aus all diesen Farben einen gewaltigen Bogen.

Er spannte sich über den ganzen Himmel, von einem Ende der Erde zum anderen.

Bibbi nannte ihn Euluwirri.

Als nach dem Regen die Sonne hinter den Wolken hervorschaute, leuchtete der bunte Weg so hell, dass selbst die Vögel einen Augenblick verstummten.

Diriri rief die Kinder gerade zum Abendessen. Die jüngste Tochter hob als Erste den Kopf.

„Mama! Schau!“

Diriri blickte zum Himmel und blieb wie erstarrt stehen.

So etwas hatte sie noch nie gesehen.

Der riesige farbige Bogen stand über der Erde wie ein Pfad, der geradewegs zu den Sternen führte.

„Was ist das?“, flüsterte eines der Mädchen.

Diriri spürte, wie sich die vertraute Angst in ihrer Brust regte.

„Was, wenn es ein Zeichen für Gefahr ist?“

Rasch sammelte sie die Kinder um sich und ging zu Bibbis Lager.

Er wartete schon und betrachtete zufrieden sein Werk.

„Siehst du?“, sagte er stolz. „Das habe ich gemacht.“

„Du?“, fragte Diriri nach.

„Ich. Ich wollte zeigen, was ich kann. Jetzt zweifelst du bestimmt nicht mehr daran, dass du an meiner Seite vor nichts Angst haben musst.“

Er wollte noch etwas hinzufügen, doch plötzlich lachte eine von Diriris Töchtern.

„Warum soll man davor Angst haben? Es ist doch schön!“

Die zweite streckte die Hand zum Himmel aus.

„Schau, Mama! Es fällt nicht herunter. Und es donnert nicht. Es leuchtet einfach.“

Die dritte begann, die Farben aufzuzählen, und die vierte versuchte, alle zu zählen, und verzählte sich zweimal.

Diriri sah von den Kindern zum Regenbogen und wieder zurück.

Langsam schmolz ihre Angst dahin.

„Ja“, sagte sie. „Er ist schön.“

Bibbi richtete sich noch stolzer auf.

„Dann gefällt dir mein großes Wunder?“

„Ja“, antwortete Diriri. „Aber hör mir gut zu. Wenn du jemandem helfen willst, der Angst hat, solltest du nicht noch etwas Unverständliches erschaffen, bloß um deine Stärke zu zeigen. Erkläre lieber. Frage nach. Bleib einfach da.“

Bibbi lächelte nicht mehr.

Er sah den Regenbogen an, den er gemacht hatte, damit alle ihn bewunderten. Dann sah er die vier Mädchen an, die sich überhaupt nicht mehr davor fürchteten.

„Ich habe wohl mehr darüber nachgedacht, wie ich stark wirken kann, als darüber, wie du dich fühlst“, gab er leise zu.

„Das kann passieren“, sagte Diriri. „Wichtig ist, dass man es rechtzeitig merkt.“

„Verzeih mir.“

„Ich verzeihe dir.“

Seitdem versuchte Bibbi nicht mehr, für Diriri zu entscheiden, was sie wollen oder wovor sie Angst haben sollte. Dafür half er ihr, die Geräusche der Nacht besser zu unterscheiden.

„Da raschelt ein kleines Tier im Gras“, erklärte er.

„Und das?“

„Ein Ast reibt am Stamm.“

„Und dieses kurze Klopfen?“

„Da arbeite ich am Holz“, lachte Bibbi.

Bald wachte Diriri nicht mehr bei jedem Rascheln auf. Sie kannte die Stimme des Windes, die Schritte ihrer Kinder, das Rauschen der Blätter und das leise Trippeln der nächtlichen Bewohner der Ebene.

Trotzdem klang manchmal in den stillsten Sommernächten ihre Stimme wieder über das Land:

„Diriri … waya, waya … Diriri …“

Doch nun hörte man darin weniger Angst als die Gewohnheit, der Welt zu lauschen.

Und der Regenbogen Euluwirri blieb am Himmel.

Er erschien nach dem Regen, wenn die Sonne die Tropfen berührte, und erinnerte jedes Mal daran: Selbst etwas, das zunächst fremd und unheimlich wirkt, kann sich als schön erweisen, wenn man genau hinsieht und es versteht.

Nach der alten Erzählung wurde Diriri viele Jahre später zu einer kleinen Bachstelze, deren Stimme in der Abendstille zu hören ist.

Bibbi aber verwandelte sich in einen Vogel, der geschickt an Stämmen entlangläuft und unermüdlich an den Bäumen arbeitet, als würde er noch immer etwas bauen.

Sein berühmtestes Werk jedoch blieb hoch über ihnen.

Noch heute spannt es nach dem Regen einen bunten Weg über den Himmel: den Regenbogen Euluwirri.