

Norwegen
Die drei Tanten
Spinnen, drei Helferinnen, Einfallsreichtum
- Land
- Norwegen
- Alter
- 5–9 Jahre

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Die drei Tanten
Vor langer Zeit lebte in einer kleinen Hütte am Rand eines großen norwegischen Waldes ein armer Mann mit seiner Tochter. Sie besaßen wenig, doch ihr Zuhause war warm, und abends saßen sie gern zusammen am Feuer und erzählten einander, was sie tagsüber erlebt hatten.
Als die Tochter größer geworden war, sagte sie:
„Vater, ich möchte lernen, meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Hier kann ich kochen und aufräumen und kenne die Waldpfade. Aber die Welt ist groß. Ich muss etwas Neues versuchen.“
Der Vater war ein wenig traurig, doch er hielt sie nicht zurück.
„Geh, meine Tochter. Schäm dich nicht für das, was du noch nicht weißt, und vergiss nicht, um Hilfe zu bitten, wenn du sie brauchst.“
Die junge Frau machte sich auf den Weg und erreichte nach einigen Tagen das königliche Schloss. Dort suchte man gerade eine Helferin für die große Vorratskammer, und sie bekam die Stelle.
Sie arbeitete sorgfältig, lernte schnell und half den anderen immer. Die Königin, die selbst Ordnung liebte und sich mit den Arbeiten im Haus gut auskannte, wurde bald auf sie aufmerksam.
„Du hast geschickte Hände“, sagte sie eines Tages. „Und was noch wichtiger ist: Du lässt keine Arbeit halb fertig liegen.“
Die junge Frau bedankte sich.
Doch einigen anderen Mägden gefiel es nicht, dass die Neue so oft gelobt wurde.
„Als ob nur sie hier arbeiten könnte“, murrten sie.
Eines Tages sagte jemand zur Königin:
„Sie hat geprahlt, dass sie an einem einzigen Tag einen ganzen Berg Flachs verspinnen kann.“
In Wahrheit hatte die junge Frau nie so etwas gesagt. Mehr noch: Sie konnte überhaupt nicht spinnen.
Die Königin war erstaunt.
„Wirklich? Das ist eine große Kunst. Wenn du es kannst, zeig es mir.“
Die junge Frau wollte sofort die Wahrheit erklären, bekam aber Angst, dass man ihr nicht glauben würde. Sie bat nur leise:
„Darf ich ein eigenes Zimmer haben und etwas Zeit?“
Man brachte ihr ein Spinnrad und einen großen Armvoll Flachs.
Die Tür schloss sich.
Die junge Frau setzte sich ans Spinnrad, drehte das Rad nach rechts, dann nach links, versuchte, einen Faden zu ziehen, und sofort verhedderte sich alles.
„Ach, was für ein Unglück“, flüsterte sie. „Ich hätte gleich die Wahrheit sagen sollen.“
Tränen traten ihr in die Augen.
Plötzlich klopfte es leise an der Tür.
Eine ältere Frau in einem dunkelblauen Kleid trat ins Zimmer. An den Fingern trug sie kleine Fingerhüte, und sie bewegte sich so sicher, als sei das Spinnrad eine alte Freundin von ihr.
„Warum bist du traurig, mein Kind?“, fragte die Unbekannte.
Die junge Frau erzählte alles, wie es war.
„Ich kann nicht spinnen. Die anderen haben behauptet, ich könnte es. Und ich hatte Angst, es zuzugeben.“
Die Alte nickte.
„Das war kein guter Anfang. Aber ein ehrliches Geständnis ist schon ein guter Faden, aus dem sich etwas weben lässt. Ich werde dir helfen. Doch um eines bitte ich dich.“
„Worum?“
„Wenn einer der glücklichsten Tage deines Lebens kommt und du mich unter deinen Gästen siehst, dann nenne mich Tante. Nicht, weil wir verwandt sind, sondern weil ich dir heute helfe, als gehörten wir zur selben Familie.“
„Ich verspreche es“, antwortete die junge Frau.
„Und jetzt schau gut zu.“
Die Alte erledigte die Arbeit nicht einfach für sie. Sie zeigte ihr, wie man den Flachs hält, die Fasern auszieht, das Pedal ruhig tritt und die Finger schont.
„Panik tut keinem Handwerk gut“, sagte sie. „Ein gleichmäßiger Faden entsteht durch gleichmäßige Bewegungen.“
Sie arbeiteten zusammen. Bis zum Morgen war der ganze Flachs zu feinem Garn geworden.
Die Königin war beeindruckt.
„Eine wunderbare Arbeit!“
Schon öffnete die junge Frau den Mund, um die Wahrheit zu erzählen. Doch genau da kamen andere Leute in den Saal, es wurde geschäftig, und das Gespräch musste warten.
Die Mägde, die die erste Geschichte erfunden hatten, ärgerten sich noch mehr.
„Dann sagen wir eben, dass sie an einem Tag aus diesem Garn Stoff weben kann“, beschlossen sie.
Und so taten sie es.
Wieder gab die Königin der jungen Frau eine Aufgabe.
Diesmal hätte sie sich beinahe getraut, alles zu erklären, doch erneut kamen ihr Zweifel.
Im Zimmer stand ein großer Webstuhl. Die junge Frau betrachtete die unzähligen Fäden und wusste nicht, welchen sie zuerst in die Hand nehmen sollte.
Da klopfte eine zweite ältere Frau an die Tür. Sie trug einen breiten Gürtel, und ihre Hände waren von vielen Jahren Arbeit kräftig geworden.
„Ich sehe, du brauchst jemanden, der sich mit einem Webstuhl gut versteht“, sagte sie.
Die junge Frau erzählte ehrlich alles: von den Gerüchten, von der ersten Helferin und davon, dass sie der Königin noch immer nicht die Wahrheit gesagt hatte.
„Ich helfe dir“, antwortete die Frau. „Und du nennst mich Tante, wenn du mich an einem glücklichen Tag wiedertriffst.“
„Ich verspreche es.“
Wieder gab es kein zauberhaftes Schwupps, schon fertig. Stattdessen begann eine richtige Unterrichtsstunde.
„Das Schiffchen hierher. Den Faden dorthin. Zieh nicht zu fest. Manchmal ist der beste Meister nicht der, der am schnellsten arbeitet, sondern der, der rechtzeitig innehält und prüft, ob alles gerade ist.“
Bis zum Morgen lag auf dem Tisch ein wunderschönes Stück Stoff.
Die Königin freute sich noch mehr.
Da erfanden die neidischen Mägde eine dritte Geschichte:
„Sie kann aus dem Stoff auch noch in einer einzigen Nacht festliche Hemden nähen.“
Als die junge Frau Nadeln, Schere, Schnittmuster und einen ganzen Berg Stoff vor sich sah, schämte sie sich.
„Es reicht“, sagte sie zu sich. „Nach dieser Aufgabe erzähle ich alles, selbst wenn man mich fortjagt.“
Eine dritte alte Frau klopfte an die Tür. Sie hatte eine große runde Brille auf der Nase, und ihre Finger bewegten sich äußerst genau.
„Kannst du nähen?“, fragte sie.
„Nur einen Knopf annähen.“
„Das ist immerhin ein Anfang.“
Zum dritten Mal erzählte die junge Frau ihre Geschichte.
Die Alte hörte zu und sagte:
„Ich helfe dir, wenn du mich an einem glücklichen Tag Tante nennst. Aber heute sollst du dir noch etwas merken: Es ist keine Schande, etwas nicht zu können. Eine Schande ist es, die Arbeit eines anderen als die eigene auszugeben und sich nicht einmal dafür zu bedanken.“
„Ich verstehe“, antwortete die junge Frau. „Morgen erzähle ich alles.“
Die dritte Tante brachte ihr bei, eine einfache Naht zu nähen, den Stoff zu falten, einen Fingerhut zu benutzen und den Augen eine Pause zu gönnen.
Bis zum Morgen waren die Hemden fertig.
Die junge Frau nahm sie und ging zur Königin.
„Eure Majestät“, sagte sie, „bevor Ihr Euch die Arbeit anseht, muss ich die Wahrheit sagen.“
Und sie erzählte alles.
Die Königin schwieg lange.
„Du hättest es gleich sagen sollen“, sagte sie schließlich.
„Ich weiß.“
„Aber du hast es jetzt gesagt, obwohl du weiter hättest schweigen können. Das zählt. Und auch diejenigen, die dir solche unmöglichen Prahlereien unterstellt haben, müssen für ihre Worte einstehen.“
Die Königin rief die Mägde zu sich. Sie schrie nicht und bestrafte sie nicht grausam. Sie ordnete nur an, dass sie einige Wochen lang gemeinsam mit der jungen Frau unter der Anleitung erfahrener Handwerkerinnen arbeiten sollten.
„Vielleicht erfinden Menschen weniger Geschichten übereinander, wenn sie nebeneinander arbeiten“, sagte sie.
Genau so kam es.
Die Zeit verging. Die junge Frau lernte recht gut zu spinnen, ein wenig zu weben und ordentlich zu nähen. Das Wichtigste aber war: Sie hatte keine Angst mehr vor dem Satz „Das kann ich noch nicht“.
Im Schloss lebte ein Königssohn, der oft in die Werkstätten kam. Er wollte keine Befehle geben, sondern sehen, wie die Menschen arbeiteten. Er stellte gern Dinge aus Holz her und wusste genau, wie viel Geduld wirkliche Geschicklichkeit erforderte.
Er und die junge Frau freundeten sich an. Sie sprachen über den Wald, über die Arbeit, über ihren Vater, über Bücher und Reisen. Wieder verging viel Zeit, und eines Tages beschlossen beide, dass sie eine Familie gründen wollten.
Zur Hochzeit wurden alle aus dem Schloss eingeladen und natürlich auch der Vater der Braut.
Als sich die Gäste bereits am Tisch versammelten, trat die erste alte Frau in ihrem dunkelblauen Kleid in den Saal.
Die Braut stand sofort auf.
„Tante! Wie freue ich mich, dass du gekommen bist!“
Der Königssohn staunte, rückte dem Gast aber freundlich einen Stuhl zurecht.
Ein paar Minuten später kam die zweite alte Frau.
„Tante!“, rief die Braut wieder.
Dann erschien die dritte mit der großen runden Brille.
„Du bist auch da, Tante!“
Der Königssohn fragte leise:
„Hast du wirklich drei Tanten, von denen ich noch nie gehört habe?“
Die Braut lächelte.
„Nicht ganz. Aber ohne sie gäbe es diesen Tag vielleicht nicht.“
Vor allen Gästen erzählte sie ihre Geschichte.
Die erste Tante zeigte ihre von der Arbeit gezeichneten Finger.
„Ich spinne beinahe mein ganzes Leben lang. Früher arbeitete ich ohne Pausen und dachte, es sei eine Schande, sich auszuruhen. Jetzt weiß ich: Man muss seine Hände ebenso bewahren wie sein Können.“
Die zweite richtete die Schultern auf.
„Ich habe viele Jahre am Webstuhl gesessen. Jetzt stehe ich jede Stunde auf, bewege mich und bringe den Jüngeren bei, sich nicht kaputtzuarbeiten, nur um schneller zu sein.“
Die dritte rückte ihre Brille zurecht.
„Ich habe bei schlechtem Licht genäht, bis meine Augen müde wurden. Jetzt sage ich meinen Schülern als Erstes: Licht, Pausen und ein bequemer Arbeitsplatz gehören auch zu einem guten Handwerk.“
Der Königssohn dachte nach.
„Ihr habt also nicht bloß drei unmögliche Aufgaben erledigt. Ihr habt ihr auch beigebracht, so zu arbeiten, dass die Arbeit nicht die Gesundheit kostet.“
„Genau so ist es“, sagte die erste Tante.
Die Königin hob ihren Becher mit Beerensaft.
„Dann feiern wir heute nicht nur eine Hochzeit. Wir feiern auch diejenigen, die helfen können, ihr Wissen weitergeben und rechtzeitig die Wahrheit sagen.“
Nach der Hochzeit kamen die drei Tanten oft ins Schloss. Für sie wurde eine kleine Werkstatt eingerichtet. Dort lehrten sie Kinder und Erwachsene, ohne Hast und Erschöpfung zu spinnen, zu weben und zu nähen.
Über der Tür hing ein Schild:
„Man muss nicht alles allein können. Gute Arbeit entsteht oft dort, wo Menschen ihr Wissen miteinander teilen.“
Immer wenn die junge Frau vorbeikam, lächelte sie.
Denn sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie zum ersten Mal ehrlich gesagt hatte:
„Das kann ich nicht.“
Mit diesen Worten begann ihr eigentliches Lernen.
