

Tschechien
Die drei goldenen Haare
Weissagung, Reise, Rätsel, Schicksal
- Land
- Tschechien
- Alter
- 7–11 Jahre

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Die drei goldenen Haare
Es war einmal in einem fernen Königreich ein König, der es über alles liebte, wenn alles nach seinem Plan verlief. Er legte die Jagdzeiten fest, befahl, wann die Stadttore geöffnet werden sollten, und ärgerte sich sogar, wenn der Regen an einem anderen Tag begann, als er es wollte.
Einmal verirrte sich der König auf der Jagd. Gegen Abend gelangte er zu der kleinen Hütte eines Köhlers und bat um ein Nachtlager.
In jener Nacht wurde dem Hausherrn ein Sohn geboren.
Als alle im Haus schliefen, hörte der König leise Stimmen. Neben der Wiege standen drei geheimnisvolle Frauen in hellen Umhängen. Nach altem tschechischem Brauch galten sie als Verkünderinnen des Schicksals.
Die erste sagte:
„Der Junge wird es anfangs nicht leicht haben, doch die Gefahren glücklich überstehen.“
Die zweite fügte hinzu:
„Das Wasser wird ihm kein Feind sein, die Wege werden ihn zu guten Menschen führen, und sein Mut wird ihm helfen, wo Kraft allein nichts vermag.“
Die dritte sprach:
„Und wenn er erwachsen ist, wird ihn das Schicksal in den Königspalast führen, und er und die Königstochter werden einander lieben.“
Der König setzte sich im Bett auf.
Was? Der Sohn eines einfachen Köhlers soll meiner Familie nahekommen? Nein. Ich selbst bestimme, was geschieht!
Am Morgen bot er dem Vater des Jungen Geld an und versprach, für das Kind zu sorgen. Der Köhler, dem es schwerfiel, seine Familie zu ernähren, glaubte den Worten des Königs.
Doch der König wollte den Jungen nicht am Hof aufziehen. Er befahl einem Diener, das Baby weit fortzubringen und dafür zu sorgen, dass es niemals zurückkehrte.
Der Diener war ein guter Mensch. Er konnte dem Kind nichts antun. Darum legte er das Kleine in einen festen Korb, polsterte ihn mit einer Decke aus und setzte ihn behutsam auf den stillen Fluss, denn er wusste, dass weiter flussabwärts Fischerhütten standen.
Der Korb trieb lange zwischen dem Schilf, bis ein alter Fischer ihn entdeckte.
„Frau!“, rief er. „Sieh, was uns der Fluss gebracht hat!“
Der Fischer und seine Frau hatten keine Kinder. Sie nahmen den Jungen bei sich auf und nannten ihn Plaváček, das heißt: der auf dem Wasser herangeschwommen kam.
Die Jahre vergingen. Plaváček wuchs zu einem fröhlichen, fleißigen und neugierigen jungen Mann heran. Er konnte Boote ausbessern, im Nebel einen Pfad finden und ging nie an einem Menschen vorbei, der Hilfe brauchte.
Eines Tages kam der König wieder in diese Gegend. Er sah den jungen Mann am Fluss und fragte:
„Wer bist du?“
„Plaváček, der Sohn des Fischers“, antwortete dieser.
Der König fragte nach seinem Alter und danach, wie er in die Familie gekommen war. Da begriff er, dass das Baby aus der alten Weissagung vor ihm stand.
Der König wurde unruhig.
„Junge“, sagte er, „bring einen Brief in den Palast. Wenn du dich beeilst, bekommst du eine Belohnung.“
Plaváček willigte ein.
In dem Brief schrieb der König einen strengen Befehl: Der junge Mann dürfe nicht am Hof aufgenommen werden, sondern müsse sofort so weit fortgeschickt werden, dass er nie mehr zurückkäme.
Der Weg war lang. Am Abend kehrte Plaváček bei einer alten Frau ein. Sie gab ihm zu essen, bereitete ihm einen Platz am Ofen und fragte, wohin er unterwegs sei.
„Zum Königspalast. Ich bringe einen Brief.“
Als der Junge schlief, bemerkte die alte Frau das königliche Siegel. Sie war eine der drei Schicksalsverkünderinnen, die einst neben seiner Wiege gestanden hatten.
Sie las den Brief und schüttelte den Kopf.
„Ein Mensch mag sich vor seinem Schicksal fürchten. Aber seine Furcht gibt ihm nicht das Recht, anderen zu schaden.“
Die Alte schrieb einen neuen Brief:
„Empfangt diesen jungen Mann als einen lieben Gast. Lasst ihn die Prinzessin kennenlernen. Dann sollen die beiden selbst entscheiden, ob sie Freunde sein möchten und ob aus ihrer Freundschaft mehr wird.“
Am Morgen setzte Plaváček seine Reise fort, ohne etwas von dem vertauschten Brief zu wissen.
Im Palast wurde er freundlich empfangen. Die Prinzessin erwies sich nicht als hochmütige Schönheit aus einem Märchenbild, sondern als kluges Mädchen, das Pferde, Bücher und lange Spaziergänge im Garten liebte.
Plaváček erzählte ihr vom Fluss, von Fischernetzen und vom Leben in einem kleinen Dorf. Sie erzählte ihm vom Palast, von ihren Pflichten und davon, wie müde sie manchmal wurde, wenn andere versuchten, alles für sie zu entscheiden.
Mit der Zeit verliebten sich die beiden tatsächlich ineinander.
Als der König zurückkam und Plaváček an der Seite seiner Tochter sah, konnte er seine Empörung kaum zurückhalten.
„Das darf doch nicht wahr sein!“
„Warum?“, fragte die Prinzessin ruhig. „Weil Ihr es nicht geplant habt?“
Der König begriff, dass ein einfacher Befehl nun nichts mehr ändern konnte. Da dachte er sich eine beinahe unmögliche Aufgabe aus.
„Gut, Plaváček. Wenn du beweisen willst, dass du deiner Wahl würdig bist, bring mir drei goldene Haare von Großvater Allwissend, der die ganze Welt sieht.“
Plaváček hätte ablehnen können. Doch er war neugierig geworden.
„Ich werde gehen“, sagte er. „Nicht, weil ich jemandem meinen Wert beweisen muss. Sondern weil ich sehen möchte, wohin dieser Weg führt.“
Die Prinzessin lächelte:
„Dann komm zurück. Das ist meine einzige Bitte.“
Plaváček machte sich auf den Weg.
Nach einigen Tagen erreichte er eine Stadt, in der alle traurig waren.
„Was ist geschehen?“, fragte er.
„Bei uns wuchs ein Apfelbaum, dessen Früchte den Menschen ihre Kraft zurückgaben“, antworteten die Bewohner. „Doch seit Langem trägt er keine mehr. Wenn du wirklich zu Großvater Allwissend gehst, frag ihn nach dem Grund.“
„Das werde ich“, versprach Plaváček.
Danach kam er in eine andere Stadt. Mitten auf dem Platz stand dort ein steinerner Brunnen, doch kein einziger Tropfen floss daraus.
„Früher strömte heilendes Wasser aus dieser Quelle“, sagten die Menschen. „Jetzt ist sie versiegt. Frag bitte, warum.“
„Das werde ich.“
Schließlich erreichte Plaváček einen breiten schwarzen Fluss. Ein Fährmann brachte Tag und Nacht Menschen von einem Ufer ans andere.
„Schon seit vielen Jahren halte ich dieses Ruder“, seufzte er. „Und ich kann die Fähre einfach nicht verlassen. Wenn du Allwissend triffst, frag ihn, wie ich frei werden kann.“
„Ich verspreche es.“
Jenseits des Flusses begann ein seltsames Land. Morgens war es dort still, mittags strahlte alles, und abends wurde der Himmel golden.
Am Ende der Welt stand ein goldener Palast.
Plaváček klopfte an.
Eine ältere Frau mit freundlichen, sehr aufmerksamen Augen öffnete die Tür.
„Wen suchst du?“
„Großvater Allwissend. Ich brauche drei seiner goldenen Haare und außerdem Antworten auf drei Fragen.“
Die Frau lachte.
„Du bist zur Sonne selbst gekommen. Am Morgen zieht er jung und kräftig hinaus, wandert den ganzen Tag über den Himmel und kehrt abends alt und müde zurück. Nach einer solchen Reise mag er keine ungebetenen Gäste. Versteck dich hinter dem Vorhang, dann versuche ich, dir zu helfen.“
Gegen Abend erfüllte goldenes Licht den Palast. Großvater Allwissend trat ein. Sein Haar glänzte, doch er konnte kaum die Augen offen halten.
„Mutter, ich bin so müde“, sagte er. „Heute habe ich Berge, Meere, Städte, Wälder und tausend Wege gesehen.“
Er aß und schlief ein.
Da nahm seine Mutter ganz behutsam ein goldenes Haar. Es löste sich leicht von selbst, wie ein Sonnenstrahl.
Der Großvater erwachte.
„Was ist geschehen?“
„Ich hatte einen seltsamen Traum“, sagte seine Mutter. „In einer Stadt stand ein Apfelbaum, der einst stärkende Früchte trug, jetzt aber keine mehr hervorbringt. Warum wohl?“
Der Großvater gähnte.
„Weil sich bei seinen Wurzeln eine große Schlange angesiedelt hat und den Weg des Wassers durch die Erde versperrt. Die Menschen sollen sie behutsam in den Wald locken, wo sie niemanden stört, und die Erde um die Wurzeln lockern und gießen. Dann wird der Baum wieder aufleben.“
Er schlief ein.
Seine Mutter löste ein zweites goldenes Haar.
„Wieder ein Traum?“, murmelte der Großvater.
„Ja. Ich sah eine Stadt, in der eine heilende Quelle versiegt war.“
„Unter einem Stein direkt am Quellursprung sitzt eine große Kröte und verstopft den schmalen Wasserlauf. Die Menschen sollen sie vorsichtig zu einem Teich bringen und den Wasserlauf säubern. Dann kommt das Wasser zurück.“
Der Großvater schlief wieder ein.
Seine Mutter löste das dritte Haar.
„Und was hast du diesmal geträumt?“
„Von einem Fährmann, der seine Fähre nicht verlassen kann.“
Der Großvater lächelte im Halbschlaf.
„Er muss aufhören zu denken, nur er könne das Ruder halten. Er soll einem anderen Freiwilligen zeigen, wie man das Boot lenkt, ihm seine Schicht übergeben und endlich an Land gehen. Eine Pflicht darf kein Gefängnis sein.“
Nun schlief Großvater Allwissend bis zum Morgen fest durch.
Als die Morgenröte aufstieg, wurde er wieder zur jungen Sonne und zog hinaus an den Himmel.
Seine Mutter rief Plaváček und gab ihm die drei goldenen Haare.
„Nimm sie. Und vergiss die Antworten nicht.“
„Danke“, sagte er. „Ich werde das niemals vergessen.“
Auf dem Rückweg gab Plaváček dem Fährmann den Rat weiter. Dieser fand einen jungen Helfer, brachte ihm bei, das Boot zu lenken, und verbrachte zum ersten Mal seit vielen Jahren einen ganzen Abend am Ufer, ohne das Ruder in den Händen zu halten.
In der Stadt mit der versiegten Quelle hoben die Menschen den Stein an, trugen die Kröte vorsichtig zu einem stillen Teich und säuberten den schmalen Wasserlauf. Das Wasser rauschte so laut, dass die Kinder lachend über den Platz liefen und die Hände in die spritzenden Tropfen hielten.
In der Stadt mit dem Apfelbaum lockten die Gärtner die Schlange in den Wald, wo sie reichlich Platz hatte, und lockerten dann die Erde um die Wurzeln. Im Frühling bedeckte sich der Baum mit Blüten, und im Herbst erschienen die ersten goldgelben Äpfel.
Zum Dank gaben die Bewohner beider Städte Plaváček Geschenke: gute Pferde, Beutel mit Münzen und alles, was er für seine Reise brauchte. Er nahm nur so viel, wie er sinnvoll verwenden konnte, und bat darum, den Rest für diejenigen zu behalten, die wirklich Hilfe benötigten.
Endlich kehrte Plaváček in den Palast zurück.
Die Prinzessin lief ihm entgegen.
„Du bist zurück!“
„Wie versprochen.“
Er legte die drei goldenen Haare vor den König.
Der König traute seinen Augen nicht.
„Woher hast du auch noch die Pferde? Und die Geschenke?“
Plaváček erzählte von den beiden Städten, der Quelle, dem Apfelbaum und der Fähre.
Sogleich leuchteten die Augen des Königs.
Wenn der Junge so viel mitgebracht hat, kann man dort bestimmt noch mehr bekommen!
Er machte sich selbst auf denselben Weg.
Als er den schwarzen Fluss erreichte, fragte der König, woher Plaváček seinen Reichtum hatte.
Der Fährmann antwortete:
„Ich kann Euch den Weg zeigen. Aber helft mir zuerst mit der Fähre. Wer einen Weg benutzt, sollte auch ein wenig für die anderen sorgen.“
Widerwillig nahm der König das Ruder. Zunächst ärgerte er sich, denn die Arbeit war schwerer, als sie vom Ufer aus wirkte. Doch Tag für Tag brachte er Menschen über den Fluss: Alte, Kinder, Händler und Reisende. Er hörte ihre Geschichten und begriff zum ersten Mal wirklich, wie die Menschen außerhalb des Palastes lebten.
Nach einigen Wochen sagte der Fährmann:
„Nun ist es genug. Ihr könnt gehen.“
Der König kehrte als ein ganz anderer Mensch nach Hause zurück. Er sagte nicht mehr, er könne das Schicksal lenken. Und er versuchte nicht mehr, für seine Tochter zu entscheiden.
Plaváček und die Prinzessin heirateten später, weil sie beide es wollten. Die drei goldenen Haare bewahrten sie nicht in der Schatzkammer auf, sondern in einem kleinen Kästchen in der Bibliothek.
Daneben lag ein Zettel:
„Die größte Weisheit liegt nicht darin, alles im Voraus zu wissen. Sie liegt darin, zuzuhören, zu helfen und keine Angst davor zu haben, sich zu ändern.“
Und man sagt, von da an habe sich in jenem Königreich sogar der König nicht mehr über den Regen geärgert.
Denn er hatte begriffen: Nicht alles auf der Welt muss nach seinem Plan geschehen.
