Cover: Der Samthase

Weltweit

Der Samthase

Zu Weihnachten bekam der Junge viele Geschenke. Zwischen bunten Schachteln, Süßigkeiten und mechanischen Spielsachen lag ein kleines Kaninchen aus weichem Samt.

Land
Weltweit
Alter
5–9 Jahre

Der Samthase

Zu Weihnachten bekam der Junge viele Geschenke. Zwischen bunten Schachteln, Süßigkeiten und mechanischen Spielsachen lag ein kleines Kaninchen aus weichem Samt.

Zunächst freute sich der Junge sehr darüber. Doch dann kamen Gäste, neue Pakete erschienen, und das Kaninchen landete im Kinderzimmer zwischen den anderen Spielsachen.

Dort begriff es rasch, dass nicht alle Spielsachen sich gleich verhielten.

Die mechanischen Autos und Aufziehtiere waren stolz auf ihre Federn, glänzenden Teile und komplizierten Mechanismen. Sie sprachen, als könne ein einfaches Stofftier nicht wirklich wichtig sein.

Das tat dem Samthasen weh.

Nur das alte Lederpferd lachte nicht über ihn. Sein Fell war längst abgewetzt, und es sah überhaupt nicht mehr neu aus, doch es wusste vieles, das die glänzenden Spielsachen nicht verstanden.

Eines Abends fragte das Kaninchen:

„Was bedeutet es, wirklich zu sein?“

Das Pferd antwortete, dass das nicht vom Material, von Federn oder schönen Augen abhing. Ein Spielzeug wurde wirklich, wenn ein Kind es lange und von Herzen liebte.

„Geschieht das sofort?“

„Nein“, erklärte das Pferd. „Man wird nicht in einer Minute wirklich. Das geschieht allmählich. Manchmal wird das Fell abgewetzt, die Nähte werden locker und die Farbe verblasst. Doch wenn man dich liebt, ist das alles nicht mehr besonders wichtig.“

Das Kaninchen dachte lange über diese Worte nach.

Es wollte wirklich werden. Allerdings machte ihm die Aussicht, sein schönes Aussehen zu verlieren, ein wenig Angst.

Eines Abends konnte der Junge sein liebstes Spielzeug zum Einschlafen nicht finden. Das Kindermädchen hatte es eilig und griff nach dem Samthasen.

„Hier hast du ein Häschen“, sagte sie.

So begann ihre wirkliche Freundschaft.

Der Junge nahm das Kaninchen mit ins Bett, trug es in den Garten und setzte es beim Spielen neben sich. Gemeinsam bauten sie Häuser in ihrer Fantasie, legten Straßen zwischen den Büschen an und unternahmen weite Reisen, die für Erwachsene nur wenige Minuten dauerten.

Das Kaninchen fiel oft auf den Boden, wurde umarmt, an einer Pfote herumgezogen, unter der Decke verloren und wiedergefunden.

Sein Samt wurde abgewetzt.

Die Schnurrhaare verschwanden fast ganz.

Die Ohren waren innen nicht mehr so rosa.

Doch der Junge liebte es immer mehr.

Einmal sah das Kaninchen im Garten zwei lebendige Kaninchen. Sie hüpften flink zwischen den Büschen und wunderten sich, dass es seine Hinterbeine nicht so bewegen konnte wie sie.

„Du bist kein wirkliches Kaninchen“, sagten sie.

Der Samthase fühlte sich gekränkt.

„Ich bin wirklich!“, dachte er. „Der Junge liebt mich.“

Doch die lebendigen Kaninchen verschwanden so schnell, dass er ihnen noch lange nachblickte.

Ein paar Wochen vergingen.

Eines Tages wurde der Junge schwer krank. Ärzte kamen ins Zimmer, die Erwachsenen sprachen flüsternd, und nachts brannte Licht.

Das Kaninchen lag die ganze Zeit neben dem Jungen.

Es lag unbequem und hatte Angst, wollte seinen Freund aber nicht verlassen.

Allmählich ging es dem Jungen besser.

Der Arzt sagte, nach der Krankheit solle er ans Meer fahren und frische Luft atmen. Das Zimmer musste gründlich gereinigt werden, und die Dinge, an denen gefährliche Keime haften konnten, sollten vernichtet werden.

Zu ihnen gehörte auch der alte Samthase.

Das Kindermädchen steckte ihn mit alten Büchern und unnötigen Dingen in einen Sack. Am nächsten Morgen sollte der Gärtner alles verbrennen.

Das Kaninchen verstand nicht, warum nach so vielen glücklichen Tagen alles so enden musste.

Es schob sich so weit aus dem Sack, dass es den nächtlichen Garten sehen konnte.

Ihm war kalt, und es war einsam.

Es dachte an den Jungen, der bereits in einem anderen Zimmer mit einem neuen Spielzeug schlief, und aus seinem Auge fiel eine wirkliche Träne.

Dort, wo die Träne die Erde berührte, wuchs plötzlich eine Blume.

Ihre Blütenblätter öffneten sich, und eine zauberhafte Fee erschien vor dem Kaninchen.

Sie sagte, sie komme zu Spielsachen, die von Kindern wirklich geliebt worden waren.

„Aber für den Jungen war ich schon wirklich“, antwortete das Kaninchen.

„Für ihn, ja. Und jetzt wirst du für die ganze Welt wirklich.“

Die Fee nahm es auf den Arm und trug es in den Wald.

Dort küsste sie das Kaninchen, und plötzlich wurde sein Körper leicht. Seine Hinterbeine füllten sich mit Kraft. Es spürte die Erde unter seinen Pfoten, den Duft des Grases und den Nachtwind.

Neben ihm erschienen lebendige Kaninchen.

„Komm mit!“, riefen sie.

Das Kaninchen sprang.

Zunächst unbeholfen, dann höher und noch höher.

Es lief, wie es sich das früher nicht einmal hätte vorstellen können.

Die Zeit verging.

Im Frühling ging der Junge im Wald spazieren und sah in der Nähe ein Kaninchen. Es blieb stehen und blickte ihn mit vertrauten Augen an.

„Seltsam“, sagte der Junge. „Es sieht meinem alten Häschen ein wenig ähnlich.“

Er wusste nicht, dass vor ihm tatsächlich sein Samthase stand.

Doch das Kaninchen wusste es.

Und erinnerte sich.

Denn die Liebe hatte es nicht neuer oder schöner gemacht. Sie hatte es wirklich gemacht.

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