Cover: Der große steinerne Feuerfresser

Südkorea

Der große steinerne Feuerfresser

Steinwesen, Feuer, Riese, Wunder

Land
Südkorea
Alter
6–10 Jahre
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Der große steinerne Feuerfresser

Vor langer, langer Zeit, als Seoul noch eine Stadt mit hölzernen Toren, Ziegeldächern und langen Straßen war, lebte in den Bergen im Südwesten ein Feuergeist.

Er war ein seltsames Wesen. Tagsüber versteckte er sich zwischen dunklen Steinen. Nachts erwachte er und suchte nach allem, was hell auflodern konnte.

Er liebte das Knacken trockener Äste. Er mochte es, wenn Funken durch die Luft tanzten. Am liebsten aber prahlte er vor dem Südwind.

„Sieh nur, was ich kann!“, rief der Feuergeist und warf eine Handvoll Funken in die Höhe.

„Und ich kann sie weit, weit forttragen!“, antwortete der Wind.

So spielten die beiden ihr gefährliches Spiel.

Eines Abends stieg der Feuergeist auf einen Gipfel und sah in der Ferne den königlichen Palast.

Seine Dächer schimmerten im Mondlicht. Die Tore waren hoch. Ein hölzerner Säulengang reihte sich an den nächsten.

„Was für ein Ort!“, rief der Geist. „So viel Holz! Ich will sehen, wie schön das leuchtet!“

Der Südwind schwieg einen Augenblick.

„Dort leben Menschen“, sagte er.

„Ich will doch nur ein bisschen spielen“, winkte der Geist ab.

Aber bei Feuer gibt es kein „nur ein bisschen“.

In dieser Nacht sahen die Wächter auf den Stadtmauern als Erste einen roten Schein bei den Hügeln.

„Feuer!“, hallte es durch die Straßen.

Die Alarmglocken läuteten. Die Menschen verließen ihre Holzhäuser und gingen in sichere Höfe und auf offene Plätze. Die Wachen reichten Wasser von den Brunnen weiter, und die Diener im Palast konnten wichtige Dinge rechtzeitig aus den nächstgelegenen Gebäuden bringen.

Niemand wurde verletzt, doch einige leer stehende Nebengebäude und alte Dächer brannten ab.

Bei Tagesanbruch versammelte der König seine Ratgeber.

„Wir können nicht jedes Jahr darauf warten, dass dieser Feuergeist wieder Lust zum Spielen bekommt“, sagte er. „Wir müssen uns etwas ausdenken, um die Stadt zu schützen.“

Ein Ratgeber schlug vor:

„Feuer fürchtet sich vor Wasser. Laden wir doch den großen Regendrachen aus China ein. In den alten Geschichten können Drachen die Wolken herbeirufen.“

Genau das taten sie.

Bald erschien ein langer Himmelsdrache über der Stadt. Seine Schuppen glänzten zwischen den Wolken, und seine Bartfäden wehten im Wind.

„Braucht ihr Regen?“, grollte er.

„Ja“, antworteten die Ratgeber. „Aber nur so viel, dass das Feuer nicht näher kommt.“

Der Drache holte tief Luft.

„Das kann ich!“

Und machte sich an die Arbeit.

Über Seoul zogen die Wolken zusammen. Es begann zu regnen.

Zuerst freuten sich die Menschen.

„Wunderbar! Genau das brauchen wir!“

Doch der Regen hörte nicht auf.

Es goss und goss. Kleine Bäche liefen durch die Straßen. Die Pfützen wurden so groß, dass Enten wohl gedacht hätten, die Stadt sei eigens für sie gebaut worden.

„Es reicht!“, riefen die Menschen von unten.

Aber der Drache arbeitete so eifrig, dass er sie nicht gleich hörte.

Endlich hörte er auf, rollte sich erschöpft in den Wolken zusammen und schlief ein.

„Ein mächtiger Helfer“, seufzte der König. „Aber das richtige Maß zu finden, fällt ihm offenbar schwer.“

Mehrere Monate lang ließ der Feuergeist sich nicht blicken.

Doch eines trockenen Abends lugte er wieder aus den Bergen hervor.

„Wo ist denn euer Regendrache?“, lachte er.

Der Drache schlief gerade weit hinter den Wolken.

Der Feuergeist rollte den Hang hinab. Und der Südwind, der seine Vorsicht vergessen hatte, trug einige Funken zur Stadt.

Wieder läuteten die Glocken. Die Menschen wussten inzwischen, was zu tun war: Sie entfernten sich rasch von den Holzgebäuden, brachten Wasser und schlossen die Tore zwischen den Höfen. Wieder gelang es, das Feuer aufzuhalten. Aber nun war klar: Die Stadt brauchte einen Schutz, der nicht schlief und auch nicht alles ringsum im Regen versinken ließ.

Da sagte ein alter Meister:

„Wenn der Feuergeist immer aus dem Südwesten kommt, müssen wir ihn schon unterwegs abfangen.“

„Wie?“, fragte der König.

„Mit Wasser. Aber nicht mit Wasser vom Himmel. Mit Wasser, das an seinem Platz bleibt.“

Und die Menschen gruben einen großen Teich auf dem Weg von den Bergen zur Stadt.

Beim nächsten Mal raste der Feuergeist den Hang hinunter, wurde immer schneller und plötzlich …

Platsch!

Mitten in den Teich.

„Zisch-sch-sch-sch!“, machte es ringsum.

Weißer Dampf stieg über dem Wasser auf.

Der Feuergeist sprang ans Ufer, nass, wütend und deutlich kleiner als zuvor.

„Wer hat denn diese Pfütze hier hingestellt?!“

Er versuchte noch, die Stadt zu erreichen, doch er hatte kaum Kraft übrig. Nur ein paar Funken flogen bis zum Palasttor und erloschen sofort in den Wassereimern.

Alle jubelten.

„Wir haben gewonnen!“

Doch der alte Meister schüttelte den Kopf.

„Der Teich hat geholfen. Aber der Geist ist stur. Wir brauchen etwas, das ihm von selbst die Lust nimmt, hierherzukommen.“

Da trat ein Steinmetz vor.

„Lasst es mich versuchen.“

Am Straßenrand fand man einen gewaltigen Felsblock. Der Steinmetz arbeitete viele Tage lang daran. Tagsüber hörte man: tack, tack, tack. Abends rieselte weißer Staub vom Stein. Nach und nach kam aus dem Felsblock ein ungewöhnliches Wesen zum Vorschein.

Es hatte ein großes Maul, kräftige Tatzen und einen Blick, als könnte es ein ganzes Lagerfeuer mit einem einzigen Schluck verschlingen.

„Was ist das?“, fragten die Kinder.

„Ein Feuerfresser“, antwortete der Meister. „Ein Wächter aus Stein.“

Man stellte ihn vor den Weg zum Palast.

Einige Zeit verging.

Eines Nachts kam der Feuergeist wieder aus den Bergen.

„Diesmal hält mich kein Teich auf!“, brummte er.

Der Südwind flog neben ihm her, doch er lachte nicht mehr.

„Vielleicht ist es langsam genug? Wegen unserer Spiele müssen die Menschen jedes Mal aus ihren Häusern fliehen.“

„Das entscheide ich selbst!“

Der Geist erreichte den Teich, ging vorsichtig an ihm vorbei und kicherte zufrieden.

„Siehst du? Ich habe dazugelernt!“

Doch hinter der Kurve entdeckte er das steinerne Tier.

Es stand regungslos da.

Der Feuergeist machte einen Schritt.

Im Mondlicht sah das steinerne Maul noch größer aus.

Der Geist machte einen zweiten Schritt.

Plötzlich kam es ihm vor, als warte der steinerne Wächter nur darauf, ihn mitsamt all seinen Funken zu verschlucken.

„Frisst der … frisst der wirklich Feuer?“, flüsterte der Geist.

Der Südwind konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen.

„Ich weiß es nicht. Willst du es ausprobieren?“

Der Feuergeist überlegte.

Dann überlegte er noch einmal.

Und wich langsam zurück.

„Heute habe ich nicht so viel Lust auf Abenteuer.“

Er kehrte zu den Bergen zurück.

Dann ging er schneller.

Und einen Augenblick später rannte er, so schnell er konnte.

Seitdem, so erzählt das alte Märchen, versuchte der Feuergeist nie wieder, zum Palast zu gelangen.

Auch der Südwind trug seine Funken nicht mehr in die Stadt.

Die Menschen aber vergaßen die Lehre nicht. Sie hielten Wasser bei ihren Häusern bereit, achteten auf die Dächer und lauschten auf die Alarmglocken. Und sie wussten: Vor einer großen Gefahr rettet nicht immer die größte Kraft.

Manchmal braucht man einen Regendrachen.

Manchmal einen gut gegrabenen Teich.

Und manchmal ist die beste Antwort ein Steinmetz mit einem Hammer, Geduld und einer sehr mutigen Fantasie.