

Weltweit
Vom Hirtenjungen zum König
Hirte, David, Mut, Schicksal
- Land
- Weltweit
- Alter
- 6–10 Jahre

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Vom Hirtenjungen zum König
Auf einer weiten Ebene, wo der Abendwind leise das Gras bewegte, lebte ein junger Hirte namens David.
Jeden Tag führte er seine Herde auf die Weiden. Wenn die Arbeit getan war, wanderte er gern zwischen den Hügeln und Bäumen umher. So aufmerksam lauschte er dem Gesang der Vögel, dem Plätschern des Baches und dem Rascheln der Blätter, als erzählte die Natur ihm ihre Geheimnisse.
In David entstanden immer wieder Lieder. Manchmal erfand er eine Melodie auf dem Heimweg. Manchmal kamen die Worte von selbst, während er zum Himmel sah.
Eines Tages war ihm, als riefe jemand mitten im Wind:
„David, David …“
Der Junge sah sich um.
Niemand war da.
Nur Bäume, Blumen und Vögel in der Ferne.
Er ging weiter und sah bald einen hohen Hügel. Ganz oben ragte etwas empor, das wie ein seltsamer Baum aussah: ohne Zweige, ohne Blätter, glatt und dunkel.
„Das muss ich mir näher ansehen“, beschloss David.
Der Aufstieg war mühsam. Der Hügel war ungewöhnlich hart und glatt. Nicht ein einziger Grashalm wuchs darauf.
Als der Junge endlich oben ankam, berührte er den seltsamen „Baum“ und zog erstaunt die Hand zurück.
„Das ist ja gar kein Baum! Es sieht aus wie ein riesiges Horn.“
David setzte sich hin, um auszuruhen.
Plötzlich bebte die Erde unter ihm ganz leicht.
Dann noch einmal.
Irgendwo unten ertönte ein dumpfer Laut, als hätte ein gewaltiges Wesen im Schlaf geseufzt.
David erstarrte.
Was er für einen Hügel gehalten hatte, begann sich zu heben.
Höher.
Noch höher.
Der Junge klammerte sich fest an das Horn und sah, wie die Erde sich von ihm entfernte.
Da begriff er:
„Das ist kein Hügel. Es ist ein riesiges Einhorn! Es hat hier gelegen und geschlafen!“
Das Einhorn stellte sich auf die Beine, und David befand sich hoch über der Ebene.
Zuerst bekam der Junge Angst. Doch er zwang sich, ruhig nachzudenken.
„Wenn es fressen möchte, wird es den Kopf zum Boden senken“, überlegte David. „Dann kann ich herunterspringen.“
Genau in diesem Augenblick erklang in der Ferne das Brüllen eines Löwen.
Das Einhorn horchte auf.
Wieder ertönte das Brüllen, diesmal näher.
Der Überlieferung nach verstand David die Stimmen der Tiere. Ihm war, als befähle der Löwe allen ringsum, dem König der Tiere den Weg freizugeben.
Langsam senkte das Einhorn den Kopf.
„Das ist meine Gelegenheit!“, flüsterte David.
Vorsichtig glitt er hinunter und stellte sich auf den Boden.
Doch kaum hatte er sich aufgerichtet, sah er in der Nähe den Löwen.
Das große Tier blickte ihn direkt an.
David lief nicht kopflos davon. Er blieb still stehen und suchte mit den Augen einen Weg zu einem sicheren Ort.
Plötzlich huschte eine schlanke Hirschkuh zwischen den Bäumen hindurch.
Sie lief näher, und David hörte:
„Setz dich auf meinen Rücken. Ich bringe dich hier fort.“
Der Junge zögerte nicht. Er schlang die Arme um ihren Hals, und sie sauste los.
Der Wind pfiff ihm um die Ohren. Unter den Hufen huschte das Gras vorbei. Hinter ihnen war noch eine Weile das Brüllen des Löwen zu hören. Doch die Hirschkuh war schnell und kannte die Waldpfade gut.
Sie lief über die Ebene, zwischen den Bäumen hindurch und am Bach entlang, bis in der Ferne die Häuser der Menschen auftauchten.
Hier blieb die Hirschkuh stehen.
„Jetzt bist du in Sicherheit“, schien sie zu sagen. „Geh nach Hause.“
David sprang auf den Boden.
„Danke“, sagte er. „Das werde ich nicht vergessen.“
Die Hirschkuh wandte sich um und verschwand zwischen den Bäumen.
David sah ihr lange nach. Dann machte er sich langsam auf den Heimweg.
Was für ein wunderlicher Tag: Der Hügel hatte sich als riesiges Einhorn entpuppt, die Gefahr war unerwartet gekommen, und auch die Hilfe war dort erschienen, wo er sie nicht vermutet hatte.
Doch am deutlichsten blieb dem Jungen etwas anderes im Gedächtnis: Die Angst muss nicht erst verschwinden, damit man mutig handeln kann. Manchmal genügt es, sie nicht für sich entscheiden zu lassen.
Unterwegs hörte er wieder die Vögel, den Bach und den Wind. Wie immer entstand aus diesen Klängen in seinem Herzen ein Lied.
Die Jahre vergingen. David wurde erwachsen und, wie die alte Überlieferung erzählt, König von Israel.
Wenn er sich an seine Kindheit als Hirtenjunge erinnerte, dachte er an die stille Ebene, das seltsame riesige Tier und die schnelle Hirschkuh, die ihm geholfen hatte, nach Hause zurückzukehren.
Vielleicht klangen gerade deshalb in seinen Liedern so oft Dankbarkeit, Vertrauen und Mut mit.
