Cover: Der Ochse, der das Ferkel beneidete

Indien

Der Ochse, der das Ferkel beneidete

Ochse, Ferkel, Neid, Arbeit

Land
Indien
Alter
4–8 Jahre
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Der Ochse, der das Ferkel beneidete

Auf einem großen, grünen Bauernhof lebten zwei Ochsen, die Brüder waren.

Der ältere hieß Großer Roter. Er war ruhig und kräftig und kannte jeden Weg auf dem Hof. Den jüngeren nannte man Kleiner Roter. Auch er arbeitete gut, doch er hatte eine Angewohnheit: Er schaute allzu gern nach, wer mehr bekommen hatte.

Jeden Morgen halfen die Brüder, die Wagen zu ziehen. Sie fuhren Getreidesäcke in die Vorratskammer, Heu in den Stall, Äpfel aus dem Obstgarten und Brennholz zur Küche.

Nach der Arbeit bekamen sie frisches Gras, Heu und ein wenig Getreide.

„Ein schönes Abendessen“, sagte Großer Roter und kaute zufrieden.

Kleiner Roter dagegen schaute oft über den Zaun.

Hinter dem Zaun lebte ein junges, rosiges Ferkel.

In letzter Zeit wurde es ungewöhnlich reichlich gefüttert. Morgens brachte man ihm warmen Brei. Mittags gab es süße Möhren und Äpfel. Abends lagen im Trog die besten Körner.

Kleiner Roter sah sich das einen Tag an, einen zweiten, einen dritten, und schließlich hielt er es nicht mehr aus.

„Großer Roter, das ist doch ungerecht!“

„Was genau?“, fragte der ältere Bruder ruhig.

„Wir arbeiten von morgens bis abends. Wir ziehen Wagen, bringen die Ernte nach Hause und helfen den Menschen. Und das Ferkel liegt den ganzen Tag im Schatten und bekommt Äpfel, Brei und das beste Getreide.“

Großer Roter schaute ihn an.

„Weißt du, warum es so gefüttert wird?“

„Weil es Glück hat“, brummte Kleiner Roter. „Das ist alles.“

„Hast du denn gefragt?“

„Nein. Man sieht doch alles.“

Der ältere Ochse kaute langsam einen Grashalm.

„Manchmal sieht man längst nicht alles.“

Kleiner Roter schnaubte nur.

Gerade damals bereitete man auf dem Hof die Hochzeit der Tochter des Bauern vor. Die Wände im Hof wurden weiß gestrichen, auf Leinen trockneten festliche Tischdecken, die Köche schrieben auf, was sie servieren wollten, und aus der Vorratskammer wurden immer wieder Körbe getragen.

Doch das besondere Futter für das Ferkel hatte einen anderen Grund.

Vor der Hochzeit sollten Viehhändler auf den Hof kommen. Der Bauer hatte vereinbart, dass das Ferkel mit ihnen auf einen anderen, weit entfernten Hof fahren würde. Dort gab es viel Platz, aber die Reise war lang. Deshalb wollte man es vor dem Umzug gut füttern und stärken.

Kleiner Roter wusste das nicht.

Jeden Tag sah er nur den vollen Trog.

„Sieh mal!“, sagte er wieder zu seinem Bruder. „Heute hat es sogar Birnen.“

„Ich sehe es.“

„Und wir?“

„Wir haben Heu, Gras und nach der Arbeit unsere Ruhe.“

„Sehr lustig“, murmelte Kleiner Roter.

Großer Roter lächelte.

„Kleiner Bruder, ich sage nicht, dass du dir keine Äpfel wünschen darfst. Ich sage nur: Beneide nicht vorschnell einen anderen um seinen Trog, solange du die ganze Geschichte nicht kennst.“

Ein paar Tage später kam der Morgen vor der Hochzeit.

Ein großer Wagen mit einem geräumigen hölzernen Verschlag fuhr auf den Hof. Darin lag frisches Stroh, ein Eimer Wasser stand bereit, und an der Seite hing ein Netz mit Futter.

Das Ferkel, das an sein kleines Gehege gewöhnt war, wurde unruhig.

„Wo soll ich denn hin?“, fragte es.

Der Bauer strich ihm über den Rücken.

„Auf einen anderen Hof. Dort warten sie schon auf dich. Die Reise ist weit. Darum haben wir dich in den letzten Wochen so gut gefüttert.“

Das Ferkel schaute zurück auf den vertrauten Hof, auf die Pfütze beim Apfelbaum und auf den alten Zaun, an dem es sich so gern die Seite scheuerte.

„Ich dachte, die Äpfel wären einfach so für mich“, sagte es leise.

„Sie waren auch für dich“, antwortete der Bauer. „Aber der Grund war ein anderer, als man auf den ersten Blick vermuten konnte.“

Kleiner Roter hörte alles.

Er sah zu, wie das Ferkel vorsichtig in den Wagen stieg. Der Händler prüfte, ob die Tür fest geschlossen war, ob Wasser da war und ob das Stroh ausreichte.

Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Das Ferkel schaute zwischen den Holzlatten hindurch.

„Auf Wiedersehen!“, rief es.

„Gute Reise!“, antworteten die Ochsen.

Als der Wagen hinter der Biegung verschwunden war, schwieg Kleiner Roter lange.

Dann fragte er:

„Wusstest du es?“

„Ich wusste, dass man es auf den Umzug vorbereitet“, antwortete Großer Roter.

„Und deshalb warst du nicht neidisch?“

„Nicht deshalb. Ich habe nur schon vor langer Zeit bemerkt: Wenn man bloß auf die Schüssel eines anderen schaut, erzählt man sich leicht die falsche Geschichte.“

Kleiner Roter senkte den Kopf.

„Ich dachte, es bekommt immer das Beste, und nichts wird von ihm verlangt.“

„Vielleicht hat es uns angesehen und gedacht: ‚Die Ochsen haben es gut. Sie gehen jeden Tag durchs Tor hinaus, sehen die Felder, die Straße und den Fluss. Und ich sitze immer auf demselben Hof.‘“

Kleiner Roter stellte erstaunt die Ohren auf.

„Stimmt. Daran habe ich gar nicht gedacht.“

„Der Neid zählt gern, was ein anderer hat“, sagte der ältere Bruder. „Aber fast nie zählt er, was man selbst besitzt.“

An diesem Tag zogen die Brüder einen leeren Wagen in den Obstgarten. Der Weg führte zwischen goldenen Feldern hindurch, dann hinunter zum Fluss und wieder hinauf zum Hang mit den Apfelbäumen.

Plötzlich bemerkte Kleiner Roter, wie die warme Erde duftete. Wie der Wind das Gras bewegte. Wie die Kinder am Weg ihnen zuwinkten. Wie schön es war, nach dem Anstieg im Schatten anzuhalten und kühles Wasser zu trinken.

Am Abend gab der Bauer den Ochsen ihr gewöhnliches Heu und legte jedem einen kleinen Apfel dazu.

Kleiner Roter freute sich, als hätte er einen ganzen Korb bekommen.

„Großer Roter!“

„Was ist?“

„Mein Apfel ist wunderbar.“

„Das freut mich.“

„Und das Heu schmeckt heute auch irgendwie besonders gut.“

Der ältere Bruder lächelte kaum merklich.

„Vielleicht liegt es gar nicht am Heu?“

Kleiner Roter dachte nach und nickte.

Seitdem bemerkte er noch immer die Äpfel in den Trögen anderer. Aber bevor er sich darüber ärgerte, fragte er sich:

„Kenne ich denn die ganze Geschichte?“

Und sehr oft stellte sich heraus, dass er sie nicht kannte.

Denn von Weitem kann das Leben anderer leichter, köstlicher und bunter erscheinen.

Wahre Weisheit beginnt, wenn man sein Glück nicht mehr an der Futterschüssel eines anderen misst.