Cover: Das Feuerpferd

Tschechien

Das Feuerpferd

Pferd, Sonne, dunkles Land, Reise

Land
Tschechien
Alter
7–11 Jahre
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Das Feuerpferd

Einst lag weit hinter sieben Hügeln ein Königreich, in dem die Sonne niemals aufging. Der Himmel darüber war dunkelblau wie am Abend, kurz bevor der erste Stern erscheint, und die Menschen waren daran gewöhnt, bei den Lichtern in den Fenstern und den Laternen an den Straßen zu leben.

Doch ganz dunkel war das Königreich nicht. Der König besaß ein wundersames Pferd. Mitten auf seiner Stirn leuchtete eine kleine goldene Sonne. Wenn das Pferd die Straße entlangging, wurde es ringsum hell, die Blumen öffneten sich, die Vögel begannen zu singen, und die Menschen kamen aus ihren Häusern und machten sich an die Arbeit.

Jeden Morgen führten die Stallknechte das Feuerpferd aus dem königlichen Stall. Es zog von einem Ende des Landes zum anderen, und überall, wo seine Hufe den Boden berührten, wich die Dunkelheit zurück.

Die Menschen hüteten das Pferd sehr sorgsam. Sie wussten: Sein Licht wurde von allen gebraucht.

Eines Morgens standen die Stalltüren offen.

Das Feuerpferd war fort.

Zuerst glaubte der König, es sei ausgebrochen. Dann schickte er Reiter auf alle Straßen. Sie suchten einen Tag, einen zweiten, einen dritten, doch sie kehrten mit leeren Händen zurück.

Inzwischen versank das Land im Dunkeln. Ohne Licht konnten die Menschen ihre Felder nicht richtig bestellen, in den Gärten reiften die Früchte nicht, die Handwerker arbeiteten langsamer, und die Kinder spielten kaum noch draußen.

Der König versammelte sein Heer.

„Ich werde das Pferd selbst finden“, sagte er. „Ich kann nicht im Palast sitzen bleiben, während meinem Land das Licht fehlt.“

Lange zogen sie durch die Dunkelheit, bis sie die Grenze erreichten. Dort begann ein alter Wald, und zwischen den Bäumen drangen bereits echte Sonnenstrahlen aus dem Nachbarland hindurch.

Am Waldrand stand eine kleine Hütte. Im Fenster brannte eine Lampe. Der König klopfte und trat ein.

Am Tisch saß ein grauhaariger Mann und las in einem großen Buch.

Er hob den Blick und sagte:

„Ich habe dich erwartet, König.“

„Woher weißt du, wer ich bin?“

„In einem guten Buch kann man manchmal nicht nur lesen, was schon geschehen ist, sondern auch, wohin ein Weg führt. Du suchst das Feuerpferd.“

Der König staunte.

„Weißt du, wo es ist?“

„Ja. Drei Brüder haben es genommen, die über ein Land jenseits von sechs anderen Ländern herrschen. Der jüngste reitet jetzt darauf. Aber ein großes Heer sollte nicht dorthin ziehen. Ihr würdet nur Aufruhr verursachen. Kehre zu deinen Leuten zurück. Sie brauchen jetzt ihren König. Ich werde versuchen, das Licht zurückzubringen.“

„Verlange jede Belohnung, die du möchtest.“

Der grauhaarige Mann lächelte.

„Wenn das Licht zu den Menschen zurückkehrt, die ohne es leiden, ist mir das Lohn genug.“

Er bat nur darum, ihm einen zuverlässigen Diener zu lassen, und am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg.

Sie wanderten lange. Wälder, Felder, steinige Pässe und breite Flüsse zogen an ihnen vorüber. Schließlich sahen sie hinter dem siebten Land drei hohe Paläste nebeneinander stehen.

„Hier wohnen die Brüder“, sagte der Weise. „Aber zuerst müssen wir erfahren, wann sie nach Hause kommen.“

Er berührte mit der Hand seinen Mantel und wurde im Nu zu einem kleinen grünen Vogel.

„Warte hier auf mich“, zwitscherte er dem Diener zu und flog zum ersten Palast.

Der Vogel klopfte mit dem Schnabel ans Fenster. Die Königin öffnete es und hielt ihm erfreut ihre Hand hin.

„Wie hübsch! Wenn mein Mann dich nur sehen könnte. Aber er kommt erst am Abend zurück.“

Eine alte Hexe trat ins Zimmer, die Mutter der drei Königinnen. Sofort kniff sie die Augen zusammen.

„Trau diesem Vogel nicht. Er ist kein gewöhnlicher Vogel.“

Doch der grüne Vogel war schon zum Fenster hinausgeflogen.

Ebenso besuchte der Weise die zweite und die dritte Königin. Von ihnen erfuhr er: Der älteste Bruder würde am ersten Abend zurückkommen, der mittlere am zweiten und der jüngste, der auf dem Feuerpferd ritt, am dritten.

Der Weise nahm wieder Menschengestalt an.

„Jetzt wissen wir genug.“

Auf dem Heimweg mussten die Brüder über eine alte Steinbrücke reiten. Dort wartete der Weise.

Als der älteste Bruder erschien, trat der Weise ihm entgegen.

„In Eurem Haus wird etwas festgehalten, das einem ganzen Land gehört. Gebt das Feuerpferd zurück.“

„Niemals!“, antwortete der Bruder. „Die Beute gehört dem Stärkeren.“

„Dann wollen wir unsere Kraft ohne Waffen messen. Wer diesen großen Stein zuerst vom Straßenrand bis zur Brücke bewegt, hat gewonnen.“

Der älteste Bruder willigte ein. Er stemmte die Schultern dagegen, schimpfte und schnaufte, doch der Stein bewegte sich kaum. Der Weise legte seine Hand auf den Stein, flüsterte ein paar Worte, und der Stein rollte von selbst los.

„Das ist ein Trick!“, schrie der Bruder.

„Das ist Verstand“, antwortete der Weise ruhig. „Und Kraft ohne Verstand tritt oft nur auf der Stelle.“

Der älteste Bruder musste sein Schwert abgeben und versprechen, sich nicht einzumischen.

Am nächsten Abend kam der mittlere Bruder. Er wollte sich in Schnelligkeit messen. Beide verwandelten sich in Räder und rollten den Hügel hinunter. Der mittlere Bruder wählte ein schweres Rad, weil er glaubte, es werde schneller sein. Doch in einer Kurve blieb es im weichen Boden stecken. Das leichte Rad des Weisen rollte weiter und erreichte zuerst die Brücke.

„Manchmal ist Leichtigkeit stärker als Gewicht“, sagte der Weise.

Auch der mittlere Bruder gab sich geschlagen.

Am dritten Abend erschien hinter dem Hügel ein Leuchten. Zunächst war es nur ein schmaler Streifen, dann übergoss es die Straße mit Gold.

Das Feuerpferd!

Auf seinem Rücken saß der jüngste Bruder.

„Gib das Pferd zurück“, sagte der Weise. „Sein Licht gehört dir nicht. Wegen eures Vergnügens lebt ein ganzes Land im Dunkeln.“

„Ich habe es erbeutet und gebe es nicht her!“

„Dann soll das Licht selbst entscheiden.“

Sie vereinbarten, sich in zwei Flammen zu verwandeln. Wer seine Flamme länger bewahrte, sollte gewinnen.

Der eine wurde zu einem weißen Feuer, der andere zu einem roten. Sie kreisten über der Straße, doch keines erlosch.

In diesem Augenblick kam ein alter Wanderer mit einem Krug Wasser die Straße entlang.

„Helft mir!“, rief das weiße Feuer. „Gießt das Wasser auf das rote, und ich werde Euch reich bezahlen!“

„Nein, auf das weiße!“, rief das rote.

Der Wanderer blieb stehen.

„Warum sollte ich jemanden für Geld auslöschen? Sagt mir lieber, worüber ihr streitet.“

Der Weise nahm wieder Menschengestalt an und erzählte von dem dunklen Königreich.

Der Wanderer sah das Feuerpferd an.

„Wenn dieses Pferd Tausenden von Menschen Licht bringt, darf man es nicht zum Vergnügen eines einzigen Herrschers festhalten.“

Der jüngste Bruder schwieg. Schließlich senkte er den Kopf.

„Nimm das Pferd mit. Aber meine Brüder werden mir das nicht verzeihen.“

„Sie wissen bereits, dass fremdes Licht nicht dir gehört, bloß weil du es zuerst weggenommen hast“, antwortete der Weise.

Er stieg auf das Feuerpferd, rief den Diener, und sie machten sich auf den Heimweg.

Doch die alte Hexe wollte sie nicht so leicht ziehen lassen.

Plötzlich wuchs auf der Straße ein Apfelbaum. Seine Früchte waren so reif, dass der Diener schon die Hand ausstreckte.

„Halt“, sagte der Weise.

Er berührte den Baum mit seinem Stab. Der Apfelbaum erzitterte und verwandelte sich in die älteste Königin, die ihre Mutter verzaubert und als Falle an den Weg gestellt hatte.

„Ich wollte euch nichts antun“, sagte sie. „Meine Mutter hat mich gezwungen.“

„Dann geh nach Hause und lebe nach deinem eigenen Willen.“

Weiter unterwegs sahen sie eine Quelle mit klarem Wasser. Der Weise berührte das Wasser mit seinem Stab, und die zweite Königin stand vor ihnen.

Noch weiter blühte ein Strauch mit roten Rosen. Als der Stab ihn berührte, trat die dritte Königin daraus hervor.

„Geht nach Hause“, sagte der Weise zu allen dreien. „Zauber enden dort, wo Menschen aufhören, auf Geheiß anderer Böses zu tun.“

Als die Reisenden sich der Grenze des dunklen Königreichs näherten, strahlte die goldene Sonne auf der Stirn des Pferdes heller.

Zuerst erwachten die Gräser.

Dann öffneten sich die Blumen.

Dann schlugen die Vögel auf den Hausdächern mit den Flügeln.

Die Menschen liefen auf die Straßen und lachten vor Freude.

„Das Licht ist zurück!“

Der König empfing den Weisen vor dem Palast.

„Nimm die Hälfte meines Königreichs. Du hast uns gerettet.“

Doch der Weise schüttelte den Kopf.

„Das Land braucht keinen zweiten König, sondern Licht, Gerechtigkeit und Fürsorge. Regiere es gut. Ich werde zu meiner Hütte und meinem Buch zurückkehren.“

Von da an wurde das Feuerpferd nicht mehr im festesten Stall eingeschlossen. Man hütete es, ließ es aber jeden Tag durch das ganze Land ziehen.

Und die Menschen behielten eines im Gedächtnis: Licht, von dem das Leben vieler abhängt, darf nicht das Spielzeug eines Einzelnen sein. Es wird erst dann zu einem wahren Geschenk, wenn man es teilt.