Cover: Die Krähe und die goldenen Bäume

Philippinen

Die Krähe und die goldenen Bäume

Krähe, Zauberbäume, Abenteuer

Land
Philippinen
Alter
5–9 Jahre
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Die Krähe und die goldenen Bäume

Weit, weit fort, dort, wo die Sonne jeden Morgen hinter dem Rand der Erde aufgeht, liegt ein Land. Von ihm erzählten die alten Geschichtenerzähler der Bagobo nur am Abend, wenn der Himmel schon violett wurde und das Feuer ganz leise knisterte.

Man sagt, in diesem Land scheint die Sonne so heiß, dass gewöhnliche Bäume ihre Mittagsglut kaum ertragen können. Einst wuchsen dort dichte Haine, grüne Kronen rauschten, und Vögel fanden Schutz im Schatten. Doch die Jahre vergingen, und die Hitze wurde immer stärker. Die Blätter trockneten aus, die Zweige verloren ihr Grün, und schließlich standen in der hellen Ebene nur noch zwei wundersame Bäume.

Es waren keine gewöhnlichen Bäume.

Ihre Stämme strahlten wie Gold, und ihre Blätter schimmerten wie dünne Silberplättchen. Wenn der Wind die Kronen berührte, klingelten die Blätter leise:

Ding-deling … ding-deling …

Von Weitem schien es, als hätte die Sonne selbst sie gepflanzt und als Wächter am östlichen Rand der Welt zurückgelassen.

Die Nachricht von den goldenen Bäumen verbreitete sich schnell unter den Vögeln.

„Ich fliege als Erste hin!“, sagte ein kleiner bunter Vogel. „Ich möchte die silbernen Blätter aus der Nähe sehen.“

Er flog zur Krone, setzte sich auf einen Ast und spürte sofort einen seltsam scharfen Harzgeruch. Ihm wurde schwindelig, und seine Flügel wurden schwer.

„Oh, das ist kein Platz für mich!“, piepste er und flog rasch davon.

Nach ihm versuchte es ein großer Waldvogel.

„Ich bin stärker“, prahlte er. „Ein bisschen Harz macht mir keine Angst.“

Doch kaum berührte er den goldenen Stamm, kitzelte es in seiner Nase und brannte in seinen Augen. Auch er musste sich eilig zurückziehen.

Ein Vogel nach dem anderen kam angeflogen. Einige kreisten über den Bäumen und kehrten um. Andere landeten kurz auf den silbernen Blättern, erhoben sich aber sofort wieder in die Luft. Das Zauberharz schützte die Bäume und erlaubte nicht jedem, lange auf ihren Zweigen zu bleiben.

Eines Tages kam eine Krähe.

Sie flog nicht sofort auf die Bäume zu. Zuerst umkreiste sie sie aus der Ferne. Dann setzte sie sich auf einen Stein und beobachtete sie lange.

„Schön sind sie“, sagte die Krähe. „Aber wenn man einen Ort nicht kennt, sollte man zuerst genau hinschauen.“

Sie ging näher heran, pickte auf die Erde und wich wieder zurück. Dann flog sie zum untersten Ast und berührte ihn nur ganz leicht mit einem Fuß.

Nichts geschah.

Vorsichtig ließ die Krähe sich nieder.

Über ihr klingelten die silbernen Blätter, die goldene Rinde glänzte in der Sonne, und der scharfe Harzgeruch stieg in die Luft. Doch die Krähe bekam keine Angst und verlor auch nicht ihre Kraft. Sie saß ganz ruhig da, als hätte sie diese Bäume ihr Leben lang gekannt.

„Krah!“, rief sie. „Die Natur schenkt also jedem Geschöpf seine eigene Gabe.“

Von da an konnte die Krähe zu den goldenen Bäumen fliegen, auf ihren hohen Ästen ausruhen und zusehen, wie tief unter ihr die Erde erwachte.

Die anderen Vögel beneideten sie nicht mehr.

„Dieser Ort passt zu dir“, sagten sie. „Für uns sind grüne Bäume, kühle Kronen und vertraute Wälder besser.“

„Und das ist gut so“, antwortete die Krähe. „Wenn allen dasselbe gefiele, wäre die Welt sehr eng.“

Viel Zeit verging. Eines Tages kam ein Wanderer in das Land des Sonnenaufgangs. In der alten Erzählung hieß er Malaki T’oluk Waig. Er trug einen großen Schild, der hell in der Sonne glänzte.

Als er die goldenen Bäume sah, blieb er stehen.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, flüsterte er.

Die Krähe saß hoch über ihm.

„Krah! Lass dir Zeit“, warnte sie. „Diese Bäume sind etwas Besonderes.“

Der Wanderer brach keine Zweige ab und berührte die silbernen Blätter nicht mit bloßen Händen. Er beobachtete die Bäume lange. Dann sammelte er vorsichtig nur ein wenig Harz, das bereits aus der Rinde getreten war.

„Das reicht“, sagte er. „Was selten ist, muss man nicht bis auf den letzten Tropfen mitnehmen.“

Und er ging seines Weges.

Die goldenen Bäume aber blieben dort stehen, wo die Sonne aufgeht. Nach der alten Erzählung strahlen ihre Stämme noch immer golden, die Blätter antworten einander mit silbernem Klingeln, und hoch in der Krone sieht man manchmal den schwarzen Umriss der Krähe.

Sie hält sich nicht für besser als die anderen Vögel. Sie weiß nur: Für jeden gibt es einen Ort, an dem seine eigene Gabe besonders gebraucht wird.

Und wenn ihr lautes „Krah!“ über dem Wald erklingt, kann man an die alte Geschichte von den zwei goldenen Bäumen am Rand der Welt denken. Und daran, dass es viele Arten von Stärke gibt und Vorsicht und Achtung vor der Natur immer gut sind.