Cover: Warum der Affe grau wurde

Indien

Warum der Affe grau wurde

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
5–9 Jahre
Dauer
5 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Warum der Affe grau wurde

Eine alte Khasi-Geschichte erzählt, dass Affen früher ganz anders aussahen als heute.

Ihr Fell war lang und bunt.

Manche waren goldfarben.

Andere rötlich.

Andere dunkelbraun.

Einige trugen sogar mehrere Farben zugleich.

Die Affen bewunderten sich gern gegenseitig und stritten darüber, wer das schönste Fell hatte.

Doch noch lieber wussten sie, was überall geschah.

Eine junge Affin war besonders neugierig.

Sie schaute hinter jeden Stein, hörte bei jedem Gespräch zu und konnte an einem Tag Neuigkeiten aus drei Wäldern sammeln.

Eines Tages begegnete sie auf einer weiten Ebene Rama.

Er suchte Sita und wollte herausfinden, wo sie festgehalten wurde.

„Du reist viel und bemerkst alles“, sagte Rama. „Hilfst du mir?“

Die Affin richtete sich stolz auf.

„Natürlich! Ich komme dorthin, wo andere nicht hinkommen, und höre Dinge, die andere nicht hören.“

Sie machte sich auf den Weg.

Sie sprang von Baum zu Baum, fragte Vögel aus, lauschte dem Wind an den Wegen und sprach am Ufer sogar mit Möwen.

Schließlich kehrte sie zurück.

„Ich weiß, wo Sita ist. Jenseits des Meeres, auf einer Insel hinter hohen Mauern.“

Rama dankte ihr und zog mit seinen Gefährten zum Ufer.

Doch der Weg zur Insel war schwierig.

Am Rand des Meeres lag dichtes dunkles Gestrüpp.

Unheimliche Wächter beobachteten die Wege.

Sobald jemand sich näherte, hörte man Knurren, Pfeifen und Krachen zwischen den Bäumen.

„Wir brauchen keine größere Kraft“, sagte die Affin. „Wir brauchen eine Ablenkung.“

Sie schmierte duftendes Harz auf ein langes Stück Stoff. Es konnte hell glimmen und viel Rauch machen, erlosch aber schnell auf nassem Boden.

Ein Ende band sie an einen langen Ast.

Dann lief sie am Waldrand entlang und hielt das kleine Feuer von trockenem Gras fern.

Dichter Rauch zog zwischen den Bäumen auf.

„Was ist dort los?“, riefen die Wächter.

Während alle nach der Rauchquelle suchten, fanden Rama und seine Begleiter einen freien Weg.

Die Affin lief weiter.

Zuerst hatte sie großen Spaß.

„Was für eine kluge Idee! Niemand holt mich ein!“

Da drehte sich plötzlich der Wind.

Der Rauch kam direkt hinter ihr her.

Asche setzte sich auf Rücken, Schultern und Kopf.

Heiße Luft streifte die Spitzen ihres langen Fells.

„Genug Abenteuer!“

Sie warf den Ast auf nassen Sand, wo das Feuer sofort erlosch, und raste zum Meer.

Platsch!

Die Affin sprang ins Wasser.

Eine kalte Welle ging über ihren Kopf.

Sie tauchte wieder auf, schnaubte und schwamm zurück ans Ufer.

Als die Gefahr vorbei war, setzte sie sich auf einen Stein und strich durch ihr nasses Fell.

Da erstarrte sie.

Ihr früher buntes Fell sah völlig anders aus.

Die langen farbigen Spitzen waren angesengt.

Asche saß zwischen den Haaren.

Nach dem Meerwasser wirkte alles kürzer und silbrig-grau.

„Jetzt erkennt mich niemand mehr.“

Eine kleine Vogelstimme kam aus der Luft.

„Sei nicht traurig. Du hast geholfen, einen Weg zu finden, als andere nicht weiterwussten. Ist die Farbe deines Fells wichtiger als dein Verstand?“

Die Affin überlegte.

„Wahrscheinlich nicht. Aber ich war schon sehr hübsch.“

„Jetzt bist du anders hübsch. Sieh nur, wie dein Fell in der Sonne glänzt.“

Die Affin blickte ins ruhige Wasser.

Tatsächlich schimmerte das graue Fell wie Morgennebel über einem Fluss.

Als sie zu den anderen Affen zurückkehrte, staunten alle.

„Was ist mit dir passiert?“

Sie erzählte von ihrer langen Reise, von der Insel, vom Rauch und vom Wind.

Die jungen Affen hörten mit offenen Mündern zu.

„Hattest du keine Angst?“, fragte die kleinste.

„Doch“, sagte die Affin ehrlich. „Aber Angst verhindert nicht, dass man weiterdenkt. Man muss nur wissen, wann man vorwärtsläuft und wann es klüger ist, ins Wasser zu springen.“

Seitdem, so erzählt die Geschichte, tragen Affen kurzes graues Fell.

Und wenn die Sonne darauf fällt, sieht man manchmal einen silbernen Schimmer, wie die Erinnerung an ein altes Abenteuer.

Vielleicht sind Affen deshalb bis heute so neugierig.

Denn einst führte Neugier eine von ihnen auf eine weite Reise, und Klugheit brachte sie wieder nach Hause.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨