

Philippinen
Warum der Himmel so hoch ist
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Philippinen
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 5 Min.

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Warum der Himmel so hoch ist
Heute ist der Himmel so hoch, dass weder die längste Leiter noch die Spitze des höchsten Baumes ihn erreicht. Wolken ziehen weit über die Dächer. Vögel sehen wie winzige Punkte aus, und nachts funkeln die Sterne in unvorstellbarer Höhe. Doch eine alte philippinische Geschichte erzählt, dass früher alles anders war. Damals hing der Himmel sehr tief über der Erde. So tief, dass ein erwachsener Mensch einen langen Stock heben und die blaue Decke über seinem Kopf beinahe berühren konnte. Die Menschen waren daran gewöhnt. Sie kannten jede kleine Morgenwolke und konnten sehen, wie abends der erste Stern an der Himmelsdecke erschien. „Guten Abend, Himmel“, sagten die Kinder. Und sie glaubten, der Himmel höre sie ganz aus der Nähe. In jener alten Erzählung glaubten die Menschen, der Himmelsvater halte den Himmel niedrig, um die Stimmen auf der Erde gut zu hören und denen, die Hilfe erbaten, rasch seinen Segen zu schicken. Mit der Zeit lernten die Menschen, selbst Reis anzubauen, Früchte zu sammeln, Fische zu fangen, Häuser zu bauen und gemeinsam zu arbeiten. Nach langen Arbeitstagen feierten sie Feste. Eines dieser Feste wollte ein Häuptling namens Abing veranstalten. Schon am frühen Morgen herrschte im Dorf lebhaftes Treiben. Über dem Feuer kochte das Essen. Kinder liefen zwischen den Hütten umher. Die Älteren breiteten Matten aus, und die Musiker prüften ihre Trommeln. Bumm, bumm. Tumm, tumm, tumm. Gäste aus den umliegenden Siedlungen kamen zu Abing. Manche brachten Früchte mit, andere Reiskörbe und wieder andere Schmuck aus Blättern und Blumen. Als die Sonne sich senkte, war es Zeit für den Sayao-Tanz. Das war ein feierlicher traditioneller Tanz. Die Tänzer bewegten sich im Rhythmus der Trommeln und hielten lange Speere als Teil ihrer Darbietung. Sie kämpften nicht, sondern zeigten Geschicklichkeit, Kraft und aufeinander abgestimmte Bewegungen. „Vorsichtig, der Himmel hängt doch so tief!“, erinnerte eine Großmutter sie scherzend. „Wir denken daran!“, lachten die Tänzer. Der Tanz begann. Ein Schritt nach rechts. Ein Schritt nach links. Eine Drehung. Stampf! Bumm, bumm! Die Speere hoben und senkten sich gemeinsam und glänzten im Abendlicht. Ein junger Tänzer wollte eine besonders schöne Bewegung zeigen. Er trat einen Schritt zurück, drehte sich und hob seinen Speer hoch. Im Eifer des Tanzes vergaß er jedoch, wie nah der Himmel über ihm war. Tock! Die Speerspitze berührte die Himmelsdecke. Alle hielten inne. Die Musiker hörten auf zu trommeln. Sogar die Kinder verstummten. Am Himmel erschien ein kleiner Kratzer, aus dem ein paar silberne Funken rieselten. „Ich wollte das nicht!“, rief der Tänzer erschrocken. „Es war ein Versehen.“ Aus der Höhe erklang eine tiefe, ruhige Stimme: „Ich weiß.“ Die Menschen hoben die Köpfe. „Aber nun sehe ich, dass der Himmel zu nah an der Erde ist“, fuhr der Himmelsvater fort. „Ihr wachst, baut höhere Häuser, arbeitet mit langen Werkzeugen, tanzt und hebt die Arme. Ihr braucht mehr Platz.“ Abing trat vor. „Wir werden vorsichtiger sein.“ „Vorsicht ist nötig“, antwortete die Stimme. „Doch in einer gut eingerichteten Welt sollte niemand jeden Tag Angst haben müssen, aus Versehen an den Himmel zu stoßen.“ Da geschah ein Wunder. Die Himmelsdecke begann langsam zu steigen. Zuerst nur bis zur Höhe eines Baumes. Dann noch höher. Und noch höher. Die Wolken, die eben noch fast über den Köpfen der Menschen gezogen waren, schwebten hinauf. Die Vögel stiegen hinterher. Die Sterne schienen in das tiefe Blau zurückzuweichen. Die Kinder liefen über den Platz und riefen: „Seht nur! So viel Platz!“ Nun konnte man sich aufrichten, beide Arme heben, einen Ball hochwerfen und eine hohe Palme wachsen lassen, ohne zu fürchten, dass sie an die Himmelsdecke stieß. Der junge Tänzer, der den Himmel versehentlich berührt hatte, schaute traurig hinauf. „Meinetwegen ist er so weit fortgegangen.“ Ein alter Musiker legte ihm die Hand auf die Schulter. „Nicht deinetwegen. Es war einfach Zeit, dass die Welt geräumiger wurde.“ Das Fest ging weiter. Die Trommeln erklangen wieder: Bumm, bumm. Tumm, tumm, tumm. Diesmal konnten die Tänzer ihre Speere hoch, ganz hoch heben, ohne Angst zu haben, den Himmel zu berühren. Seitdem bleibt der Himmel der alten philippinischen Erzählung zufolge weit über der Erde. Doch die Menschen sprechen noch immer mit ihm: Sie betrachten Wolken, wünschen sich etwas unter den Sternen, lauschen dem Regen und begrüßen die Sonne. Denn eine große Entfernung muss nicht bedeuten, dass man nicht gehört wird.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
