Cover: Warum der Ozean salzig ist

Philippinen

Warum der Ozean salzig ist

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Philippinen
Alter
5–9 Jahre
Dauer
4 Min.
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Warum der Ozean salzig ist

Der Ozean enthielt Süßwasser, als die Welt noch ganz jung war. So jedenfalls erzählt die alte Geschichte. In den Bergen lebte ein Riese namens Ang-ngalo. Er war der Sohn des Gottes der Baukunst und baute für sein Leben gern. Wo andere einen steilen Hang sahen, stellte er sich bereits eine Treppe vor. Bei einer Felswand dachte er an eine Höhle. Und fand er ein weites Tal, träumte er sofort davon, eine Straße hindurchzuführen. Ang-ngalo wanderte viel. In den Bergen höhlte er geräumige Grotten aus und schützte sie mit Bäumen, damit kein starker Wind hineinfegte. An einem klaren Morgen stieg der Riese zu seiner höchsten Höhle hinauf und schaute in die Ferne. Auf der anderen Seite des Ozeans stand ein unbekanntes Mädchen. Sie winkte ihm mit einem dunklen Tuch. Ang-ngalo war so groß, dass er mit gewaltigen Schritten durch die flacheren Stellen des Meeres waten konnte. Die tiefen Senken im Meeresboden seien seine Fußspuren, heißt es. Das Mädchen hieß Sipgnet. Sie war die Herrscherin der Dunkelheit. „Ang-ngalo“, sagte sie, „ich bin meines dunklen Palastes müde. Du bist der beste Baumeister. Baue mir hier ein großes, helles Haus.“ „Was für eines?“, fragte der Riese interessiert. „Ganz, ganz weiß. Seine Wände sollen von Weitem wie Schnee leuchten.“ Ang-ngalo dachte nach. In dieser Gegend gab es keinen weißen Stein. Auch Ziegel in der richtigen Farbe fehlten. Lange suchte er, bis er schließlich von Asin hörte, dem Herrscher des Salzlandes. „Ich habe, was du brauchst“, sagte Asin. „Ziegel aus reinem Salz. Sie sind weißer als die Wolken.“ Ang-ngalo freute sich. Doch nun gab es ein neues Problem: Das Salzland lag weit entfernt, und zwischen ihm und der Baustelle erstreckte sich der Ozean. Da ersann der Riese einen gewaltigen Plan. „Wir bauen Bambusbrücken!“ Eine Brücke nach der anderen spannte sich über das Wasser. Die Menschen trugen die weißen Salzziegel darüber. Morgens begann die Arbeit mit den ersten Sonnenstrahlen. Abends hörte man auf den Brücken noch lange das Trappeln zahlloser Schritte. Anfangs ertrug der Ozean es. Seine Wellen rollten leise zum Ufer. Doch das Bauen nahm kein Ende. Tag für Tag polterten Schritte über dem Wasser, Bambus knarrte, und die Arbeiter riefen einander zu. Schließlich erwachte der Ozean ganz. „Genug!“, dröhnte er. „Auch ich habe ein Recht auf Ruhe.“ Der Wind wurde stärker. Das Wasser geriet in Bewegung. Die Menschen sahen die hohen Wellen und liefen rasch zum Ufer. „Lasst die Ziegel liegen!“, rief Ang-ngalo. „Hauptsache, alle sind in Sicherheit!“ Eine gewaltige Welle schlug über die erste Brücke. Krach! Der Bambus brach auseinander, und Dutzende weiße Ziegel fielen ins Wasser. Eine zweite Welle fegte die Last von der nächsten Brücke. Platsch! Platsch! Platsch! Eine dritte Welle erfasste noch Hunderte Salzziegel. Bald standen alle Menschen am Ufer. Sie waren nass und müde, aber unversehrt. Die leeren Brücken schwankten oder zerfielen schon in Stücke. Inzwischen begann sich das Salz im Wasser aufzulösen. Ein Ziegel löste sich auf. Dann ein zweiter. Dann Tausende weitere. Das Wasser vermischte sich mit dem Salz und trug es mit den Strömungen weit fort. Es erreichte Buchten, Inseln, ferne Küsten und die tiefsten Senken. Ang-ngalo schöpfte mit der Hand etwas Meerwasser und kostete es vorsichtig. „Salzig!“, sagte er überrascht. Tatsächlich: Seitdem ist der Ozean dieser alten philippinischen Geschichte zufolge salzig. Sipgnets Palast musste nun aus einem anderen Material gebaut werden. Und wenn die Wellen heute am Ufer rauschen, erinnern sie uns vielleicht daran: „Das Meer kann ein Weg sein. Aber es ist nicht einfach ein leerer Raum zwischen zwei Ufern. Auch ihm muss man zuhören.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨