Cover: Warum die Eule nicht König der Vögel wurde

Indien

Warum die Eule nicht König der Vögel wurde

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
4–8 Jahre
Dauer
5 Min.
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Warum die Eule nicht König der Vögel wurde

In sehr alter Zeit, so erzählt man, hielten die Tiere große Versammlungen ab und konnten sich beinahe wie Menschen miteinander beraten.

Die Tiere des Landes hatten ihre Anführer. Auch die Bewohner der Flüsse und Meere wussten, an wen sie sich bei Streit wenden konnten.

Nur die Vögel flogen jeder ihren eigenen Geschäften nach und konnten sich nicht darauf einigen, wer gemeinsame Entscheidungen leiten sollte.

Eines Morgens versammelten sie sich auf einem breiten flachen Felsen mitten auf einer Lichtung.

Spatzen und Kraniche waren da, Tauben und Krähen, Papageien, Reiher, Schwalben, Drosseln und viele andere.

Es war so laut, dass selbst die Blätter der Bäume zu lauschen schienen.

„Wir brauchen einen König!“, zwitscherten die Spatzen.

„Oder eine Königin“, fügte eine Schwalbe hinzu.

„Vor allem jemanden, der uns alle anhören kann“, sagte ein Kranich.

Die Vögel diskutierten lange.

Jemand schlug den Adler vor. Doch die kleinen Vögel fanden, dass er sie manchmal zu sehr wie eine Mahlzeit betrachtete.

Jemand nannte den Pfau. Der bewunderte gerade seinen eigenen Schwanz und verpasste die Hälfte des Gesprächs.

Schließlich riefen einige:

„Nehmen wir die Eule! Sie sieht im Dunkeln, schweigt lange und sieht sehr ernst aus. Sie muss klug sein.“

Viele fanden die Idee gut.

Die Eule saß auf einem alten Kiefernast über dem Felsen.

Sie breitete die Flügel aus, hob die Brust und nickte feierlich.

„Wenn ihr mich wählt“, sagte sie, „werde ich Ordnung schaffen.“

Die Vögel wollten schon abstimmen, da hob eine alte Krähe den Flügel.

„Darf ich noch etwas sagen?“

Auf dem Felsen wurde es ruhiger.

„Sprich.“

Die Krähe begann vorsichtig:

„Ich bestreite nicht, dass die Eule viel weiß. Aber ein Anführer muss nicht nur klug sein. Er muss auch Menschen oder Tiere anhören können, die anderer Meinung sind. Bevor wir wählen, möchte ich wissen: Was tut die Eule, wenn jemand ihr widerspricht?“

Die Eule drehte den Kopf ruckartig.

„Mir widersprechen?“

„Ja“, sagte die Krähe ruhig. „In einer großen Versammlung gibt es immer unterschiedliche Meinungen.“

„Wer würde es wagen, einem König zu widersprechen?“, rief die Eule empört.

„Genau deshalb frage ich“, antwortete die Krähe.

Die Eule wurde noch wütender.

„Nimm deine Zweifel zurück!“, rief sie und flog direkt auf die Krähe zu.

Die Krähe wich zur Seite.

„Jage mich nicht. Ich habe nur eine Frage gestellt!“

Doch die Eule schlug noch einige Male verärgert mit den Flügeln, bevor sie anhielt.

Auf dem Felsen wurde es still.

Schließlich flüsterte ein kleiner Spatz:

„Ich glaube, die Krähe hat ihre Antwort bekommen.“

Der Kranich nickte.

„Wenn schon eine einzige Frage solchen Zorn auslöst, wie sollen wir dann mit echten Streitfällen zu unserem König kommen?“

Die Eule hörte es und senkte die Flügel.

Nun begriff auch sie, dass sie sich nicht von ihrer besten Seite gezeigt hatte.

„Ich... bin zu schnell wütend geworden“, murmelte sie.

Die Krähe setzte sich auf einen Stein in ihrer Nähe.

„Das bedeutet nicht, dass du schlecht bist“, sagte sie. „Aber weise sein und andere führen können sind nicht genau dasselbe.“

Die Vögel berieten weiter.

Da trat eine Turteltaube nach vorn.

Sie war nicht die stärkste. Sie hatte nicht die längsten Flügel und sah nachts nicht besser als alle anderen.

„Ich kenne nicht auf jede Frage die richtige Antwort“, sagte sie. „Aber wenn ihr mit einem Streit zu mir kommt, höre ich zuerst alle Seiten an. Und wenn ich mich irre, dürft ihr mir das sagen.“

Die Vögel sahen einander an.

„Das klingt nach einem guten Anfang“, sagte die Krähe.

Diesmal stimmte die Mehrheit zu.

So wurde die Turteltaube zur Leiterin der gemeinsamen Versammlungen.

Die Eule kehrte zu ihrem stillen Baum zurück.

Sie wusste weiterhin viel, sah ausgezeichnet in der Nacht und lernte mit der Zeit, nicht auf jeden Widerspruch wütend zu reagieren.

Wenn die Krähe vorbeiflog, nickten beide einander etwas vorsichtig zu.

Bis zur Freundschaft war es vielleicht noch weit.

Aber selbst das war besser als Streit.

Von da an erinnerten sich die Vögel an etwas Wichtiges:

Wer andere führen möchte, muss nicht nur kluge Worte sprechen können.

Er muss auch zuhören können.

Besonders dann, wenn er etwas hört, das ihm nicht gefällt.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨