Cover: Warum Sepien und Kalmare Tinte versprühen

Philippinen

Warum Sepien und Kalmare Tinte versprühen

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Philippinen
Alter
5–9 Jahre
Dauer
4 Min.
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Warum Sepien und Kalmare Tinte versprühen

Das Meer war noch jung, und seine Bewohner gewöhnten sich gerade erst an ihre Flossen, Schwänze und Muschelschalen. Da rief Bathala die Fische und alle anderen Meerestiere zu einer großen Versammlung. „Kommt früh am Morgen zum Dunklen Meer“, verkündete er. „Heute erhält jeder eine Aufgabe, für die er verantwortlich sein wird.“ Die Nachricht verbreitete sich rasch unter Wasser. Noch vor Sonnenaufgang schwammen die Fische zum Treffpunkt. Silberne Schwärme schimmerten zwischen den Wellen. Die Krabbe eilte seitwärts über den Meeresgrund. Der Rochen glitt wie ein großer, flacher Vogel über den Sand. Sogar das Krokodil traf früh ein und ließ sich etwas abseits nieder. Bathala saß auf einem glatten Stein und prüfte, ob alle da waren. „Rochen?“ „Hier!“ „Krabbe?“ „Hier!“ „Krokodil?“ „Hier.“ Bathala betrachtete die Versammlung noch einmal. „Und wo sind die Sepia und der Kalmar?“ Alle sahen sich um. Die beiden fehlten. Die Meeresbewohner warteten noch ein wenig. Doch die Sonne stand schon höher, und Bathala beschloss anzufangen. „Rochen, du wirst bei den Versammlungen für Ordnung sorgen“, sagte er. Seitdem, erzählt die Geschichte, besitzt der Rochen einen langen Schwanz, der wie eine dünne Peitsche aussieht. „Krabbe, du wirst Wache halten.“ Und die Krabbe bekam ihre kräftigen vorderen Scheren. Auch den übrigen Meeresbewohnern gab Bathala Aufgaben und besondere Merkmale. Inzwischen erinnerten sich die Sepia und der Kalmar endlich an die Versammlung. „Wir sind zu spät!“, rief die Sepia. „Schwimmen wir schneller!“, antwortete der Kalmar. Sie sausten so schnell dahin, dass hinter ihnen kleine Wasserwirbel entstanden. Als die beiden mitten in die Versammlung hineinstürmten, verkündete Bathala gerade seine nächste Entscheidung. „Und was bekommen wir?“, unterbrach ihn der Kalmar. „Welche Aufgabe haben wir?“, fragte sofort die Sepia. Alle Fische wandten sich zu ihnen um. Bathala zog die Augenbrauen zusammen. „Ihr seid nicht nur zu spät gekommen, sondern unterbrecht auch noch die Versammlung. Zuerst hättet ihr grüßen und euch entschuldigen sollen.“ Die Sepia und der Kalmar schämten sich. Doch statt ihren Fehler sofort einzugestehen, fühlten sie sich beleidigt. „Alle haben interessante Aufgaben bekommen. Nur uns schimpft man aus“, flüsterte der Kalmar. Auf dem Grund lag dunkler, weicher Lehm. „Komm, wir verderben diese wichtigen Aufzeichnungen ein bisschen“, schlug die Sepia vor. Sie nahmen Lehm auf und spritzten ihn heimlich auf die Tafeln, auf denen die Aufgaben der Meerestiere standen. Platsch! Auf einer Tafel breitete sich ein schwarzer Fleck aus. Platsch! Auch die zweite wurde dunkel. Die Fische schnappten erstaunt nach Luft. Bathala stand von seinem Stein auf. „Das ist nun kein versehentliches Zuspätkommen mehr“, sagte er. „Ihr habt euch selbst für einen Streich entschieden, statt euch zu entschuldigen. Deshalb werdet ihr von nun an eine Erinnerung an diesen Tag bei euch tragen.“ Er berührte die Sepia und den Kalmar. Plötzlich besaß jeder von ihnen einen kleinen Zauberbeutel mit dunkler Flüssigkeit. „Wenn ihr erschreckt oder nicht weiterwisst, könnt ihr sie ins Wasser abgeben“, erklärte Bathala. „Sie bildet eine dunkle Wolke. Aber vergesst nicht, woher sie stammt.“ Die Sepia sah den Kalmar an. „Es wäre wohl einfacher gewesen zu sagen: Entschuldigt bitte, wir sind zu spät.“ „Viel einfacher“, stimmte er zu. Seit diesem Tag tragen Sepien und Kalmare der alten philippinischen Geschichte zufolge eine dunkle Flüssigkeit in sich. Droht ihnen Gefahr, versprühen sie sie im Wasser. Eine dunkle Wolke breitet sich aus, und in dieser Zeit kann das Tier sich verstecken und davonschwimmen. Wer weiß, vielleicht erinnert jede solche Tintenwolke noch immer an die ferne Versammlung im Dunklen Meer, zu der zwei kleine Meereslausbuben einmal viel zu spät kamen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨