Cover: Wie der Priester ausgetrickst wurde

Laos

Wie der Priester ausgetrickst wurde

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Laos
Alter
8–11 Jahre
Dauer
6 Min.
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Wie der Priester ausgetrickst wurde

In einem kleinen Dorf in Laos lebten ein Mann und seine Frau. Sie waren nicht reich, arbeiteten aber gemeinsam und wussten genau, was jede Münze wert war.

Alle paar Wochen legten sie in Körbe, was sie verkaufen konnten: geflochtene Dinge, getrocknete Kräuter, Gemüse und kleine selbstgemachte Waren. Damit gingen sie zum Markt in die Nachbarstadt.

Eines Tages lief der Handel besonders gut.

Die Körbe waren leer.

Im Beutel klimperten die verdienten Münzen.

Zufrieden machten sie sich auf den Heimweg.

Doch bevor sie auch nur die Hälfte der Strecke geschafft hatten, verdunkelte sich der Himmel.

Donner rollte über die Reisfelder.

Der Wind bog das hohe Gras.

Dann begann es so heftig zu regnen, dass der Weg innerhalb weniger Minuten wie ein Bach aussah.

„Wir müssen irgendwo warten“, sagte die Frau und hielt ihren nassen Hut fest. „Bis zum Dorf ist es noch weit.“

Zwischen den Bäumen sahen sie einen Tempel.

Sein hohes Dach schützte gut vor dem Regen, und vor dem Eingang gab es breite Stufen mit einem überdachten Absatz.

Das Paar wandte sich höflich an den älteren Priester des Tempels.

„Dürfen wir wenigstens bei den Stufen übernachten? Wir stören niemanden. Sobald es hell wird, gehen wir weiter.“

Der Priester war schlecht gelaunt.

„Nein. Geht weiter.“

„Vielleicht nur unter dem Dachvorsprung?“, bat der Mann. „Wir sind völlig durchnässt.“

„Ich habe Nein gesagt.“

Ihnen blieb nichts anderes übrig, als ein Stück weiterzugehen.

Der Tempel stand erhöht, und unter seinem Boden war es trockener als draußen.

Dort richteten Mann und Frau sich für die Nacht ein.

„Seltsame Gastfreundschaft“, sagte die Frau leise. „So viel Platz, und für zwei nasse Reisende gibt es nicht einmal eine trockene Ecke.“

Der Mann lächelte.

„Sei nicht böse. Überlegen wir lieber, wie wir warm bleiben.“

Sie wickelten sich in ihre Umhänge.

Über ihnen, genau in dem Zimmer, unter dem sie lagen, machte es sich der Priester bereits auf seiner Matte bequem.

Da begann der Mann plötzlich etwas lauter zu sprechen, als nötig gewesen wäre.

„Wenn wir zu Hause sind, werde ich mich so freuen, unsere Tochter zu sehen. Bestimmt steht sie schon am Weg und hält nach uns Ausschau.“

Seine Frau verstand sofort.

„Natürlich“, sagte sie. „So ein gutes Mädchen ist aus ihr geworden. Und hübsch dazu. Im ganzen Dorf gibt es keine zweite wie sie.“

Oben wurde es still.

Kurz darauf hörten sie eilige Schritte.

„He, ihr guten Leute!“, rief der Priester. „Warum schlaft ihr denn dort unten? Kommt herauf. Hier ist es trocken, und Matten gibt es auch.“

Mann und Frau sahen einander an, sagten aber nichts.

Man ließ sie hinein, gab ihnen einen trockenen Platz, und nach kurzer Zeit fragte der Priester scheinbar beiläufig:

„Ihr habt eine Tochter erwähnt?“

„Ja“, sagte der Mann.

„Sie ist freundlich?“

„Sehr.“

„Und hübsch?“

„Das sagen jedenfalls die Nachbarn“, fügte die Frau ruhig hinzu.

Der Priester schwieg eine Weile.

Dann sagte er:

„Ich denke schon lange darüber nach, eines Tages den Tempeldienst zu verlassen und ein anderes Leben zu beginnen. Wenn ich das täte, würdet ihr eure Tochter mit mir bekannt machen? Vielleicht könnte daraus eine Ehe werden.“

Der Mann sah ernst zu seiner Frau.

Sie sah ebenso ernst zurück.

„Wenn alles gut passt“, sagten sie, „warum nicht?“

Von diesem Augenblick an wurde der Priester noch freundlicher.

Am Morgen hatte der Regen aufgehört.

Das Paar wollte etwas Reis kochen, besaß aber keinen Topf.

„Nehmt meinen“, sagte der Priester sofort. „Und sucht nicht nach trockenem Holz. Hier habt ihr gutes Brennholz.“

Er gab ihnen Essen für den Weg und einige Silbermünzen.

Dann dachte er noch einmal nach und legte weitere Münzen dazu.

„Sagt eurer Tochter, dass ich bald kommen und sie kennenlernen möchte“, sagte er. „Ich habe ernsthaft beschlossen, mein Leben zu ändern.“

Mann und Frau bedankten sich herzlich und machten sich auf den Heimweg.

Eine Weile schwieg die Frau.

Dann musste sie lachen.

„Und was machen wir nun? Wir haben doch gar keine Tochter.“

„Deshalb lassen wir ihn auch nicht lange warten“, antwortete der Mann.

Drei Tage später erschienen sie wieder am Tempel.

Diesmal kam der Priester ihnen selbst entgegen.

„Nun? Wie geht es eurer Tochter? Habt ihr ihr meine Worte ausgerichtet?“

Der Mann seufzte.

„Leider kamen wir zu spät. Während wir fort waren, kam die Familie eines jungen Mannes aus einem anderen Dorf. Die beiden hatten schon lange über eine Verlobung gesprochen. Unsere Tochter hat nun einem anderen ihr Wort gegeben.“

Der Priester sah ihn fassungslos an.

„Einem anderen?“

„Ja“, bestätigte die Frau. „Die Hochzeit wird schon vorbereitet.“

Lange sagte der Priester nichts.

Dann sprach er langsam:

„Nun ... dann sollte ich wohl doch nichts verändern. Ich bleibe hier.“

Mann und Frau verabschiedeten sich und gingen.

Als der Tempel hinter einer Wegbiegung verschwunden war, lachte die Frau leise.

„Gestern gab es für uns nicht einmal einen Platz bei den Stufen. Sobald eine erfundene Tochter auftauchte, fanden sich Matten, ein Kochtopf, Essen und Silber.“

Der Mann nickte.

„Güte, die nur wegen eines möglichen Vorteils gezeigt wird, verrät sich sehr schnell.“

Sie waren nicht stolz auf ihre Täuschung und wollten so etwas nicht wiederholen.

Doch im Dorf wurde die Geschichte noch lange erzählt, als fröhliche Erinnerung daran:

Wahre Gastfreundschaft wartet nicht auf eine Belohnung.

Einen Menschen erkennt man am besten nicht dann, wenn ihm ein Vorteil versprochen wird, sondern wenn einfach ein durchnässter Reisender vor seiner Tür steht und um Hilfe bittet.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨