

Philippinen
Wie die Krähe schwarz wurde
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Philippinen
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Wie die Krähe schwarz wurde
Über das Land wachte Bathala, während Dumagat über das Meer herrschte. So erzählen es die Menschen auf den Philippinen von der Zeit, als die Welt noch jung war. Bathala hatte viele Vögel, doch zwei mochte er besonders. Die Taube wegen ihrer ruhigen Art und ihrer Zuverlässigkeit. Die Krähe wegen ihrer Klugheit und ihres wunderbaren Gefieders. Ja, tatsächlich: Die Krähe war damals überhaupt nicht schwarz. Ihre Federn strahlten in hellen Farben und schimmerten in der Sonne silbern. Die Krähe war sehr stolz auf sich. Gern saß sie auf einem hohen Ast, breitete die Flügel aus und bewunderte ihr Spiegelbild im stillen Wasser. Eines Tages entstand zwischen Bathala und Dumagat ein großer Streit. Die Menschen auf dem Land holten zu viele Fische aus dem Meer und hörten nicht auf die Warnungen. Dumagat wurde zornig, und das Meer stieg an. Das Wasser trat weit über die vertrauten Ufer. Es bedeckte Wege, Felder und tief liegende Siedlungen. Die Menschen eilten an höher gelegene, sichere Orte. Als der Sturm endlich vorüber war, lagen überall Schlamm, Zweige und Gegenstände, die das Hochwasser mitgebracht hatte. Bathala machte sich Sorgen. „Wir müssen herausfinden, wer Hilfe braucht“, sagte er. „Krähe, du bist schnell und kannst von oben gut sehen. Fliege über mein Land, suche nach Menschen und komm mit Neuigkeiten zurück.“ Die Krähe streckte stolz die Brust heraus. „Natürlich! Niemand schafft das besser als ich.“ Sie schlug mit ihren hellen Flügeln und flog davon. Zuerst schaute die Krähe gewissenhaft hinunter. Sie sah Bäume, die bis zu den Knien im Wasser standen, Dächer voller nasser Blätter und Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelte. Doch bald erregte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit. Das Wasser hatte vielerlei Nahrung und Überreste aus den überfluteten Orten ans Ufer gespült. „Nur für einen Augenblick“, sagte die Krähe zu sich. „Ich esse einen Happen und fliege gleich weiter.“ Sie landete. Ein Augenblick verging. Dann noch einer. Die Krähe fand immer neue Leckerbissen, hüpfte von einer Stelle zur nächsten und vergaß völlig, weshalb man sie losgeschickt hatte. Der Mittag verging. Die Sonne senkte sich zum Abend. Bathala wartete. „Merkwürdig“, sagte er. „Die Krähe hätte längst zurück sein müssen.“ Da rief er die Taube. „Fliege bitte über das Land. Sieh nach, ob es Menschen gibt, die Hilfe brauchen. Und finde die Krähe.“ Die Taube prahlte nicht. Sie nickte einfach und flog los. Lange kreiste sie über dem Wasser und betrachtete aufmerksam die Hügel und Bäume. Wo sie Menschen sah, merkte sie sich den Ort. Wo sie Stimmen hörte, flog sie tiefer, um sich zu vergewissern, dass alle in Sicherheit waren. Schließlich fand sie auch die Krähe. Die suchte noch immer zwischen den Dingen herum, die das Hochwasser angeschwemmt hatte. „Krähe!“, rief die Taube. „Bathala wartet auf dich. Hast du deinen Auftrag erledigt?“ Die Krähe hielt inne. „Meinen Auftrag? ... Oh.“ Sie schaute sich um, als könnte die Antwort irgendwo neben ihr liegen. „Ich wollte gerade weitermachen.“ „Es ist schon Abend“, sagte die Taube. „Komm, wir fliegen zurück.“ Als die beiden Vögel eintrafen, fragte Bathala: „Krähe, was hast du erfahren?“ Die Krähe senkte den Kopf. Sie hätte eine Ausrede erfinden können. Sie hätte sagen können, sie sei zu weit geflogen oder der Wind habe sie vom Weg abgebracht. Doch neben ihr stand die Taube, die denselben Auftrag ehrlich erfüllt hatte. „Ich habe mich ablenken lassen“, gestand die Krähe leise. „Ich habe Futter gesehen und vergessen, dass du auf wichtige Nachrichten wartest.“ Bathala war enttäuscht. „Wenn man dir etwas Wichtiges anvertraut, genügt es nicht, schnell oder schön zu sein. Du musst daran denken, weshalb du dich auf den Weg gemacht hast.“ Neben Bathala stand ein großes Tintenfass. Der alten Erzählung zufolge nahm er es und spritzte die schwarze Tinte auf die Krähe. Frrr! Die Krähe zuckte zusammen. Im Nu waren ihre silbernen Federn vom Schnabel bis zu den Flügelspitzen schwarz. „Von nun an“, sagte Bathala, „wird dich dein dunkles Gefieder an den Tag erinnern, an dem du einen wichtigen Auftrag vergessen hast. Möge diese Erinnerung dir helfen, aufmerksamer zu sein.“ Der Taube dankte er: „Du hast nicht nach Lob gesucht, sondern einfach getan, was nötig war. Ruhe dich aus. Heute hast du allen einen guten Dienst erwiesen.“ Anfangs vermisste die Krähe ihre hellen Federn sehr. Doch mit der Zeit bemerkte sie etwas Interessantes. Auch schwarze Flügel waren schön. In der Morgensonne schimmerten sie blau, abends violett, und nach dem Regen glänzten sie wie polierter Stein. Vor allem aber sagte die Krähe nun, wenn sie einen Auftrag erhielt, nicht mehr: „Niemand macht das besser als ich.“ Sie sagte: „Gut. Ich habe es mir gemerkt.“ So erklärt diese alte philippinische Geschichte, warum Krähen schwarze Federn haben. Und sie erinnert uns daran: Manchmal zählt weniger, wie schnell, laut oder auffällig jemand ist. Entscheidend ist, ob man sich auf ihn verlassen kann.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
