Cover: Wie die Schildkröte ihren Panzer bekam

Ghana

Wie die Schildkröte ihren Panzer bekam

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ghana
Alter
3–7 Jahre
Dauer
5 Min.
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Wie die Schildkröte ihren Panzer bekam

Alte Erzähler aus Westafrika sagen, dass Schildkröten früher ganz anders aussahen als heute.

Eine von ihnen hieß Klo. Sie war groß, flink und ging beinahe so schnell wie andere Reisende. Einen harten Panzer auf dem Rücken hatte sie noch nicht.

In einem Jahr rückte das große Yamsfest näher. In den Dörfern wurden Höfe gefegt, Feuer angezündet, duftende Gerichte gekocht und Gäste eingeladen.

Ein Herrscher namens Mauri wollte, dass das Fest besonders schön wurde. Er rief Klo zu sich.

„Ich brauche ein besonderes süßes Getränk aus Palmsaft. Man sagt, Koklowi macht das beste. Nimm einen großen Krug und bitte ihn um genug für unsere Gäste.“

„Ich mache mich auf den Weg“, antwortete Klo.

Mit dem Krug wanderte sie los.

Koklowi lebte weit entfernt hinter einem Palmenhain. Als Klo endlich dort ankam und ihr Anliegen erklärte, schüttelte er den Kopf.

„Mein Getränk kann man nicht mit Gold kaufen“, sagte er. „Ich gebe es dem, der beweist, dass er Ausdauer besitzt.“

„Wie soll ich das beweisen?“

Koklowi zeigte auf zwei schwere Körbe mit Früchten.

„Wir tragen sie von einem Baum zum anderen. Wer seinen Korb unterwegs nicht hinwirft, gewinnt.“

Klo stimmte zu.

Sie hoben die Körbe. Koklowi ging zunächst schnell, geriet aber bald außer Atem. Klo ging langsamer, dafür gleichmäßig: ein Schritt, noch einer und noch einer.

Schließlich trug sie ihren Korb bis ans Ziel.

„Du hast ehrlich gewonnen“, sagte Koklowi. „Füll deinen Krug.“

Klo nahm so viel Palmsaft mit, wie für das Fest gebraucht wurde.

Dann kam ihr eine weniger gute Idee.

„Wenn ich schon den ganzen Weg hierhergekommen bin“, dachte sie, „nehme ich noch ein paar Früchte mit. Und einige Palmzweige. Diese schönen Fasern könnten auch nützlich sein. Und der Korb eigentlich ebenfalls.“

Bald türmte sich ein ganzer Berg von Dingen auf ihrem Rücken.

„Klo, ist das nicht ein bisschen viel?“, fragte Koklowi.

„Überhaupt nicht!“, sagte sie. „Ich bin stark.“

Zuerst lief sie munter.

Dann etwas langsamer.

Dann noch langsamer.

Währenddessen zogen Wolken auf.

Es begann zu regnen.

Tropfen trommelten auf die Palmblätter. Der Weg wurde glitschig, und die Last sog sich mit Wasser voll und wurde noch schwerer.

„Ich hätte nur mitnehmen sollen, weswegen ich geschickt wurde“, murmelte Klo.

Doch zum Umkehren war es zu spät.

Sie ging weiter in Richtung Palast, machte Pausen und ging wieder ein Stück.

Als sie endlich das Tor erreichte, war das Fest bereits in vollem Gange. Trommeln spielten, Menschen lachten und tanzten so laut, dass niemand Klos leises Klopfen hörte.

„Macht auf!“, rief sie.

Doch der Donner war lauter.

Klo versuchte, ihre Last abzuwerfen. Dabei rutschten die nassen Zweige, Körbe und der große Tonkrug gemeinsam herunter und bedeckten sie wie ein kleines Dach.

„Ich mache nur für einen Augenblick die Augen zu“, dachte Klo.

Und schlief ein.

Lange regnete es. Die Erde wurde weich und trocknete später wieder. Ton aus dem zerbrochenen Krug vermischte sich mit Staub und klebte an den Palmfasern auf Klos Rücken. Die Sonne trocknete alles, bis eine feste runde Schale entstand.

Als das Fest längst vorbei war, entdeckten die Menschen vor dem Tor einen merkwürdigen Hügel.

„Was ist denn das?“

Vorsichtig räumten sie Zweige und Körbe beiseite.

Da hörten sie darunter eine Stimme:

„Mmm... Hat der Regen schon aufgehört?“

„Klo! Du bist hier!“

Sie halfen ihr heraus, gaben ihr Wasser und Essen und holten Heiler, die viele Kräuter kannten.

Klo erholte sich schnell.

Als sie jedoch aufstand, staunten alle.

Auf ihrem Rücken war die harte runde Schale aus getrocknetem Ton, Fasern und dem Zauberstaub des langen Regens geblieben.

Klo versuchte sie abzunehmen.

Es ging nicht.

Sie versuchte es noch einmal.

Nichts.

Bald bemerkte sie allerdings auch Vorteile.

Wenn es regnete, schützte die Schale ihren Rücken.

Wenn die Sonne besonders heiß brannte, blieb es darunter kühler.

Und wenn Klo sich erschreckte, konnte sie Kopf und Beine dicht an den Körper ziehen und sich unter dem harten Schutz verstecken.

„Diese Last will offenbar für immer bei mir bleiben“, lachte sie.

Seitdem, so erzählt man, tragen Schildkröten einen Panzer auf dem Rücken.

Und sie haben es nicht mehr eilig.

Vielleicht erinnerte sich Klo sehr gut an den Tag, an dem sie mehr aufgeladen hatte, als sie tragen konnte.

Darum bewegt sich die Schildkröte bis heute langsam, aber aufmerksam: ein Schritt, noch einer, noch einer.

Denn manchmal ist es klüger, nicht alles mitzunehmen, was man tragen könnte, sondern nur das, was man wirklich braucht.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨