Cover: Wie die Schildkröte sich rettete

Indien

Wie die Schildkröte sich rettete

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
4–8 Jahre
Dauer
4 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Wie die Schildkröte sich rettete

In alter Zeit ließ ein König neben seinem Palast einen großen Teich für seine Kinder anlegen. An heißen Tagen schwammen die jungen Prinzen dort, ließen kleine Boote fahren und bauten Flöße aus Schilf.

Damit der Teich noch interessanter wurde, ließ der König Fische hineinsetzen.

Am nächsten Morgen liefen die Jungen sofort hin.

Silberne Fische blitzten im Wasser.

Am Ufer saß außerdem eine große Schildkröte.

Die Prinzen hatten noch nie eine gesehen.

„Was ist das denn für ein seltsames Tier?“, rief einer.

„Es trägt ein steinernes Haus auf dem Rücken!“, sagte ein anderer.

Die Schildkröte streckte den Kopf heraus, um die Kinder besser sehen zu können.

Die Kinder erschraken noch mehr und liefen zu ihrem Vater.

„Im Teich sitzt ein schreckliches Ungeheuer!“

Der König liebte seine Söhne sehr und wollte nicht, dass sie Angst hatten.

Er ließ das unbekannte Tier in den Palasthof bringen.

Vorsichtig stellte man die Schildkröte in die Mitte.

Sie zog Kopf und Beine in den Panzer und blieb still.

„Bringt sie weit fort“, sagte der König. „Die Kinder sollen sich nicht mehr fürchten.“

Die Diener begannen zu diskutieren.

„Wir tragen sie tief in den Wald.“

„Nein, sie ist langsam und findet vielleicht kein Wasser.“

„Dann hinter den Hügel.“

„Was, wenn sie zurückkommt?“

Unter den Dienern war ein alter Mann, der selbst große Angst vor tiefem Wasser hatte.

Er dachte kurz nach und sagte:

„Ich kenne den schlimmsten Ort für so ein Tier! Werft sie in den großen Teich, genau dort, wo das Wasser in den Fluss abfließt. Die Strömung wird sie weit forttragen.“

Die Schildkröte hörte jedes Wort.

Und sofort verstand sie:

Das war ihre Chance.

Langsam streckte sie den Kopf heraus und begann so überzeugend zu zittern, wie eine Schildkröte nur zittern kann.

„Oh nein!“, jammerte sie. „Nur nicht ins Wasser! Bringt mich überallhin, aber nicht in den Teich! Das ist das Schrecklichste, was einer armen Schildkröte passieren kann!“

Der alte Diener nickte zufrieden.

„Seht ihr? Ich wusste es. Sie fürchtet Wasser.“

Auch der König glaubte es.

„Gut. Bringt sie zum Teich und setzt sie hinein. Die Strömung soll sie weit vom Palast wegtragen.“

Zwei Diener hoben die Schildkröte auf.

Den ganzen Weg seufzte sie:

„Oh weh... Wasser... wie furchtbar...“

Doch kaum setzte man sie am Ufer ab, sprang sie in den Teich und verschwand unter der Oberfläche.

Ein paar Sekunden später tauchte ihr Kopf weit draußen wieder auf.

„Vielen Dank!“, rief sie fröhlich.

Die Diener standen mit offenem Mund da.

Die Schildkröte tauchte erneut ab und schwamm zu der Stelle, an der das Wasser aus dem Teich in den Fluss floss.

Die Strömung nahm sie mit.

Bald war sie weit vom Palast entfernt.

„Wie gut, dass die Menschen nicht alles über Schildkröten wissen“, lachte sie. „Und noch besser, dass ich in der Gefahr nicht vergessen habe nachzudenken.“

Am Abend erreichte sie eine ruhige Bucht mit Seerosen und anderen Schildkröten, die sich auf warmen Steinen sonnten.

„Wo warst du so lange?“, fragten sie.

„Im Palast“, antwortete die Reisende. „Sie wollten mich beinahe in den Wald bringen. Also habe ich alle davon überzeugt, dass Wasser mein größter Schrecken ist.“

Die Schildkröten lachten.

Von diesem Tag an sagte die Heldin der Geschichte zu den Jüngeren:

„Wenn du Angst bekommst, gerate nicht sofort in Panik. Denk zuerst nach. Manchmal liegt der Ausgang direkt vor deiner Nase. Oder, wie bei mir, direkt im Wasser.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨