Cover: Wie die Taube zum Hausvogel wurde

Brasilien

Wie die Taube zum Hausvogel wurde

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Brasilien
Alter
3–7 Jahre
Dauer
8 Min.
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Wie die Taube zum Hausvogel wurde

In Brasilien lebte einst ein Mann mit drei erwachsenen Söhnen. Als für jeden die Zeit kam, seinen eigenen Weg zu gehen, rief der Vater sie in den Garten und gab jedem eine reife Melone.

„Diese Melonen sind ungewöhnlich“, sagte er. „Öffnet sie nicht irgendwo unterwegs. Wartet, bis ihr an einen Ort mit sauberem Wasser kommt. Dann wird alles so geschehen, wie es soll.“

Die Söhne dankten ihm und machten sich auf den Weg.

Der älteste ging lange. Die Sonne brannte, der Weg war staubig und sein Durst wurde immer stärker.

„Warum warten?“, dachte er. „Die Melone ist saftig. Ich öffne sie jetzt.“

Kaum berührte das Messer die Schale, öffnete sich die Melone wie eine Blume. Eine wunderschöne junge Frau trat heraus.

„Gib mir bitte Wasser oder Milch“, sagte sie.

Doch weit und breit war kein Wasser.

Die junge Frau wurde blass, verwandelte sich in einen leichten silbernen Dunst und verschwand. Auch die Melone löste sich auf.

„Ich hätte auf Vater hören sollen“, seufzte der älteste Sohn.

Auch der zweite Sohn wurde unterwegs müde. Er erinnerte sich länger an den Rat, doch schließlich siegte seine Ungeduld.

Er öffnete seine Melone weit entfernt von jeder Wasserstelle.

Wieder erschien ein Mädchen, bat um etwas zu trinken und verwandelte sich, als nichts da war, in durchsichtigen Morgennebel.

Der dritte Sohn ging ebenfalls unter der heißen Sonne. Mehr als einmal wollte er die Melone einfach am Weg aufschneiden.

Doch jedes Mal sagte er sich:

„Vater bat mich zu warten. Also warte ich.“

Der Pfad führte über einen hohen Hügel hinunter in eine kleine Stadt. Mitten auf dem Platz plätscherte ein steinerner Brunnen.

„Jetzt ist es richtig“, lächelte der junge Mann.

Zuerst trank er selbst. Dann öffnete er vorsichtig die Melone.

Eine junge Frau in leichter festlicher Kleidung trat heraus.

„Gib mir bitte Wasser oder Milch.“

Der junge Mann schöpfte sauberes Brunnenwasser in seine Hände. Sie trank und wurde sofort fröhlicher.

„Danke. Du konntest warten und hast an das Bedürfnis eines anderen gedacht, obwohl du selbst müde warst.“

Er wollte ihr auch etwas zu essen anbieten, doch in seiner Tasche war fast nichts mehr.

„Warte hier auf mich“, sagte er. „Ich hole schnell Brot und Früchte.“

Am Brunnen wuchs ein großer Baum mit dichter Krone. Das Mädchen setzte sich auf einen niedrigen breiten Ast, um im Schatten zu ruhen, während der junge Mann zum Markt ging.

Kurz darauf kam eine junge Hausgehilfin zum Brunnen, um Wasser zu holen. Das Mädchen beugte sich vom Ast hinunter, um zu sehen, ob ihr neuer Freund schon zurückkam. Ihr Gesicht spiegelte sich im Wasser.

Die Helferin entdeckte das Bild.

„Wer ist denn das?“

Sie sah nach oben und bemerkte die Fremde zwischen den Blättern.

„Ich dachte schon, der Brunnen zeigt mir ein Zaubergesicht“, sagte sie.

Das Mädchen lachte.

Die Wasserträgerin war allerdings schlecht gelaunt. Sie wurde neidisch auf das schöne Kleid der Fremden und darauf, dass jemand am Brunnen auf sie wartete.

„Komm herunter“, sagte sie. „Ich helfe dir, dein Haar zu richten.“

Das Mädchen ahnte nichts Böses und stieg vom Baum.

Die Wasserträgerin besaß eine alte Haarnadel, die sie einst auf der Straße gefunden hatte. Sie wusste nicht, dass sie verzaubert war.

Kaum berührte die Nadel das Haar der Fremden, erklang ein leises Plopp, als wäre eine Seifenblase geplatzt.

Statt des Mädchens saß nun eine graue Taube auf dem Stein.

„Was habe ich getan?“, flüsterte die Wasserträgerin.

Sie erschrak. Doch statt Hilfe zu holen, nahm sie den zurückgebliebenen Umhang, legte ihn sich um die Schultern und versteckte sich im Schatten des Baumes.

In diesem Augenblick kehrte der junge Mann mit einem Korb voller Essen zurück.

In der Dämmerung erkannte er den vertrauten Umhang und glaubte, vor ihm stehe das Mädchen vom Brunnen.

„Komm“, sagte er. „Ich habe unser Abendessen.“

Die Wasserträgerin brachte es nicht über sich, die Wahrheit zu sagen.

So wurde aus einem törichten Augenblick eine lange Lüge.

Die Tage vergingen. Der junge Mann wunderte sich immer mehr. Seine Begleiterin erinnerte sich nicht an ihr Gespräch am Brunnen, kannte die Worte nicht, die sie nach dem ersten Schluck Wasser gesagt hatte, und ihr Wesen ähnelte überhaupt nicht dem freundlichen Mädchen von damals.

Doch er wusste nicht, was geschehen war.

Die Taube blieb unterdessen in der Nähe. Sie setzte sich auf Zäune, folgte ihm durch den Garten und gurrte leise, wenn er vorbeikam.

„Ein merkwürdiger Vogel“, sagte er. „Als wollte er mir etwas erzählen.“

Mehrere Jahre vergingen. Rund um das Haus war ein großer Garten gewachsen. Bäume blühten, Vögel sangen, und nach dem Regen rochen die Kräuter.

Eines Tages flog die Taube direkt ans Küchenfenster.

Die Köchin streute ihr einige Körner hin und bemerkte zwischen den Federn einen kleinen dunklen Punkt.

„Was hast du da?“, fragte sie sanft.

Sie sah genauer hin und entdeckte die Spitze einer alten Haarnadel.

Die Köchin rief den Hausherrn.

„Der Vogel scheint verletzt zu sein. Hilf mir, das vorsichtig herauszuziehen.“

Der junge Mann nahm die Taube in beide Hände und zog die Nadel langsam heraus.

Da schien der ganze Garten im Sonnenlicht aufzuleuchten.

Die Taube war verschwunden. Vor ihm stand wieder das Mädchen aus der Zaubermelone.

„Du bist es!“, rief er.

Sie erzählte ihm alles, was am Brunnen geschehen war.

Die Wasserträgerin, die all die Jahre mit ihrer Lüge gelebt hatte, gestand schließlich ebenfalls.

„Ich hatte Angst vor dem, was ich getan hatte“, sagte sie. „Und danach wurde es mit jedem Tag schwerer, die Wahrheit zu sagen. Bitte verzeiht mir.“

Niemand tat ihr etwas an. Doch sie musste das Haus verlassen und ein neues Leben beginnen, in dem sie sich nicht mehr hinter dem Namen eines anderen verstecken konnte.

Das Mädchen, das so lange eine Taube gewesen war, freute sich besonders über den Garten.

„Als Vogel habe ich verstanden, wie schwer es ist, ständig einen sicheren Platz für ein Nest zu suchen“, sagte sie. „Bauen wir kleine Häuser für die Tauben.“

Man hängte gemütliche Holzhäuschen in die Bäume und stellte Wasserschalen auf.

Zuerst kam eine mutige Taubenfamilie. Sie kreiste lange über dem Garten und zog dann in eines der Häuser ein.

Es geschah ihr nichts.

Als andere Tauben das sahen, kamen auch sie. Dann noch mehr.

Mit der Zeit gewöhnten sie sich so sehr an die Nähe der Menschen, dass sie Nester auf Dächern, unter Vordächern, auf Türmen und Balkonen bauten.

Alte Erzähler behaupteten deshalb, auf diese Weise habe die Taube, einst ein scheuer Waldvogel, Vertrauen zu menschlichen Häusern gefunden.

Und die Geschichte erinnert noch an etwas anderes:

Eine Lüge zieht oft eine zweite und dritte hinter sich her, bis sie schwerer wird als der größte Wasserkrug. Eine Wahrheit, die rechtzeitig gesagt wird, ist fast immer leichter.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨