Cover: Wie Maui die Sonne fing

Vereinigte Staaten

Wie Maui die Sonne fing

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Vereinigte Staaten
Alter
5–9 Jahre
Dauer
6 Min.
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Wie Maui die Sonne fing

Auf der Insel Maui, hoch über dem Meer, lebten Maui und seine Mutter Hina.

Hina arbeitete viel. Sie stellte Kapa her, ein traditionelles Tuch aus Baumrinde. Das Material musste lange vorbereitet, geglättet, ausgebreitet und in der Sonne getrocknet werden.

Jeden Morgen trug Hina frische Stoffbahnen nach draußen.

„Jetzt können sie trocknen“, sagte sie und breitete das Kapa unter dem hellen Himmel aus.

Doch kaum war die Arbeit richtig begonnen, rollte die Sonne schon wieder zum Horizont.

Die Schatten wurden länger.

Über dem Meer begann der Abend.

Hina seufzte und sammelte das noch feuchte Kapa wieder ein.

Am nächsten Tag geschah dasselbe.

Maui sah, wie seine Mutter die Stoffbahnen immer wieder hinausbrachte und kurz darauf in Eile vor Sonnenuntergang wieder einsammeln musste.

„Warum bist du so erschöpft?“, fragte er.

„Der Tag ist zu kurz“, antwortete Hina. „Kaum habe ich das Kapa ausgelegt, verschwindet die Sonne schon. Wenn sie etwas langsamer über den Himmel ziehen würde, wäre meine Arbeit viel leichter.“

Maui wurde nachdenklich.

Er wusste, dass man mit der Sonne nicht streiten sollte, ohne ihren Weg zu verstehen.

Also reiste er zunächst in den Osten der Insel, dorthin, wo morgens das Licht erschien.

Er beobachtete, wie die Sonne bei Hana aufging, langsam höher stieg und dann über die Insel wanderte.

Danach stieg Maui auf den großen Berg Haleakala.

Von dort oben sah die Welt völlig anders aus.

Tief unten lag der Ozean.

Wolken zogen rings um die Hänge.

Der Himmel schien so nah, dass man glaubte, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um einen Sonnenstrahl zu berühren.

Mehrere Tage beobachtete Maui den Weg der Sonne.

Schließlich wusste er, wo er sie am besten abfangen konnte.

Zu Hause begann er ein starkes Seil zu flechten.

Er sammelte Fasern aus Kokosnussschalen, trocknete sie, drehte sie zu langen Strängen und verband sie miteinander.

Die Arbeit war langsam.

Drehen, festziehen.

Drehen, festziehen.

Noch einmal.

Und noch einmal.

Ein Mann namens Moemoe sah Maui bei der Arbeit.

„Wozu brauchst du so viel Seil?“, fragte er lachend.

„Ich will die Sonne aufhalten.“

Moemoe lachte noch lauter.

„Die Sonne? Du? Sie reist jeden Tag über den Himmel und hört auf niemanden!“

Maui flocht weiter.

„Wir werden sehen.“

Als das Seil fertig war, stieg er noch vor dem Morgengrauen wieder auf den Haleakala.

Der Himmel war dunkelblau.

Die Sterne wurden langsam blasser.

Weit unten atmete der Ozean ruhig.

Maui versteckte sich an der Stelle, an der nach seinen Beobachtungen die ersten kräftigen Sonnenstrahlen erscheinen würden.

Schließlich begann der Horizont zu leuchten.

Ein goldener Streifen wurde breiter.

Die Sonne stieg über die Insel und schickte lange helle Strahlen voraus.

Maui warf seine erste Schlinge.

Eins!

Das Seil legte sich um einen großen Strahl.

Die Sonne blitzte überrascht heller und zog weiter.

Maui befestigte das Seil und warf eine zweite Schlinge.

Zwei!

Dann eine dritte.

Drei!

Die Sonne versuchte, auf ihrem gewohnten Weg weiterzueilen.

Doch Maui hielt die Seile fest.

„Wer hält mich auf?“, donnerte die Sonne.

„Ich bin es, Maui!“

„Warum tust du das? Ich gehe jeden Tag auf und unter, wie ich es immer getan habe.“

„Genau deshalb bin ich hier“, antwortete Maui. „Du ziehst so schnell über den Himmel, dass die Menschen kaum Zeit für ihre Arbeit haben. Meine Mutter kann ihr Kapa nicht trocknen. Fischer müssen zum Ufer eilen. Die Menschen auf den Feldern beginnen gerade erst zu arbeiten, wenn es schon wieder dunkel wird.“

Die Sonne schwieg.

Der Wind bewegte die Seile aus Kokosfasern.

„Und wenn ich mich überhaupt nicht mehr bewege?“, fragte die Sonne schließlich.

„Dann wird es viel zu heiß“, sagte Maui. „Ich verlange nicht, dass du stehen bleibst. Ich bitte dich nur, manchmal langsamer zu ziehen.“

Die Sonne dachte nach.

„Gut. Einen Teil des Jahres werde ich ruhiger über den Himmel wandern, damit die Tage länger werden. In einer anderen Jahreszeit ziehe ich schneller und die Tage werden kürzer. So entsteht ein Wechsel.“

„Abgemacht“, sagte Maui.

Er lockerte die erste Schlinge.

Dann die zweite.

Dann die dritte.

Die Sonne zog wieder über den Himmel.

Diesmal hatte sie keine Eile.

Ihr Licht lag lange auf den Berghängen, auf den grünen Tälern und auf dem Meer.

Als Maui nach Hause kam, hatte Hina gerade neues Kapa zum Trocknen ausgelegt.

Der Morgen verging.

Dann der Mittag.

Und danach blieb es noch lange hell.

Hina berührte den Stoff und lächelte.

„Trocken!“

„Ich habe doch gesagt, dass ich mit der Sonne sprechen werde“, sagte Maui.

Bald kannten alle Menschen die Geschichte.

Sie erzählten, wie Maui den hohen Berg bestieg und die Sonnenstrahlen mit Seilen aus Kokosfasern festhielt.

Moemoe machte keine Witze mehr.

„Ich habe mich geirrt“, gab er zu. „Ich dachte nicht, dass du es schaffen würdest.“

Maui lächelte nur.

Denn ihm war nicht wichtig gewesen, jemandem seine Stärke zu beweisen.

Wichtig war, dass Hina ihr Kapa nun in Ruhe trocknen konnte und die Menschen mehr Tageslicht für ihre Arbeit hatten.

Bis heute erzählt man auf Hawaii von Maui, der die Sonne fing.

Alte Überlieferungen bewahren sogar einen anderen Namen des Berges: Ale-ha-ka-la, der Ort, an dem die Sonne gefangen wird.

Und wenn die Tage in einer Jahreszeit länger und in einer anderen kürzer werden, erinnert die Geschichte daran:

Einst saßen Maui und die Sonne gewissermaßen auf zwei Seiten des Himmels und einigten sich über die Zeit.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨