Cover: Worttreue

China

Worttreue

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
China
Alter
7–10 Jahre
Dauer
8 Min.
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Worttreue

In einem Bergwald stand die feste Holzhütte eines Holzfällers. Eines Tages geriet ein junger Tiger hinein. Die Tür fiel zu, der Riegel glitt außen an seinen Platz, und der Tiger war eingeschlossen.

Zuerst wurde er wütend.

„Was ist das nur für eine Tür!“, knurrte er und stieß mit der Schulter dagegen.

Doch die Hütte bestand aus dicken Stämmen. So sehr der Tiger schob und kratzte, die Tür öffnete sich nicht.

Ein Tag verging, dann noch einer. Der Tiger hatte großen Durst und begann bereits zu bereuen, dass er so unvorsichtig hineingegangen war.

Nicht weit entfernt floss ein Bach. Eine kleine Moschushirschkuh kam zum Wasser. Sie beugte sich hinunter und hörte plötzlich eine schwache Stimme aus der Hütte.

„Schwester Hirschkuh! Hilf mir!“

Sie zuckte zusammen.

„Wer ist dort?“

„Ich bin es, der Tiger. Ich bin eingesperrt. Schieb bitte den Riegel zur Seite.“

Die Hirschkuh trat etwas näher, aber nicht zu nah.

„Woher soll ich wissen, dass du mich nicht anspringst, sobald du draußen bist?“

„Ich gebe dir mein Wort“, antwortete der Tiger. „Wenn du die Tür öffnest, tue ich dir nichts. Ich verspreche es.“

Die Hirschkuh zögerte lange. Sie hatte Angst vor dem Tiger, sah aber auch, dass er wirklich Hilfe brauchte.

„Gut“, sagte sie. „Ich vertraue deinem Wort.“

Sie hob den Riegel an.

Die Tür sprang auf, und der Tiger stürzte hinaus. Gierig sog er die frische Luft ein, lief zum Bach, trank und blickte dann die Hirschkuh an.

Sein Gesicht wurde hart.

„Ich bin sehr hungrig“, sagte er. „Vielleicht muss ich mein Versprechen vergessen.“

Die Hirschkuh wich einen Schritt zurück.

„Vergessen? Ich habe dir die Tür doch nur geöffnet, weil du dein Wort gegeben hast.“

Der Tiger zuckte mit den Schultern.

„Wort, Versprechen, Treue … Was sind sie wert, wenn es unbequem wird, sich daran zu halten?“

„Sehr viel“, sagte die Hirschkuh fest. „Sonst könnte niemand irgendjemandem vertrauen.“

„Ich glaube, die Welt ist anders“, erwiderte der Tiger.

Da schlug die Hirschkuh vor:

„Fragen wir drei Wesen, denen wir begegnen. Sie sollen entscheiden, ob Treue zu einem Versprechen überhaupt etwas bedeutet. Wenn alle drei sagen, dass ein Wort nichts wert ist, gebe ich zu, dass ich mich geirrt habe. Wenn aber auch nur einer zeigt, dass ein Versprechen Bedeutung hat, lässt du mich gehen.“

Der Tiger stimmte zu.

Als Erstes begegneten sie einem großen Baum am Weg. Seine Äste breiteten sich so weit aus, dass Wanderer oft in seinem Schatten rasteten.

„Bruder Baum“, fragte die Hirschkuh, „gibt es in der Welt Dankbarkeit und Treue zu einem gegebenen Wort?“

Lange rauschten die Blätter.

„Ich würde gern Ja sagen“, antwortete der Baum schließlich. „Aber ich habe oft etwas anderes erlebt. Menschen ruhen in meinem Schatten, schützen sich hier vor der Hitze und brechen später manchmal meine jungen Zweige ab, ohne daran zu denken, dass sie mir schaden. Meine Erfahrungen sind deshalb traurig.“

Der Tiger lächelte.

„Hast du gehört?“

Die Hirschkuh senkte die Ohren.

„Das war nur die erste Antwort.“

Weiter vorn sahen sie eine alte Büffelkuh mit ihrem Kalb. Sie schob dem Kleinen das saftigste Gras zu und kaute selbst die trockeneren Halme.

„Tante Büffel“, fragte die Hirschkuh, „wird Gutes immer mit Gutem vergolten?“

Die Büffelkuh dachte nach.

„Nicht immer. Eltern geben ihren Kindern oft das Beste, und wenn die Kinder groß sind, erinnern sie sich nicht immer daran. Aber heißt das, dass wir wegen der Undankbarkeit eines anderen selbst undankbar werden sollen? Das weiß ich nicht. Ich kann nur von dem erzählen, was ich gesehen habe.“

Der Tiger schlug ungeduldig mit dem Schwanz.

„Auch die zweite Antwort hilft dir nicht.“

Die Hirschkuh wurde unruhig, erinnerte ihn aber:

„Wir haben drei vereinbart.“

Hinter der nächsten Wegbiegung sprang ihnen ein Hase entgegen.

„Guten Tag!“, rief er. „Warum geht ihr gemeinsam hier entlang und seht aus, als würdet ihr schon einen halben Tag streiten?“

Die Hirschkuh erzählte ihm alles: von der Hütte, vom Riegel, vom Versprechen und davon, dass der Tiger sein Wort nun brechen wollte.

Der Hase kratzte sich am Ohr.

„Sehr verwirrend. Der Tiger stand also am Bach, und du warst in der Hütte?“

„Nein!“, rief der Tiger. „Ich war in der Hütte!“

„Aha. Dann hat die Hirschkuh dich eingeschlossen?“

„Nein!“, sagte die Hirschkuh. „Ich fand ihn bereits eingesperrt.“

„Hm“, sagte der Hase und rümpfte die Nase. „Erzählungen sind gut und schön, aber ich möchte alles am Ort selbst sehen. Sonst kann ich nicht gerecht urteilen.“

Sie kehrten zur Hütte zurück.

„Zeig mir, wo du standest“, bat der Hase die Hirschkuh.

„Hier, beim Bach.“

„Und wo warst du?“, fragte er den Tiger.

„Drinnen.“

Der Tiger ging in die Hütte.

„So?“

„Genau so.“

„Und die Tür war offen?“

„Nein, geschlossen.“

„Und der Riegel saß hier?“

„Ja.“

Der Hase schloss die Tür und ließ den Riegel wieder einrasten.

Tok.

Der Tiger war erneut eingesperrt.

„He!“, brüllte er. „Mach auf!“

Der Hase setzte sich vor die Tür.

„Jetzt habe ich alles verstanden. Schwester Hirschkuh, du kannst gehen. Du hast deinen Teil des Versprechens erfüllt. Der Tiger nicht.“

„Aber was wird aus ihm?“, fragte die Hirschkuh leise.

„Der Holzfäller kommt bald zurück“, sagte der Hase. „Er kennt diese Hütte und kann entscheiden, wie man den Tiger sicher freilässt. Auf ein gebrochenes Versprechen müssen wir nicht mit Grausamkeit antworten.“

Hinter der Tür hörte man wütendes Knurren.

Dann wurde es still.

Nach einer Weile sagte der Tiger leiser:

„Hirschkuh …“

„Ich höre.“

„Du hast mir geholfen, obwohl du Angst hattest. Und ich hätte es dir beinahe mit Bösem vergolten. Jetzt verstehe ich, warum du von Vertrauen gesprochen hast.“

Der Hase lächelte.

„Das klingt schon vernünftiger.“

Bald erschien der Holzfäller auf dem Weg. Hirschkuh und Hase erzählten ihm, was geschehen war.

Der Holzfäller dachte nach und sagte zum Tiger:

„Ich öffne die Tür. Aber danach gehst du in die entgegengesetzte Richtung in den Wald und näherst dich den beiden nicht. Gibst du dein Wort?“

Lange war es still in der Hütte.

Schließlich antwortete der Tiger:

„Ich gebe es.“

„Diesmal denk gut nach, bevor du sprichst“, sagte der Holzfäller.

„Das habe ich.“

Die Tür wurde geöffnet. Der Tiger trat hinaus, sah erst die Hirschkuh, dann den Hasen an und wandte sich schweigend den Bergen zu.

Sein zweites Versprechen brach er nicht.

Auf dem Heimweg sagte die Hirschkuh:

„Seltsam. Der Baum und die Büffelkuh hatten so viel Undankbarkeit gesehen, dass sie beinahe den Glauben an das Gute verloren hatten.“

„Gerade deshalb“, antwortete der Hase, „muss irgendjemand bei sich selbst anfangen. Das schlechte Wort eines anderen macht unser eigenes Wort nicht weniger wichtig.“

Seit jener Zeit sagten die alten Tiere des Waldes, wenn jemand ein Versprechen gab:

„Denk an den Tiger und die Holzhütte. Ein Wort wiegt genau so viel wie dein Wille, es zu halten.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨