Cover: Wuyan, der Brachvogel

Australien

Wuyan, der Brachvogel

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Australien
Alter
4–8 Jahre
Dauer
6 Min.
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Wuyan, der Brachvogel

Zwischen weiten Ebenen und feuchten Niederungen, wo nach dem Regen Wasser zwischen den Gräsern glänzte, lebte ein junger Mann namens Wuyan.

Wuyan kannte die Wege gut. Er wusste, wo man in der Hitze Wasser fand, und hörte Vogelrufe, lange bevor andere die Vögel am Himmel bemerkten.

Nur eine Sache gelang ihm nie besonders gut: die Jagd auf den schnellen Emu.

Seine Mutter Blearga wünschte sich sehr, dass ihr Sohn große Beute nach Hause brachte.

Wenn Wuyan mit leeren Händen zurückkam, seufzte sie.

„Andere kommen von der Jagd nicht ohne etwas zurück. Kannst du nicht wenigstens einen Emu fangen?“

Wuyan senkte den Blick.

„Ich versuche es, Mutter.“

„Versuchen reicht nicht“, antwortete sie. „Man braucht ein Ergebnis.“

Diese Worte machten Wuyan schwer ums Herz.

Er wusste, dass jeder Mensch andere Fähigkeiten hat. Doch er traute sich nicht, das laut zu sagen.

Er wollte, dass seine Mutter stolz auf ihn war.

Am nächsten Morgen brach er früher als alle anderen auf.

Die Sonne berührte gerade die Spitzen der Gräser, als Wuyan Emuspuren fand.

Er folgte ihnen lange.

Manchmal rannte er.

Manchmal versteckte er sich hinter Büschen.

Manchmal blieb er still stehen und lauschte.

Schließlich sah er vor sich einen großen grauen Vogel.

Wuyan rannte los.

Der Emu machte einige schnelle Schritte und verschwand so mühelos, als hätte der Wind ihn über die Ebene getragen.

Wuyan versuchte es wieder.

Und noch einmal.

Bis zum Mittag war er erschöpft.

Der Emu war trotzdem längst fort.

„Was sage ich zu Hause?“, dachte Wuyan. „Mutter wird wieder enttäuscht sein. Alle glauben, ich tauge zu nichts.“

Auf dem Rückweg entdeckte er am Sumpfrand Pflanzen mit dicken rötlichen Wurzeln.

Er wusste, dass sie bitter und kaum essbar waren.

Doch in große Blätter gewickelt konnten sie aus der Entfernung wie getrocknetes Fleisch aussehen.

Da kam ihm eine schlechte Idee.

„Ich sage, das sei Emufleisch. Nur dieses eine Mal. Morgen fange ich bestimmt einen echten.“

Er schnitt die Wurzeln zurecht, wickelte sie in Blätter und brachte sie nach Hause.

Blearga freute sich.

„Siehst du! Ich wusste, dass du es kannst.“

Wuyan lächelte.

Doch die Freude fühlte sich unruhig an.

Die Lüge lag nun zwischen ihm und seiner Familie wie ein Steinchen im Schuh.

Als die Wurzeln gekocht wurden, schmeckten sie bitter.

Alle, die davon probierten, schoben ihre Schüsseln weg.

„Seltsamer Geschmack“, sagte eine Frau.

„Und gar nicht wie Emu“, sagte eine andere.

Wuyan antwortete schnell:

„Vielleicht hat dieser Emu bittere Pflanzen gefressen.“

Am nächsten Tag bat die Mutter ihn wieder, Beute zu bringen.

Wuyan ging hinaus.

Wieder sah er einen Emu.

Wieder konnte er ihn nicht einholen.

Und wieder ging er zum Sumpf, statt ehrlich mit leeren Händen heimzukehren.

Diesmal folgten Blearga und zwei ihrer Freundinnen ihm unbemerkt.

Sie wollten wissen, warum die seltsame „Beute“ jedes Mal gleich bitter schmeckte.

Sie sahen Wuyan am Wasser.

Er saß dort, putzte rötliche Wurzeln vom Schlamm und wickelte sie in Blätter.

Blearga trat aus dem Gebüsch.

„Wuyan.“

Der junge Mann zuckte zusammen.

Er sah seine Mutter an.

Dann die Wurzeln in seinen Händen.

Er wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte, sich eine neue Erklärung auszudenken.

„Ich habe keinen Emu gefangen“, sagte er leise. „Gestern nicht. Heute auch nicht.“

Niemand schrie.

Gerade deshalb schämte Wuyan sich noch mehr.

„Warum hast du die Wahrheit nicht gesagt?“, fragte seine Mutter.

„Weil ich Angst hatte, du würdest glauben, ich sei schlechter als die anderen.“

Blearga schwieg lange.

Dann sah sie über den breiten Sumpfrand, wo Vögel über dem Wasser kreisten.

„Ich wollte, dass du ein guter Jäger bist“, sagte sie. „Und ich habe so sehr darauf bestanden, dass ich nicht bemerkte, wie viele andere Dinge du kannst. Trotzdem hättest du die Wahrheit sagen müssen. Die Lüge hat alles schwerer gemacht.“

Wuyan nickte.

Er wollte eine Weile allein sein und ging tiefer in das Feuchtgebiet.

Roter Schlamm klebte an seinen Beinen.

Er wanderte zwischen Schilf, hörte das Gras und die fernen Vogelrufe.

Hier fühlte er sich plötzlich ruhig.

Er wusste genau, wo das Wasser flach war.

Wo sich unter Gras eine tiefe Stelle verbarg.

Welche kleinen Spuren am Ufer zu welchem Tier gehörten.

Stundenlang konnte er still stehen und das Leben des Sumpfes beobachten.

In den folgenden Tagen kehrte Wuyan immer wieder dorthin zurück.

Er zeigte anderen, wo sich nach einem Regen sauberes Wasser sammelte, wo essbare Pflanzen wuchsen und wo Vögel brüteten, die man besser nicht störte.

Es stellte sich heraus, dass seine Aufmerksamkeit mindestens genauso wertvoll war wie die Fähigkeit, einem Emu nachzujagen.

Die Menschen bemerkten dort außerdem einen ungewöhnlichen Vogel mit langen Beinen.

Seine Beine wirkten rötlich, als sei er gerade aus demselben Schlamm gestiegen, in dem Wuyan einst gestanden hatte.

Am Abend hob der Vogel den Kopf und ließ einen langen Ruf über das Wasser klingen.

„Hört ihr?“, sagten die Menschen. „Als würde Wuyan uns daran erinnern, nicht so zu tun, als seien wir jemand anderes.“

So entstand in dieser alten Geschichte der Brachvogel Wuyan, ein Vogel der langen Ufer und stillen Feuchtgebiete.

Und wenn jemand Angst hatte zuzugeben, dass ihm etwas nicht gelang, sagten die Älteren:

„Besser mit leeren Händen und ehrlichen Worten zurückkehren als mit einem Korb voller Lügen.“

Denn jeder besitzt seine eigene Stärke.

Und manchmal entdeckt man sie genau dann, wenn man aufhört, jemand sein zu wollen, der man nicht ist.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨