

Weltweit
Der Hase und der Igel
An einem klaren Sommermorgen stand die Sonne schon über den Feldern, die Lerchen sangen hoch am Himmel, und der Buchweizen blühte. Die Luft duftete nach Gras, Erde und der kommenden Ernte.
- Land
- Weltweit
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Der Hase und der Igel
An einem klaren Sommermorgen stand die Sonne schon über den Feldern, die Lerchen sangen hoch am Himmel, und der Buchweizen blühte. Die Luft duftete nach Gras, Erde und der kommenden Ernte.
Der Igel war früher als alle anderen aufgestanden, schaute aus seinem Häuschen und sagte zufrieden:
„Ein schöner Tag. Genau richtig, um übers Feld zu gehen und nachzusehen, wie der Kohl wächst.“
Seine Frau räumte gerade zu Hause auf.
„Geh nur“, sagte sie. „Ich erledige hier alles und komme später ebenfalls hinaus.“
Gemächlich trottete der Igel den Weg entlang. Er liebte seine Morgenspaziergänge und hatte es überhaupt nicht eilig. Seine kurzen Beine erlaubten ihm zwar kein schnelles Rennen, dafür bemerkte er vieles: Tautropfen auf den Blättern, eine Ameisenstraße, ein neues Loch unter einem Busch.
Bald begegnete er am Kohlfeld dem Hasen.
„Guten Morgen!“, grüßte der Igel höflich.
Der Hase musterte ihn und lächelte kaum merklich.
„Du bist schon unterwegs? Mit solchen kurzen Beinen kommst du bestimmt nicht weit.“
Der Igel blieb stehen.
„Meine Beine gefallen mir genau so, wie sie sind.“
„Ach wirklich?“, lachte der Hase. „Meine Beine sind fürs richtige Laufen gemacht. Aber deine … na ja, du siehst es selbst.“
Der Igel stritt nicht gern. Noch weniger mochte er es jedoch, wenn jemand prahlte und sich über andere lustig machte.
„Lange Beine sind eine feine Sache“, sagte er ruhig. „Aber nicht immer gewinnt der Schnellste.“
Da richtete der Hase seine Ohren auf.
„Willst du etwa behaupten, du könntest mich schlagen?“
„Wir können es ausprobieren.“
„Du? Gegen mich?“
„Ganz genau.“
Der Hase lachte so laut, dass aus einem Busch ein Vogel aufflog.
„Gut! Wir laufen längs über das Feld. Von einem Ende bis zum anderen.“
„Abgemacht“, antwortete der Igel. „Gib mir nur eine halbe Stunde, um mich vorzubereiten.“
Der Hase stimmte zu. Er war sicher, den Sieg schon in der Tasche zu haben.
Der Igel eilte nach Hause.
„Was ist passiert?“, fragte seine Frau, als sie sah, wie er sich beeilte.
Der Igel erzählte ihr vom Hasen und von dem Wettrennen.
„Er ist wirklich schneller als du“, sagte die Igelin. „Viel schneller.“
„Ich weiß. Mit Geschwindigkeit kann ich ihn nicht schlagen. Aber vielleicht mit Verstand.“
Leise erklärte er ihr seinen Plan.
Die Igelin staunte zunächst und begann dann zu lachen.
„Was du dir ausdenkst! Gut, wir versuchen es. Aber ohne Streit und ohne böse Worte.“
„Genau darum geht es mir. Der Hase soll verstehen, dass man sich über andere nicht lustig macht.“
Sie gingen zum langen Feld. Die Igelin stellte sich an ein Ende, der Igel kehrte zu der Stelle zurück, an der der Hase wartete.
„Endlich!“, rief der Hase. „Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt.“
„Nein, ich bin bereit.“
Sie stellten sich an den Start.
„Eins! Zwei! Drei!“
Der Hase schoss so schnell davon, dass hinter seinen Pfoten der Staub wirbelte.
Der Igel machte nur ein paar Schritte und versteckte sich leise an seinem Ende des Feldes.
Der Hase raste wie der Wind.
„Gleich bin ich da“, dachte er. „Dann setze ich mich hin und warte noch eine Weile auf den langsamen Igel.“
Doch kaum erreichte er das andere Ende des Feldes, schaute die Igelin aus dem Gras und rief:
„Ich bin schon hier!“
Der Hase bremste so abrupt, dass er beinahe purzelte.
„Wie bitte?!“
Die Igelin nickte nur würdevoll.
Der Hase kniff die Augen zusammen.
„Noch einmal! Zurück!“
„Bitte sehr.“
Der Hase raste in die andere Richtung. Jetzt lief er noch schneller als beim ersten Mal.
Doch am Start wartete bereits der Igel.
„Ich bin schon hier!“, rief er.
Der Hase traute seinen Augen nicht.
„Noch einmal!“
Und wieder lief er los.
Am anderen Ende des Feldes empfing ihn die Igelin:
„Ich bin schon hier!“
„Noch einmal!“
Der Hase rannte zurück.
„Ich bin schon hier!“, sagte der Igel.
So ging es immer weiter.
Zuerst wurde der Hase wütend. Dann staunte er. Später staunte er nicht einmal mehr, sondern schnaufte nur und lief. Seine langen Beine, auf die er so stolz gewesen war, wurden langsam müde.
„Noch einmal!“, sagte er hartnäckig.
„Vielleicht reicht es?“, fragte der Igel.
„Nein!“
Und wieder raste der Hase übers Feld.
Am Ziel hörte er jedes Mal:
„Ich bin schon hier!“
Schließlich, nach vielen Läufen, erreichte der Hase nur noch die Mitte des Feldes, wurde langsamer und setzte sich direkt ins Gras.
„Genug“, sagte er keuchend. „Ich kann nicht mehr.“
Der Igel und die Igelin kamen von beiden Seiten zu ihm.
Der Hase schaute erst den einen, dann die andere an. Sie sahen einander wirklich sehr ähnlich.
Da verstand er alles.
„Ihr wart zu zweit!“
„Ja“, antwortete der Igel ehrlich. „Du bist schneller als ich. Viel schneller. Aber du dachtest, das gebe dir das Recht, über meine kurzen Beine zu lachen.“
Der Hase ließ die Ohren hängen.
„Ihr habt mich ausgetrickst.“
„Ja. Und vielleicht ist auch das nicht die beste Art herauszufinden, wer besser ist“, sagte der Igel. „Aber mir fiel kein anderer Weg ein, dich zum Anhalten und Nachdenken zu bringen.“
Der Hase schwieg einen Moment.
„Ich war wirklich eingebildet.“
Die Igelin reichte ihm ein Kohlblatt.
„Iss etwas. Nach einem solchen Rennen müssen sich alle ausruhen.“
Sie setzten sich im Schatten am Feldrand. Der Hase knabberte Kohl, der Igel erzählte vom Morgentau, und die Igelin lachte darüber, wie ernst alle drei einen gewöhnlichen Streit genommen hatten.
„Wisst ihr“, sagte der Hase schließlich, „lange Beine sind tatsächlich nicht alles.“
„Und kurze Beine machen jemanden auch nicht schlechter“, fügte der Igel hinzu.
„Abgemacht“, sagte der Hase. „Ich werde mich nicht mehr lustig machen.“
Er stand auf, streckte sich und ging diesmal nicht im Laufschritt, sondern ganz ruhig nach Hause.
Wenn später auf der Lichtung jemand mit seiner Kraft, seiner Schnelligkeit oder seiner Schönheit zu prahlen begann, bewegte der Hase nur seine Ohren und sagte:
„Entscheidet nicht zu schnell, wer hier der Beste ist. Ich war früher auch einmal viel zu sicher, dass ich es sei.“
Und wenn der Igel vorbeikam, lächelte er leise.
Denn er wusste: Der wichtigste Sieg an jenem Tag hatte nicht auf dem Feld stattgefunden. Er war in dem Augenblick geschehen, als der Hase lernte, diejenigen zu achten, die anders waren als er selbst.
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