

Philippinen
Die Versammlung der Pflanzen
Pflanzen, Natur, Gespräch
- Land
- Philippinen
- Alter
- 4–8 Jahre

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Die Versammlung der Pflanzen
Man erzählt, dass die Pflanzen vor sehr, sehr langer Zeit nicht so schweigsam waren wie heute.
Die Bäume konnten sich über ein ganzes Tal hinweg unterhalten. Die Sträucher stritten über das Wetter. Die Gräser flüsterten Neuigkeiten. Und wenn eine Pflanze irgendwohin wollte, konnte sie ihre Wurzeln aus der Erde ziehen und sich langsam auf den Weg machen.
Als stärkster aller Bäume galt der alte Molave. Er wuchs hoch oben auf einem Berg, hatte einen kräftigen Stamm und eine so dichte Krone, dass Dutzende von Wanderern darunter vor dem Regen Schutz finden konnten.
Eines Morgens schickte Molave eine Nachricht durch alle Wälder und Felder:
„Alle Bäume, Palmen, Sträucher und Gräser sollen sich auf der großen Lichtung versammeln. Wir müssen über Wasser und Wind sprechen und darüber, wie wir die Erde in der Trockenzeit schützen können.“
Die Nachricht eilte von Blatt zu Blatt.
„Eine große Versammlung!“, raschelten die Bananenstauden.
„Wir müssen aufbrechen!“, riefen die Bambuspflanzen durcheinander.
„Ich werde die Erste sein!“, prahlte eine junge Akazie.
Bald waren alle Wege zum Berg grün.
Der Mangobaum ging langsam, weil er keine Früchte verlieren wollte. Die Bambuspflanzen zogen in einer Gruppe los und klopften an jeder Wegbiegung mit ihren Stängeln aneinander: tock, tock, tock. Die kleinen Sträucher eilten so eifrig voran, dass ihre Zweige sich manchmal verhedderten.
Sogar die Schlingpflanzen fanden einen Weg dorthin: Sie wickelten sich um benachbarte Bäume und reisten mit ihnen.
Am Abend war die große Lichtung voller Pflanzen.
Molave sah sich um.
„Ist Mango da?“
„Ja!“
„Bambus?“
„Hier!“
„Banane?“
„Schon lange!“
„Buri-Palme?“
Niemand antwortete.
Die Buri-Palme lebte weit entfernt. Sie war hoch und breit und ließ sich mit allem sehr viel Zeit. Als sie von der Versammlung hörte, dachte sie:
„Bis zum Berg ist es weit. Ich gehe morgen los.“
Am nächsten Morgen war die Sonne so angenehm, dass die Palme ihre Blätter noch ein wenig wärmen wollte.
„Das macht nichts. Die anderen werden auch nicht sofort da sein.“
Am dritten Tag zog sie endlich ihre Wurzeln aus der Erde und brach auf.
Doch unterwegs blieb sie an einem Bach stehen.
„Was für schönes Wasser!“, sagte die Palme. „Ich ruhe mich eine Stunde aus.“
Aus einer Stunde wurde ein halber Tag.
Inzwischen hatte die Versammlung längst begonnen.
Die Pflanzen beschlossen, wo sie mehr Schatten für junge Triebe lassen sollten, wie sie den Boden schonen konnten und wer die anderen vor einem herannahenden starken Wind warnen würde.
Molave blickte immer wieder zum Pfad.
„Wo bleibt Buri?“
„Vielleicht ist etwas passiert?“, fragte der Mangobaum besorgt.
„Ich habe sie gestern gesehen“, sagte der Bambus. „Sie hatte es einfach nicht eilig.“
Noch ein Tag verging.
Und noch einer.
Als die Versammlung schon fast zu Ende war, erschien die hohe Buri-Palme endlich auf dem Pfad.
„Wartet! Ich bin da!“, rief sie von Weitem.
Die Pflanzen drehten sich um.
Molave fragte:
„Warum kommst du so spät? Wir haben mehrere Tage auf dich gewartet.“
Buri wurde verlegen.
„Zuerst hatte ich keine Lust aufzubrechen. Dann habe ich mich lange am Bach ausgeruht. Ich dachte, ohne mich würde die Versammlung sowieso nicht anfangen.“
Molave schüttelte seine Zweige.
„Jeder im Wald ist wichtig, aber niemand ist wichtiger als alle anderen zusammen. Wenn du zusagst zu kommen, verlassen die anderen sich auf dich.“
Buri ließ die Blätter sinken.
„Ich habe verstanden.“
Da sprach Molave, so erzählt die alte Sage, eine Zauberregel aus:
„Von nun an soll dein Leben alle daran erinnern, dass jede Aufgabe ihre Zeit hat. Du wirst viele Jahre wachsen, Kraft sammeln und deine Blätter hoch zur Sonne heben. Und wenn du eines Tages der Welt Samen für eine neue Generation schenkst, wird dein eigener langer Weg zu Ende gehen und jungen Pflanzen Platz machen.“
Seitdem, so heißt es, wächst die Buri-Palme sehr, sehr lange und sammelt Kraft für ihre große Blüte und ihre Samen. Wenn die Samen bereit sind, das Leben der Palmen fortzusetzen, stirbt der alte Baum allmählich ab und macht neuen Trieben Platz.
Ob sich wirklich alles so zugetragen hat, weiß heute niemand mehr.
Die Pflanzen gehen schon lange nicht mehr auf den Straßen umher und sprechen nicht mehr mit menschlichen Stimmen. Heute stehen sie an ihrem Platz und geben ihre Neuigkeiten im Rascheln der Blätter weiter.
Doch wenn der Wind durch ihre Kronen streicht, kann man manchmal hören:
„Alles hat seine Zeit … Alles hat seine Zeit …“
Und vielleicht erinnert der alte Molave den Wald noch immer daran: Wenn man auf dich wartet, solltest du den Aufbruch nicht auf morgen verschieben.
