Cover: Der goldene Apfelbaum und die neun Pfauinnen

Serbien

Der goldene Apfelbaum und die neun Pfauinnen

Goldene Äpfel, zauberhafte Pfauinnen, Reise, Treue

Land
Serbien
Alter
7–11 Jahre
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Der goldene Apfelbaum und die neun Pfauinnen

Vor langer, langer Zeit lebte ein König mit seinen drei Söhnen. Vor seinem Schloss wuchs ein wundersamer Apfelbaum.

Tagsüber sah er gewöhnlich aus, wenn auch sehr alt. Doch einmal im Jahr, in einer besonderen Nacht, öffneten sich an seinen Zweigen gleichzeitig goldene Blüten. Daraus wuchsen goldene Äpfel, und bis zum Morgen waren alle Früchte spurlos verschwunden.

„Ich will endlich wissen, wer sie wegnimmt“, sagte der König.

Als Erster hielt der älteste Sohn Wache. Er legte sich unter den Apfelbaum, schlief aber kurz vor Mitternacht ein. Bei Tagesanbruch waren die Zweige leer.

In der nächsten Nacht versuchte es der mittlere Bruder. Auch er schlief ein.

In der dritten Nacht war der jüngste an der Reihe.

Er ruhte sich vorher aus und stellte einen Becher kaltes Wasser neben sich. Wenn ihm die Augen zufielen, wusch er sich damit das Gesicht.

Um Mitternacht begann der Apfelbaum zu strahlen. An seinen Zweigen reiften nacheinander runde Früchte wie kleine Sonnen.

Da hörte man am Himmel das Rauschen von Flügeln.

Neun wunderschöne Pfauinnen flogen in den Garten. Acht setzten sich auf die Zweige und pickten die goldenen Äpfel. Die neunte landete neben dem Königssohn im Gras und verwandelte sich plötzlich in ein junges Mädchen. Sein Kleid schimmerte blau und grün wie ein Federkleid.

„Du schläfst nicht“, sagte sie lächelnd.

„In dieser Nacht nicht.“

Sie unterhielten sich bis Mitternacht. Vor ihrem Abflug gab das Mädchen ihm zwei goldene Äpfel.

„Einen für dich, einen für deinen Vater.“

Dann wurde sie wieder zur Pfauin und flog ihren Schwestern nach.

Der König freute sich sehr über die beiden Äpfel. So geschah es mehrere Nächte lang: Der jüngste Sohn traf das zauberhafte Mädchen und brachte seinem Vater morgens eine goldene Frucht.

Die älteren Brüder wurden neidisch. Sie wollten das Geheimnis erfahren und baten eine listige alte Magd, ihren jüngeren Bruder zu beobachten.

Eines Nachts versteckte sie sich in der Nähe. Als das Pfauenmädchen zum Menschen wurde, streifte die Magd unvorsichtig mit ihrer Schere eine goldene Haarsträhne.

Das Mädchen erschrak, wurde augenblicklich wieder zur Pfauin und flog fort. Mit ihr verschwanden alle acht Schwestern.

Der Königssohn wurde sehr traurig.

„Ich werde sie finden“, sagte er. „Und wenn ich noch so weit gehen muss.“

Er rächte sich nicht an der alten Magd. Der König schickte sie lediglich vom Schloss fort, und die älteren Brüder mussten zugeben, dass ihr Neid Unheil angerichtet hatte.

Mit einem Diener machte sich der Königssohn auf den Weg.

Nach vielen Tagen kamen sie zu einem großen See. An seinem Ufer stand das Schloss einer alten Königin.

„Neun Pfauinnen?“, fragte sie nach. „Ich kenne sie. Jeden Mittag fliegen sie herbei, um im See zu baden. Aber warum willst du eine von ihnen suchen? Bleib lieber hier.“

Der Königssohn bedankte sich, lehnte aber ab.

Am nächsten Tag ritt er zum See. Doch die alte Königin wollte ihn nicht ziehen lassen und überredete seinen Diener, einen kleinen Zauberblasebalg zu benutzen. Blies man damit leise hinter einem Menschen, schlief der ein.

Genau das geschah.

Die neun Pfauinnen kamen angeflogen, und die jüngste setzte sich neben den Königssohn.

„Wach auf“, bat sie. „Ich habe so lange gewartet.“

Doch er schlief.

Am nächsten Tag geschah dasselbe.

Am dritten Tag sagte das Mädchen zum Diener:

„Sag ihm: Wenn er mich wirklich finden möchte, soll er durch das weiße Tor gehen und sich danach immer rechts halten. Dort liegt die Stadt der neun Pfauinnen.“

Als der Königssohn aufwachte und die Wahrheit hörte, begriff er, dass der Diener ihn betrogen hatte.

Er bestrafte ihn nicht grausam, sagte aber:

„Du kehrst nach Hause zurück. Ich gehe allein weiter.“

Lange wanderte der Königssohn, bis er in den Bergen einen Einsiedler traf. Der zeigte ihm den Weg zum weißen Tor.

Dahinter lag tatsächlich eine wundervolle Stadt, hell wie der Morgennebel. In ihrer Mitte erhob sich ein Schloss.

Als der Königssohn ans Tor kam, lief ihm dasselbe Mädchen entgegen. Sie war die Königin dieses Zauberlandes.

„Du hast mich doch gefunden!“

Beide waren glücklich. Einige Zeit später beschlossen sie zu heiraten.

Im Schloss gab es viele Zimmer und zwölf alte unterirdische Vorratskammern. Eines Tages gab die Königin ihrem Mann die Schlüssel.

„Du darfst überall hinein, nur nicht in die zwölfte Kammer. Dort ist ein alter gefährlicher Zauber eingeschlossen.“

Der Königssohn gab sein Versprechen.

Doch die Neugier war stärker. Als die Königin spazieren ging, öffnete er die erste Kammer, die zweite, die dritte … und blieb schließlich vor der zwölften stehen.

„Ich schaue nur kurz hinein“, dachte er.

Darin stand ein großes Fass, das von drei eisernen Reifen zusammengehalten wurde.

Eine schwache Stimme drang daraus hervor:

„Wasser … gib mir etwas Wasser.“

Der Königssohn hatte Mitleid mit dem, der darin saß, und goss einen Becher Wasser hinein.

Der erste Reifen klirrte und fiel ab.

„Noch etwas, bitte.“

Nach dem zweiten Becher öffnete sich der zweite Reifen. Nach dem dritten fiel das Fass auseinander, und ein großer Drache brach daraus hervor.

Er packte die Königin, der er auf dem Weg zum Schloss begegnete, und raste in sein fernes Reich davon.

Der Königssohn war verzweifelt.

„Ich selbst habe die Gefahr freigelassen. Also muss ich auch helfen, alles wiedergutzumachen.“

Er machte sich auf die Suche.

Eines Tages sah er an einem See einen kleinen Fisch, der nach dem Sinken des Wassers in einer Pfütze zurückgeblieben war.

„Hilf mir zurück in den See“, bat er. „Eines Tages helfe ich auch dir.“

Vorsichtig setzte der Königssohn ihn ins Wasser. Der Fisch hinterließ ihm eine glänzende Schuppe.

„Reib sie, wenn du mich brauchst.“

Dann fand er eine Füchsin, die sich in einer Seilfalle verfangen hatte. Er befreite sie, und die Füchsin schenkte ihm ein Haar aus ihrem Schwanz.

In den Bergen half er ebenso einem Wolf, aus einer Falle zu entkommen. Auch der Wolf hinterließ ihm ein Haar.

Endlich fand der Königssohn das Reich des Drachen. Die Königin war dort, doch sie konnten nicht fliehen: Der Drache besaß ein Pferd, das schneller war als der Wind.

„Finde heraus, woher er dieses Pferd hat“, bat der Königssohn.

Die Königin fragte den Drachen vorsichtig aus.

Es stellte sich heraus, dass weit in den Bergen eine alte Zauberin lebte. Sie hatte zwölf Pferde. Das beste sah am unscheinbarsten aus, konnte aber schneller eilen als ein Vogel. Um ein Pferd zu bekommen, musste man drei Nächte lang eine Zauberstute und ihr Fohlen bewachen.

Der Königssohn ging zur Zauberin.

„Wenn du meine Stute und ihr Fohlen in drei Nächten jedes Mal in den Stall zurückbringst, darfst du dir ein Pferd aussuchen“, sagte sie. „Wenn du es nicht schaffst, gehst du einfach mit leeren Händen fort.“

In der ersten Nacht setzte sich der Königssohn auf die Stute und beschloss, nicht abzusteigen. Doch gegen Mitternacht nickte er ein. Als er aufwachte, saß er auf einem Zaun, und die Stute und das Fohlen waren fort.

Er erinnerte sich an die Fischschuppe und rieb sie.

Der Fisch schaute aus dem Wasser hervor.

„Die Stute hat sich in einen großen Fisch verwandelt, das Fohlen in einen kleinen. Berühre das Wasser mit dem Zaumzeug und ruf sie.“

Der Königssohn tat es. Die Stute und das Fohlen wurden wieder zu Pferden und kehrten mit ihm in den Stall zurück.

In der zweiten Nacht geschah dasselbe, nur wurde die Stute zur Füchsin und das Fohlen zum Fuchsjungen. Diesmal half die Füchsin, die er einst befreit hatte.

In der dritten Nacht wurde die Stute zur Wölfin und das Fohlen zum Wolfsjungen. Der Wolf kam ihm zu Hilfe.

Am Morgen räumte die Zauberin ein:

„Du hast die Bedingung erfüllt. Such dir ein Pferd aus.“

Im Stall standen elf glänzende Schönheiten. In der hintersten Ecke döste jedoch ein mageres, struppiges Pferd.

„Das nehme ich“, sagte der Königssohn.

„Ganz sicher?“, fragte die Zauberin erstaunt.

„Ganz sicher.“

Als sie sich vom Haus entfernt hatten, bürstete der Königssohn das Pferd. Unter dem alten Fell kam eine goldene Farbe zum Vorschein.

Das Pferd hob den Kopf.

„Halt dich gut fest.“

Und es flog so schnell dahin, dass die Bäume zu grünen Streifen wurden.

Einen Augenblick später waren sie am Schloss des Drachen.

Die Königin setzte sich hinter den Königssohn, und sie eilten nach Hause.

Der Drache nahm auf seinem Pferd die Verfolgung auf. Der Abstand schrumpfte, doch das goldene Pferd blieb ganz ruhig.

„Hab keine Angst“, sagte es. „Das Pferd des Drachen ist mein Bruder.“

Als der Verfolger näher kam, rief das goldene Pferd:

„Bruder! Warum hilfst du jemandem, der andere mit Gewalt festhält? Komm zu uns.“

Das Pferd des Drachen wurde langsamer.

Zornig befahl der Drache ihm, schneller zu laufen. Doch es blieb ganz stehen. Der Drache sprang auf den Boden und begann zu drohen, aber beide Pferde entfernten sich von ihm.

Ohne sein Zauberpferd konnte er die Flüchtenden nicht mehr einholen.

Der Königssohn und die Königin kehrten in die Stadt der neun Pfauinnen zurück. Das zweite Zauberpferd durfte mit seinem Bruder auf weiten Wiesen leben.

Die Tür der zwölften Kammer aber blieb seither nicht mehr hinter einem Geheimnis verschlossen. Der Königssohn und die Königin erzählten allen, was dort geschehen war, und machten aus dem Keller einen gewöhnlichen Lagerraum für Äpfel.

„Manche Verbote sollte man erklären“, sagte die Königin.

„Und manche Türen sollte man nicht öffnen, nur weil man so neugierig ist“, fügte der Königssohn hinzu.

Jeden Frühling blühte am Schloss ein neuer goldener Apfelbaum. Und einmal im Jahr flogen die neun Pfauinnen in den Garten.

Jetzt hielt niemand mehr Wache oder versteckte sich. Man ließ einfach ein paar goldene Äpfel für sie an den Zweigen hängen.

Die Kinder im Königreich hörten gern die Geschichte davon, wie drei kleine gute Taten, die Hilfe für einen Fisch, eine Füchsin und einen Wolf, sich als stärker erwiesen als das schnellste Pferd des Drachen.