Cover: Das goldene Entchen

Tschechien

Das goldene Entchen

Goldene Ente, Verwandlung, Treue, Erinnerung

Land
Tschechien
Alter
7–11 Jahre
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Das goldene Entchen

Ein König hatte vier Söhne. Als der jüngste, Raduz, größer geworden war, sagte seine Mutter:

„Alle Kinder müssen die Welt irgendwann von anderswo als aus einem Palastfenster sehen. Lasst Raduz auf Reisen gehen, arbeiten, verschiedene Menschen kennenlernen und weiser zurückkehren.“

Raduz hatte selbst schon lange davon geträumt. Er verabschiedete sich von seiner Familie, nahm das Nötigste mit und ging dorthin, wohin ihn der Weg führte.

Lange wanderte er durch Ebenen und Wälder, bis er eines Abends einen hohen Berg erreichte. Am Hang stand ein einsames Haus. Raduz klopfte an.

Darin lebten drei Menschen: die strenge Zauberin Ježibaba, ihr schweigsamer Mann, der ebenfalls zaubern konnte, und ihre Tochter Ludmila. Anders als ihre Mutter war Ludmila sanft und aufmerksam und mochte es nicht, wenn jemandem Unrecht geschah.

„Ich suche Arbeit“, sagte Raduz. „Ich kann zupacken und fürchte keine schwierigen Aufgaben.“

Ježibaba kniff die Augen zusammen.

„Schwierige Aufgaben? Das ist gut. Wir werden sehen, wie mutig du bist.“

Am nächsten Morgen führte sie ihn ans Fenster.

„Siehst du den steinigen Hang? Verwandle ihn bis morgen früh in einen Garten. Die Bäume sollen wachsen, blühen und reife Früchte tragen. Hier hast du eine hölzerne Hacke.“

Raduz hatte mit der Hacke nur ein paarmal auf die Steine geschlagen, da brach sie entzwei.

„Ein großartiger Anfang“, seufzte er und setzte sich unter eine Buche. „Bis morgen früh wächst hier höchstens ein Berg von Trümmern.“

Mittags kam Ludmila. Sie brachte ihm ihr eigenes Essen und sagte leise:

„Sei nicht traurig. Meine Mutter liebt Aufgaben, die sich auf gewöhnliche Weise nicht lösen lassen. Aber ich kenne eine andere.“

Sie holte ihren Zauberstab hervor, berührte die Erde, und der steinige Hang schien zu erwachen. Zwischen den Steinen erschien Gras, dann wuchsen junge Bäume, ihre Zweige bedeckten sich mit Blüten, und einen Augenblick später reiften schon Äpfel, Birnen und Pflaumen daran.

„Was für ein Garten!“, flüsterte Raduz begeistert.

„Vergiss jetzt nicht, einen Korb voller Früchte zu sammeln“, sagte Ludmila lächelnd. „Meine Mutter schätzt Beweise mehr als Wunder.“

Ježibaba war unzufrieden, konnte aber nichts aussetzen.

Am nächsten Tag befahl sie Raduz, bis zum Morgen einen Weinberg wachsen zu lassen. Wieder war die Arbeit unmöglich, und wieder half Ludmila. Sie aßen zusammen zu Mittag, sprachen über ferne Länder, und dann berührte der Zauberstab die Erde. Grüne Reben breiteten sich über den Hang aus, schwer von reifen Trauben.

Am dritten Tag zeigte Ježibaba auf eine kahle Felswand.

„Verwandle diesen Stein in Mehl und back mir Brot. Werkzeug bekommst du keines.“

Raduz wusste schon, auf wen er hoffen konnte. Doch diesmal kam Ludmila besorgt zu ihm.

„Meine Mutter ahnt, dass ich dir helfe.“

„Dann geh meinetwegen kein Risiko ein.“

„Zu spät“, antwortete Ludmila. „Ich habe schon beschlossen, dich nicht allein zu lassen.“

Sie schwang den Zauberstab. Die Felswand verwandelte sich in Säcke voller Korn, daneben begann eine Mühle zu klappern, und bald duftete es aus einem kleinen Ofen nach frischem Brot.

Raduz sah Ludmila an und begriff plötzlich, dass das Wunderbarste an diesem Berg nicht der Zauberstab war. Es war das Mädchen, das ihm dreimal zu Hilfe gekommen war, obwohl es auch hätte vorbeigehen können.

Auch Ježibaba begriff etwas: Ludmila musste ihre Hand im Spiel gehabt haben.

Sie beschloss, Raduz noch eine Prüfung aufzuerlegen, diesmal eine wirklich gefährliche. Ludmila hörte davon und sagte noch in derselben Nacht:

„Wir müssen fort. Nicht morgen. Jetzt.“

„Nur gemeinsam“, antwortete Raduz.

„Dann versprich mir, dass du mich nicht vergisst, auch wenn du in deinen Palast zurückkehrst.“

„Wie könnte man jemanden vergessen, der einen dreimal vor etwas Unmöglichem gerettet hat?“

Vor ihrer Flucht ließ Ludmila ein Tuch in ihrem Zimmer zurück und Raduz seine Mütze. Sie verzauberte die beiden Dinge so, dass sie ein paarmal auf die Rufe der Hausherren antworten konnten. So hörte man morgens noch eine Weile aus den Zimmern:

„Ich stehe schon auf!“

„Noch einen Augenblick!“

„Ich komme gleich!“

Als Ježibaba endlich die Türen öffnete, waren die Zimmer leer.

Zuerst jagte ihr Mann auf einem schwarzen Zauberpferd hinter ihnen her. Ludmila spürte die Gefahr, noch bevor Raduz eine dunkle Wolke am Himmel sah.

„Schnell!“, sagte sie.

Der Zauberstab berührte die Erde. Ludmila wurde zu einem weiten Roggenfeld und Raduz zu einem Schnitter mit einer Sichel.

Der Zauberer kam aus der Wolke herab und fragte:

„Hast du zwei junge Menschen gesehen?“

„Ja“, antwortete der Schnitter ruhig. „Sie kamen hier vorbei, als ich gerade den Roggen säte.“

Der Zauberer sah das reife Feld an und glaubte, das müsse sehr lange her sein. So gewannen die Flüchtenden Zeit.

Als der Verfolger zum zweiten Mal zurückkam, verwandelte Ludmila sich in eine kleine Fliege, Raduz wurde ein Einsiedler, und neben der Straße erschien eine Kapelle. Wieder fand der Verfolger nichts.

Da stieg Ježibaba selbst auf ein Feuerpferd.

Der Himmel wurde rot. Die Luft wurde heiß.

„Jetzt wird es schwieriger“, sagte Ludmila. „Vor uns liegt ein See. Ich werde zu einem goldenen Entchen. Du versteckst dich im Wasser nahe dem Ufer. Wenn meine Mutter sich von ihrem Pferd entfernt, greif nach seinem Zaumzeug.“

Der Zauberstab blitzte, und auf dem See erschien ein kleines goldenes Entchen. Es leuchtete, als hielte jede seiner Federn einen Sonnenstrahl fest.

Ježibaba kam zum Wasser hinunter und streckte die Hände aus.

„Komm her, Vögelchen … noch ein bisschen …“

Das Entchen schwamm nahe heran und dann wieder weiter fort. Schritt für Schritt entfernte sich die Zauberin von ihrem Pferd.

In diesem Augenblick sprang Raduz aus dem Wasser und packte das Zaumzeug. Das goldene Entchen flog auf, setzte sich neben ihn und wurde wieder zu Ludmila. Sie sprangen auf das Zauberpferd und jagten über den See.

Ježibaba konnte sie nicht einholen, doch es gelang ihr noch, ihnen einen Fluch nachzurufen:

„Wenn dich vor der Hochzeit eine andere Frau küsst, Raduz, wirst du Ludmila vergessen! Und deine Erinnerung wird nicht sofort zurückkehren!“

Raduz drückte Ludmilas Hand nur noch fester.

„Das wird nicht geschehen.“

Bald tauchten die Türme seiner Heimatstadt auf. Raduz bat Ludmila, bei einer Waldlichtung zu warten.

„Ich sage meinen Eltern nur, dass ich zurück bin, hole ein festliches Gewand für dich und komme sofort wieder.“

Im Palast herrschte große Freude. Seine Mutter umarmte ihn, doch Raduz dachte an den Fluch und wandte sich vorsichtig von ihrem Kuss ab.

Nach der langen Reise schlief er jedoch ein. Die Königin kam ins Zimmer, sah ihren schlafenden Sohn und küsste ihn leise auf die Wange.

Im selben Augenblick schien sich die Erinnerung an Ludmila hinter dichtem Nebel zu verbergen.

Am Morgen erinnerte Raduz sich an die Berge, den Weg und die seltsamen Prüfungen, konnte sich aber beim besten Willen nicht entsinnen, wen er von der Waldlichtung abholen sollte.

Ludmila wartete bis zum Abend. Dann bis in die Nacht. Schließlich begriff sie: Der Fluch hatte gewirkt.

Sie wurde nicht zornig. Sie wusste, dass Raduz sie nicht aus eigenem Willen vergessen hatte.

Zunächst verwandelte Ludmila sich in eine schlanke Pappel am Weg zum Palast. Wenn Raduz vorbeikam, wurde ihm aus einem unerklärlichen Grund traurig und zugleich warm ums Herz. Doch ein starker Wind beschädigte den Baum, und Ludmila wechselte ihre Gestalt.

Sie wurde zu einem kleinen Birnbaum unter einem Palastfenster. Jeden Morgen erschienen goldgelbe Früchte an seinen Zweigen. Der König liebte diesen Baum, doch die alte Königin beunruhigte sein wundersames Wesen, und sie befahl, ihn weiter vom Palast entfernt einzupflanzen.

Die Jahre vergingen. Der Fluch wurde schwächer.

Eines Frühlingsmorgens erschien auf dem See unter den Palastfenstern ein goldenes Entchen.

Raduz sah es und hielt wie erstarrt inne.

„Ich habe dich schon einmal gesehen“, flüsterte er. „Wo? … Wann? …“

Der Vogel ließ niemanden an sich heran. Fischer kamen mit Booten, Fänger brachten Netze, doch das Entchen entwischte ihnen mühelos.

„Genug“, sagte Raduz. „Ich gehe selbst zu ihm. Ohne Netze.“

Er setzte sich ans Ufer und streckte die Hand aus.

„Wenn ich dir einmal wehgetan habe, auch wenn ich mich nicht daran erinnere, dann flieh nicht. Gib mir eine Chance, mich zu erinnern.“

Das Entchen schwamm näher. Dann noch näher. Schließlich berührte es seine Hand mit dem Schnabel.

Die Welt schien aufzuleuchten.

Raduz sah den steinigen Hang, den Garten, den Weinberg, das frische Brot, die dunkle Wolke, die Kapelle, das Feuerpferd und den See.

„Ludmila!“

Die goldenen Federn leuchteten auf und lösten sich auf. Vor ihm stand sie selbst.

„Ich habe gewartet, bis du dich nicht nur an mein Gesicht erinnerst, sondern an alles, was zwischen uns war“, sagte Ludmila.

„Verzeih mir.“

„Es gibt nichts zu verzeihen. Du hast das Vergessen nicht gewählt.“

Raduz brachte sie in den Palast und erzählte seiner Familie die ganze Geschichte. Als Erste bat die Königin um Verzeihung, weil sie den Fluch unabsichtlich vollendet hatte.

Bald heirateten Raduz und Ludmila. Doch am lebhaftesten erinnerten sich die Menschen nicht an die Hochzeit, sondern an das goldene Entchen, das noch einige Tage im Sonnenglanz auf dem See schwamm.

Man sagt, von da an erzählte man den Kindern in jenem Königreich: Wahre Treue bedeutet nicht, einen Menschen mit Gewalt festzuhalten. Sie bedeutet, sich an das Gute zu erinnern, auch wenn der andere es eine Zeit lang nicht mehr weiß.