Cover: Die goldhaarigen Zwillinge

Serbien

Die goldhaarigen Zwillinge

Zwillinge, Familie, Neid, Wunder, Rückkehr der Wahrheit

Land
Serbien
Alter
7–11 Jahre
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Die goldhaarigen Zwillinge

Vor langer, langer Zeit stand in einem grünen Königreich ein Schloss mit hohen Türmen und einem großen Garten. Darin wuchsen Rosen, Apfelbäume und silberne Pappeln, und morgens sangen die Vögel an den Springbrunnen.

Der junge König ging oft ohne prächtiges Gefolge in die Stadt, denn er wollte wissen, wie seine Leute lebten. Eines Abends hörte er drei Schwestern sprechen, die am offenen Fenster saßen und von ihrer Zukunft träumten.

Die älteste sagte:

„Wenn ich im Schloss lebte, würde ich jeden Tag das beste Brot im ganzen Königreich backen.“

Die mittlere lachte.

„Und ich würde Gerichte kochen, über die man Lieder singen würde.“

Die jüngste aber sagte leise:

„Ich würde von einer Familie träumen. Und wenn ich Kinder bekäme, würde ich mir wünschen, dass sie gütig, mutig und voller Licht aufwachsen. In Märchen heißt es, dass das Haar besonderer Kinder wie Gold leuchten kann.“

Der König merkte sich ihre Worte. Später lernten sie einander kennen, verliebten sich und heirateten.

Ein Jahr verging, und die Königin bekam Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Wenn Sonnenlicht auf sie fiel, schimmerte ihr Haar tatsächlich golden.

Im Schloss freuten sich alle bis auf eine alte Verwandte des Königs, die seit Langem daran gewöhnt war, alles selbst zu bestimmen. Sie fürchtete, ihren Einfluss zu verlieren, und beschloss, dass ihr die neue Königin und die Kinder im Weg seien.

Während die Königin sich ausruhte, befahl die neidische Frau einer Magd, die Wiege mit den Zwillingen in einen abgelegenen Teil des Gartens zu bringen. Sie wollte nicht, dass den Kindern etwas geschah. Doch sie hoffte, man würde sie weit vom Schloss entfernt finden, und niemand würde erfahren, wer sie waren.

Die Magd traute sich nicht, die Kleinen einfach auf die Erde zu legen. Sie bettete sie in einen warmen Korb, deckte sie zu und verbarg sie unter einem großen Apfelbaum, an dem der alte Gärtner oft vorbeiging.

So geschah es. Bei Tagesanbruch hörte der Gärtner ein leises Weinen.

„Wer ist denn hier früher aufgewacht als die Vögel?“, fragte er erstaunt.

Als er die Kinder sah, nahm er sie sofort mit in sein kleines Haus. Der Gärtner und seine Frau waren schon lange allein. Deshalb beschlossen sie, sich vorerst um die Kleinen zu kümmern, bis deren Familie gefunden wäre.

Doch die neidische Verwandte erfuhr, dass die Zwillinge lebten. Sie erschrak und ließ den alten Gärtner weit vom Schloss entfernt ansiedeln. Das Ehepaar zog in ein anderes Dorf und nahm die Kinder mit.

Vor seiner Abreise pflanzte der Gärtner an seinem Häuschen zwei junge Bäume als Erinnerung an die Zwillinge.

Im nächsten Frühling wuchsen daran Blätter in der Farbe jungen Goldes. Der Wind berührte die Zweige, und sie klingelten wie kleine Glöckchen.

„Solche Bäume habe ich noch nie gesehen“, sagten die Höflinge.

Die neidische Frau ließ sie fällen, denn sie fürchtete alles, was an die Kinder erinnerte.

Aus ihrem Holz machte man jedoch zwei kleine Bänke für den Schlossgarten. Wenn die Sonne darauf fiel, liefen goldene Funken über das Holz.

„Ein wahres Wunder!“, lachten die Kinder der Diener und berührten die glatten Bretter.

Da wurden die Bänke in eine Vorratskammer gebracht. Doch nachts begann unter der Tür weiches goldenes Licht hervorzuscheinen.

Niemand wusste, woher es kam.

Inzwischen wuchsen die Zwillinge in dem anderen Dorf auf. Der Gärtner brachte dem Jungen bei, Bäume zu pflegen. Seine Frau lehrte das Mädchen, zu lesen, zu nähen und die Stimmen der Vögel zu unterscheiden. Die Kinder wussten nicht, woher sie stammten. Sie bemerkten nur, dass ihr Haar in der Sonne etwas heller leuchtete als das der anderen.

„Das kommt wohl daher, dass ihr immer draußen herumrennt“, scherzte der Gärtner.

Eines Sommers kam ein fahrender Musikant ins Dorf. Er hörte die Zwillinge zusammen singen und sagte:

„Eure Stimmen passen wunderbar zusammen. Es ist, als beginne einer die Melodie und der andere wisse, wohin sie sich wenden muss.“

Der Musikant schenkte ihnen eine kleine Flöte und brachte ihnen ein paar Lieder bei.

Als die Zwillinge zwölf Jahre alt wurden, wollten sie die Hauptstadt sehen. Der Gärtner wollte sie nicht allein ziehen lassen und fuhr deshalb mit ihnen.

In der Stadt bereitete man gerade ein großes Fest vor. Auf dem Platz traten Musiker, Tänzer und Geschichtenerzähler auf. Die Zwillinge stellten sich an den Rand und spielten ein einfaches Lied von einem Apfelbaum, der sich an diejenigen erinnert, die einst unter seinen Zweigen schliefen.

Die Menschen blieben stehen und lauschten. Bald versammelte sich eine ganze Menge um sie.

Im Schloss hörte man von den Kindern mit dem goldenen Haar. Der König ließ sie zum Abendkonzert einladen.

Als die Zwillinge den Saal betraten, wurde dem König seltsam beklommen zumute. Er konnte nicht erklären, warum, doch die Gesichter der Kinder kamen ihm vertraut vor.

Die Königin, die all die Jahre um ihre verschwundenen Säuglinge getrauert hatte, sah sie und legte die Hände vor den Mund.

„Diese Melodie …“, flüsterte sie. „Ich habe sie meinen Kindern an der Wiege vorgesungen.“

Die Zwillinge staunten.

„Unser Gärtnergroßvater hat sie uns beigebracht“, sagte das Mädchen.

Man rief den Alten in den Saal. Er erzählte, wie er vor vielen Jahren den Korb unter dem Apfelbaum gefunden hatte, wie er den Schlossgarten verlassen musste und wie seine Frau und er die Kinder großgezogen hatten.

Der König ließ die alten Aufzeichnungen des Schlosses bringen. Darin fand sich der Name der Magd, die in jener Nacht am Kinderzimmer Wache gehalten hatte. Inzwischen war sie eine ältere Frau und bereute schon lange, dass sie damals aus Angst dem Befehl gefolgt war.

Als man sie herbeirief, erzählte sie die ganze Wahrheit.

Im Saal wurde es still.

Der König trat zu den Zwillingen.

„Ich kann die Jahre nicht zurückholen, die wir nicht miteinander verbracht haben“, sagte er. „Aber wenn ihr es erlaubt, möchte ich nicht nur euer leiblicher Vater sein, sondern von jetzt an jeden Tag für euch da sein.“

Die Königin umarmte die Kinder.

Das Mädchen aber schaute zum alten Gärtner und sagte:

„Dann haben wir zwei Familien. Die, in der wir geboren wurden, und die, die uns großgezogen hat.“

„Genau so ist es“, stimmte der König zu. „Liebe wird nicht weniger, wenn man sie teilt.“

Die neidische Verwandte wurde weder ins Verlies geworfen noch grausam bestraft. Sie durfte sich nicht mehr in die Staatsgeschäfte einmischen und verließ das Schloss. Vor ihrer Abreise bat sie zum ersten Mal aufrichtig um Verzeihung.

Die Zwillinge aber kehrten in den alten Garten zurück.

Dort fanden sie die Stümpfe der beiden goldenen Bäume. Im Frühling kamen daneben neue Triebe aus der Erde.

Vorsichtig häufte der Junge Erde um sie.

„Dann sind sie doch nicht verschwunden.“

„Manche Dinge warten nur auf ihre Zeit“, antwortete seine Schwester.

Einige Jahre später standen im Garten wieder zwei goldene Apfelbäume. Jeden Herbst reiften an ihren Zweigen Äpfel, die gewöhnlich schmeckten, aber erstaunlich sonnig aussahen. Kinder aus der ganzen Stadt kamen, um die Blätter im Wind schimmern zu sehen.

Die goldhaarigen Zwillinge wurden erwachsen und spielten oft dasselbe Lied, das sie einst nach Hause geführt hatte.

Im Königreich sagte man: Man kann die Wahrheit einen Tag, ein Jahr oder sogar viele Jahre lang verbergen. Doch wenn gute Menschen sie bewahren, findet sie eines Tages trotzdem den Weg ans Licht.