Cover: Der Wintergeist und sein Gast

Weltweit

Der Wintergeist und sein Gast

Winter, Geist, Gast, Wechsel der Jahreszeiten

Land
Weltweit
Alter
5–9 Jahre
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Der Wintergeist und sein Gast

Am Ende eines langen Winters stand an einem gefrorenen Bach ein kleines Haus. Darin saß einsam der alte Peboan, der Wintergeist.

Sein Haar war weiß wie Schnee. Vor der Tür wehte ein kalter Wind, die Bäume knackten vor Frost, und der Bach lag reglos unter dem Eis.

Das Feuer im Haus glomm nur noch schwach.

Da kam eines Tages ein unbekannter junger Gast zu Peboan.

Er ging mit leichten Schritten. Auf seinem Gesicht strahlte ein Lächeln, auf seinem Kopf grünte duftendes Gras, und in den Händen trug er Blumen.

„Komm herein, mein Sohn“, begrüßte ihn Peboan. „Schon lange hat mich niemand mehr besucht. Setz dich zu mir. Erzähle mir, was du kannst, und ich erzähle dir, wozu ich selbst imstande bin.“

Der Gast setzte sich neben ihn.

Peboan richtete sich auf und sagte:

„Wenn ich über das Wasser hauche, erstarrt es. Die Bäche werden fest und durchsichtig wie Stein.“

Der junge Mann lächelte.

„Und wenn ich hauche, erwachen auf den Ebenen die Blumen.“

Peboan bewegte die Schultern, und draußen brauste der Wind.

„Wenn ich mein weißes Haar schüttle, bedeckt Schnee die Erde. Die Blätter verlassen die Bäume. Die Vögel fliegen weit fort. Die Tiere suchen warme Verstecke, und der Boden wird hart vor Frost.“

Der Gast strich mit der Hand über die Blumen.

„Wenn ich die Erde berühre, kommt warmer Regen. Die Pflanzen heben ihre grünen Köpfe. Die Vögel kehren zurück. Das Eis gibt die Bäche frei, und sie beginnen wieder, zwischen ihren Ufern zu singen.“

So redeten sie die ganze Nacht.

Peboan erzählte von Schneestürmen, frostigen Morgenstunden und der Stille des verschneiten Waldes.

Der junge Gast sprach von Regentropfen, weicher Erde, frischem Gras und Vogelstimmen.

Schließlich begann es vor dem Fenster zu dämmern.

Der erste Sonnenstrahl berührte den Schnee.

Da geschah ein Wunder.

Irgendwo in der Nähe plätscherte Wasser.

Auf dem Dach sang ein Vogel.

Plötzlich roch die Luft nach feuchter Erde und jungen Pflanzen.

Peboan verstummte.

Er sah seinen Gast an und begriff endlich, wer vor ihm saß.

Es war Sigwun, der Frühlingsgeist.

Die Sonne stieg immer höher. Der Schnee vor der Schwelle begann einzusinken. Das Eis auf dem Bach wurde dunkel, und ein feiner Riss zog sich hindurch.

Peboan selbst wurde immer kleiner, als zöge sich der Winter langsam mit ihm zurück.

„Deine Zeit ist also gekommen“, sagte er leise.

Sigwun lachte ihn nicht aus und vertrieb ihn nicht.

„Auch deine Zeit war nötig“, antwortete er. „Die Erde hat unter dem Schnee geruht. Das Wasser hat unter dem Eis gewartet. Aber jetzt ist alles bereit, aufzuwachen.“

Noch ein Sonnenstrahl glitt über die Erde, und Peboan schmolz wie das letzte Stückchen Eis am Ende des Winters.

An der Stelle, an der er gesessen hatte, blieb eine kleine helle Blume mit einem rosa Rand zurück.

Sigwun beugte sich hinunter, hob sie vorsichtig auf und schmückte damit seinen grünen Kranz.

Dann trat er dem Morgen entgegen.

Hinter ihm öffnete sich die Erde. Der Bach floss wieder zwischen seinen Ufern. Die Vögel kehrten in den Wald zurück. Und dort, wo gestern noch kalter Schnee gelegen hatte, begann neues Leben.

So machte der Winter dem Frühling Platz. Nicht weil einer gut und der andere schlecht war, sondern weil in der Natur jede Jahreszeit ihre eigene Zeit hat.